Lehrer-Schüler Freundschaft: Wie gut darf man mit Schülern sein?

Lehrer-Schüler Freundschaft: Wie gut darf man mit Schülern sein?

Freundschaften zwischen Schüler und Lehrkraft. No-Go oder unter richtigen Bedingungen möglich? (Quelle: Envato)

“Um die Frage nach Nähe oder Distanz von Lehrern und Schülern wird meines Erachtens zu viel Aufhebens gemacht”, erzählt Dorothea Kleffner dem fluter. Schon seit vielen Jahren nutzt die Hamburger Lehrerin Social Media für den Austausch mit ihren Schüler:innen. “Ich habe mir seitdem eigentlich nie die Frage gestellt, ob ich womöglich die nötige Distanz zu meinen Schülern aufgebe, wenn ich mit ihnen auf Facebook befreundet oder über WhatsApp mit ihnen in Kontakt bin”, stellt sie ihre Haltung klar. Darüber, ob dieser Umgang richtig ist, gibt es verschiedene Ansichten. In einigen Bundesländern wäre ihr der Kontakt über Facebook und Whatsapp aber dienstrechtlich verboten. Wie dürfen also der Kontakt und die Beziehung zu Schüler:innen aussehen?

Grundsätzlich besteht zwischen Lehrer:in und Schüler:in immer ein klares Rollenverhältnis. Lehrkräfte haben den Auftrag zu unterrichten, zu erziehen, zu beraten, zu fördern und zu benoten. Damit all das zusammen gelingt, braucht es einen guten Draht zu den Schüler:innen. Jede Lehrkraft muss für sich herausfinden, was zu ihr passt. Sowohl der Kumpeltyp, als auch eine gewisse Strenge können bei der Klasse Anklang finden. Entscheide ich mich dafür, persönliche Nähe zu zeigen, dann stellt sich gleichzeitig die Frage, wo die Grenze liegt. Ist diese überschritten, wenn Lehrer:innen einen außerschulischen Kontakt zu ihren Schüler:innen pflegen? Wir werfen einen Blick auf die Gegebenheiten im schulischen Miteinander und beleuchten, worauf in der Beziehung zu den Schüler:innen zu achten ist.

Social Media macht den persönlichen Lehrer-Schüler-Austausch einfacher

Soziale Netzwerke sind so konzipiert, dass sie eine niedrigschwellige und einfache Kontaktmöglichkeit bieten. Deshalb sind sie über viele Altersklassen hinweg so beliebt,  erreichen eine immer jüngere Zielgruppe und werden sogar von vielen Kindern bereits genutzt. Weil dadurch die Bildung einer Medienkompetenz zu einer wichtigen Aufgabe für Schulen wird, liegt es auf der Hand, diese Kanäle als Lehrkraft auch für die Kommunikation mit den Schüler:innen zu nutzen.

Einige Bundesländer haben der Nutzung von Social Media in der Kommunikation, beispielsweise aus Datenschutzgründen allerdings einen Riegel vorgeschoben. Sie verlangen stattdessen eigene, sichere Plattformen wie Moodle zu verwenden. Andere Länder gestatten ihren Lehrkräften mehr Spielraum auf diesem Gebiet. Wie die Handhabung in eurem Bundesland sind könnt ihr hier nachschauen.

Mancherorts sind Lehrer:innen sogar in der Rolle, den Klassenchat zu moderieren. Doch wie können diese dann noch eine Grenze ziehen? Wo Privates unter derselben Nummer oder auf demselben Endgerät wie das Berufliche stattfindet, kann sich beides leicht vermischen. Als Lehrkraft suggeriert man den Schüler:innen eine Verfügbarkeit rund um die Uhr und muss daher einen Umgang finden, wie man selbst zur Ruhe kommt. Es braucht Momente, in denen alles schulische und damit berufliche beiseite rückt. Das ist wichtig für die Lehrkraft und auch für die Schüler:innen, damit diese erkennen können, dass die Aufgabengebiete ihrer Lehrer:innen an einem bestimmten Punkt enden.

Dazu kommt auch der Schutz der Privatsphäre und persönlicher Inhalte. Dorothea Kleffner macht sich darüber keine Sorgen, wie sie erklärt: “Meine Schüler wissen alle, dass ich ein Privatleben habe. Veröffentliche ich wirklich mal Bilder von der Familie oder von privaten Erlebnissen, interessiert sie das kaum”. Sie sieht sich dabei immer unter der Kontrolle, nur so viel Einblick zu geben, wie sie möchte und in der Macht, die Kontakte wenn nötig einzuschränken. Das erfordert aber eben eine hohe Aufmerksamkeit und Disziplin bei der eigenen Social-Media-Nutzung. 

Ein klares Rollenverständnis im Kontakt zu Schüler:innen ist wichtig

Eine rechtliche Einschränkung zum generellen Kontakt zwischen Lehrer:innen und Schüler:innen gibt es nicht, solange er keine sexuelle oder sonstige Ebene des Missbrauchs betreten wird. Wenn man selbst für sich den eigenen Umgang in dieser Thematik gefunden hat, bleibt es wichtig, als Lehrer:in die eigene Rolle immer klar im Blick zu behalten. Denn von Lehrkräften werden selbstverständlich Fairness und Gleichbehandlung gegenüber der gesamten Klasse erwartet. Gerade weil persönliche Sympathien zwischen allen Menschen verschieden und damit auch für die eigenen Schüler:innen unterschiedlich verteilt sind. Es ist die  Aufgabe des Lehrerberufs, jede und jeden in der Klasse bestmöglich zu unterrichten, zu fördern und auf deren schulische wie pädagogische Bedürfnisse einzugehen. Die Kinder und Jugendlichen haben ein Gespür für die zwischenmenschlichen Dynamiken, weshalb der Verdacht, wenige Lieblingsschüler:innen zu haben, dem Klassenklima schadet. Es kann dazu führen, dass der Zugang zu den Schüler:innen verloren geht, die sich ohnehin weniger gut behandelt oder wertgeschätzt fühlen.

In einer Folge des Podcasts Frau Bachmayer packt aus! von Radio Niedersachsen,erzählt eine Lehrerin von ihrer Kollegin, die die Einladung zum 16. Geburtstag eines Schülers annehmen möchte. Wenn eine Lehrkraft für sich entscheidet, wie in diesem Beispiel außerschulischen Kontakt oder  Aktivitäten mit Schüler:innen zu haben, dann sollte die ganze Klasse involviert sein oder zumindest die Möglichkeit dazu haben. Auch bei der Kommunikation auf Social Media fühlen sich möglicherweise die Schüler:innen benachteiligt, die auf einer der verwendeten Plattformen nicht aktiv sind. Aber auch die teilnehmenden Schüler:innen können die Rolle der Lehrkraft verändert und persönlicher wahrnehmen, wodurch diese an Autorität verlieren.

Da zur Aufgabe auch immer das Noten geben gehört, macht man sich durch die Nähe nicht nur angreifbar von außen, sondern es fällt auch automatisch schwieriger, selbst objektiv zu bleiben. In einer weiteren Podcastfolge teilen die Lehrerin mit dem Pseudonym Frau Bachmayer und ein Kollege ihre Beobachtung, dass sie ihnen sympathische Schüler:innen als Gegenreaktion zur persönlichen Zuneigung schlechter bewertet haben. Diese Schilderung zeigt, dass es hilfreich ist, eine Distanz zu wahren. Beispielsweise indem man ganz bewusst entscheidet, welche persönlichen Informationen man vor Schüler:innen preisgibt. Ebenso hilfreich ist es festzulegen, auf welchen Kontaktwegen und zu welchen Zeiten außerhalb des Unterrichts man für die Schüler:innen erreichbar ist.

Dass man als Lehrkraft zu einzelnen Schüler:innen einen besseren Draht hat als zu anderen, lässt sich nicht vermeiden. Eine Freundschaft zwischen Lehrer:innen und Schüler:innen kann es aber nicht geben. Denn durch die Rolle und die Aufgaben können Lehrkräfte Schüler:innen nie auf persönlicher Ebene gleichberechtigt begegnen. Es gibt immer eine hierarchische Struktur und die lässt sich nicht aufheben, weil sie zum Lehrerberuf gehört. Die Soziologin Julia Hahmann führt dazu im Gespräch mit Deutschlandfunk Nova aus: "Wir sind in der Schule in sehr spezifischen Rollen, als Schüler:innen und als Lehrer:innen, wir haben bestimmte Aufgaben und da ist so ein Machtverhältnis”. Genau dieses Machtverhältnis und die dadurch bestehende Hierarchie zwischen den Personen lässt eine Freundschaft nicht zu. 

Ob man die Person aktuell noch unterrichtet, spielt dabei keine Rolle, solange sie weiterhin auf die Schule geht. Denn Aufsichtspflicht in Pausen oder ein vertraulicher Austausch innerhalb des Lehrerkollegiums bleiben in jedem Fall bestehen. “In der Freundschaftsforschung spricht man davon, dass man von diesen Rollen, also Schüler:in und Lehrer:in, abweichen muss und persönliche Anteile zeigen muss, damit es überhaupt möglich ist, so eine freundschaftliche Beziehung aufzubauen.” führt Hamann weiter aus.

Freundschaft ist erst nach der Schulzeit möglich

Weniger kritisch und nicht ungewöhnlich ist die Sache bei Absolvent:innen. Einige Lehrkräfte, besonders nach der Oberstufe, bieten ehemaligen Schüler:innen das Du an, tauschen die Handynummer aus und halten mit manchen von ihnen Kontakt. Es gibt Beispiele, in denen Lehrer:in und Schüler:in bald nach dem Abschluss von Freundschaft sprechen.

Wie die Erklärung von Julia Hahmann verdeutlicht, muss dafür aber die Augenhöhe und Gleichberechtigung auf der persönlichen Ebene aktiv hergestellt werden. Indem sich Ex-Schüler:in, und insbesondere Lehrer:in einander öffnen und anvertrauen. Dabei müssen beide auch von der Gewohnheit abweichen, dass im Unterricht die Initiativen und Vorgaben immer von der einen Person ausgehen. Dafür braucht es selbstverständlich Zeit, auch um die gemeinsamen Themen und Interessen außerhalb des Schulkontexts zu entdecken. Und das liegt gerade für eine junge Lehrkraft näher, als in späteren Berufsjahren. Der Altersunterschied ist zwar kein Ausschlusskriterium, aber er macht eine Freundschaft weniger wahrscheinlich, weil es innerhalb der Lebenssituationen noch weniger Gemeinsamkeiten gibt. Freunde zu finden ist aber am Ende auch immer ein Stück weit Zufall. 

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass man vorsichtig sein sollte, den Begriff Freund oder Freundin zu schnell zu verwenden. Das gilt sowohl für die Außenwahrnehmung in der Beurteilung von Lehrer-Schüler-Beziehungen, als auch für die Einschätzung des Verhältnisses zu den eigenen Schüler:innen. Wichtig ist es, sich während der Schulzeit sowohl der Rollenverteilung und dem immer vorhandenen Machtgefälle bewusst zu sein, als auch sich selbst klare Grenzen zu setzen, was persönliche und private Inhalte betrifft. Von außen bleibt es schwer zu beurteilen, wann eine Lehrkraft in diesem Fall zu weit geht. Denn es besteht ein breites Spektrum, wie viel Nähe zu Schüler:innen möglich ist.

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