Lernen in Krisenzeiten: Wie Unterricht in Kriegsgebieten funktioniert

Lernen in Krisenzeiten: Wie Unterricht in Kriegsgebieten funktioniert

An vielen ukrainischen Schulen ist Präsenzunterricht rund zwei Jahre nach Kriegsbeginn mit einigen Einschränkungen wieder möglich. (Quelle: Envato)

In Ländern, die von Kriegen und politischer Unruhe geprägt sind, ist der Zugang zu Bildung für junge Menschen eine enorme Herausforderung. Die Auswirkungen solcher Konflikte sind deutlich sichtbar: Zerstörte Schulen, vertriebene Lehrkräfte und eine Generation von Schüler:innen, die keinen sicheren Unterricht besuchen können. Neben der ukrainischen Schulsituation werfen wir auch einen Blick auf den Zustand des Bildungswesens im Jemen und in Afghanistan, das nach Übernahme der Taliban weitreichende Änderungen erlebte. Welche Herausforderungen Lehrkräfte und Schüler:innen in diesen Regionen tagtäglich überwinden müssen und wie geholfen wird, schauen wir uns heute für unsere Themenwoche an.

Ukraine: Beschädigte Schulen und geplünderte Klassenzimmer

Seit der russischen Invasion in die Ukraine im Februar 2022 leiden nach UNICEF-Schätzungen etwa 5.3 Millionen ukrainische Schulkinder unter den verheerenden Auswirkungen des Konflikts. Über 3.700 Bildungseinrichtungen wurden beschädigt, mehr als 300 komplett zerstört. Häufig sind diese Ziel von Angriffen oder werden von Truppen für militärische Zwecke genutzt. In Oblast Kiew beispielsweise besetzten russische Truppen eine Schule, richteten sie als Stützpunkt ein und hinterließen bei ihrem Abzug zerstörte Räume und mit Hassnachrichten beschmierte Wände. Was nicht zerstört wurde, wurde von den Soldaten mitgenommen, darunter wertvolle Ausstattung wie Computer und Fernseher.

Umso wichtiger sind die Bemühungen vieler Organisationen wie der UNO, die in enger Kooperation mit der Europäischen Union arbeiten, Schulen wieder aufzubauen und zu reparieren. Dies hat dazu beigetragen, viele Gebäude wieder sicher und betretbar zu machen, wodurch der Unterricht vor Ort an vielen Schulen mittlerweile wieder möglich ist. Zudem werden alternative Lösungen geschaffen, wie etwa modulare Schulen, die als Übergangslösung eine sichere Umgebung für die Kinder bieten. 

Zurück in den Online-Unterricht

Durch die beschädigten Schulen müssen viele Kinder neue Schulen besuchen oder ihren Unterricht von zu Hause aus fortsetzen. Laut UNICEF sind rund ein Drittel der Schulkinder vollständig auf Online-Unterricht angewiesen, während ein weiteres Drittel nach einem Hybrid-Modell unterrichtet wird. Doch selbst der Online-Unterricht steht vor erheblichen Herausforderungen.

Angriffe auf die wichtige Kommunikations- und Energieinfrastruktur führen zu massiven Stromausfällen, die den Online-Unterricht stark beeinträchtigen. Ein weiteres Problem ist die mangelnde Ausstattung. Viele Familien können sich keine Tablets oder Laptops leisten, was den Zugang zum Online-Unterricht weiter einschränkt und die Qualität des Unterrichts vermindert, da häufig nur ein Smartphone für mehrere Kinder zur Verfügung steht. Um diesem Hindernis entgegenzuwirken, bemühen sich Hilfsorganisationen wie UNICEF um Lösungen. Seit Beginn des Krieges wurden bereits 20.000 Tablets und Laptops an Schulkinder in der Ukraine verteilt. Darüber hinaus werden Schulmaterialien wie Ranzen, Stifte, Bücher und Hefte bereitgestellt, um den Schüler:innen die Möglichkeit zu geben, trotz der schwierigen Umstände ihre Bildung fortzusetzen.

Auch viele geflüchtete Kinder bleiben im Ausland weiter in ukrainische Schulen eingeschrieben und nehmen dann online am Unterricht teil. Ein Grund hierfür ist die Angst der Eltern, dass ihr Kind wegen Sprachbarrieren und unterschiedlicher Schulmentalitäten in den Schulen vor Ort nicht zurechtkommen könnte.

Unterricht im Luftschutzbunker

Auch das ukrainische Bildungsministerium verfolgt trotz der anhaltenden Kriegshandlungen weiterhin das Ziel, an möglichst vielen Schulen wieder Präsenzunterricht einzuführen oder aufrechtzuerhalten. Stand Mai 2023 ist Vollzeitunterricht allerdings nur bei rund 25 Prozent der ukrainischen Schulen möglich. Gerade in frontnahen Gebieten mache dies laut stellvertretendem Bildungsminister Staschkiw keinen Sinn, da es dort Gegenden gebe, die unter ständigem Beschuss stehen. Diese Schulen müssen daher ebenfalls auf Hybrid- oder Online-Unterricht zurückgreifen.

Eine wichtige Voraussetzung für Präsenzunterricht an einer Schule ist das Vorhandensein eines Luftschutzbunkers. Diese müssen bestimmte Vorschriften erfüllen und groß genug sein, damit jeder Platz hat. Viele Luftschutzbunker wurden mithilfe der Unterstützung von Organisationen wie UNICEF in Zusammenarbeit mit der Europäischen Union gebaut. Andere benutzen dafür den bereits vorhandenen Keller der Schule.

In Schulen, die einen Luftschutzbunker besitzen und damit Präsenzunterricht durchführen, ist Luftalarm mittlerweile eine alltägliche Routine geworden. Sobald die Sirene ertönt, muss der Unterricht unterbrochen und im Bunker weitergeführt werden. Dadurch wird das Einhalten eines geregelten Schulalltags schwierig. Die Kinder werden während einer Prüfung oder Präsentation unterbrochen und müssen diese dann wiederholen. Diese Situation ist alles andere als vorteilhaft und stört die Konzentration erheblich. Andere Schulen unterrichten mittlerweile in Schichten und reduzieren ihre Stundenzahl oder wechseln wöchentlich zwischen Online- und Präsenzunterricht. Wie der Unterrichtsplan gestaltet wird, hat die Regierung den Schulleitungen größtenteils selbst überlassen. Auch die Eltern entscheiden selbst, wo und wie das Kind am Unterricht teilnehmen soll. Obwohl es noch Bedenken gibt, ist der Wunsch nach Präsenzunterricht bei allen Beteiligten groß. Es wäre ein “weiterer Indikator für die Rückkehr zur ,Normalität' des ganzen Landes”, betont der Ombudsmann für Bildung, Sergej Gorbatschow. 

Neu ist auch die Einführung von Sicherheitsunterricht, den UNICEF zusammen mit der ukrainischen Regierung eingeführt hat. Mit mobilen Klassenzimmern, die in Form von Containern auf LKWs durch die Ukraine fahren, soll den Kindern der Umgang mit Minen, Waffensicherheit sowie allgemeine Überlebensregeln für gefährliche Situationen wie Kälte vermittelt werden. Dafür hat UNICEF spezielle Methoden und interaktive Tools wie Comics und Spiele entwickelt, die vor Ort von der Polizei und dem Katastrophenschutz mit den Schulkindern durchgeführt werden. Diese Fahrzeuge sollen sich vor allem in die Regionen begeben, die keinen Zugang zu diesen Informationen haben.

Krieg und Armut verhindern Bildung

Auch in anderen Ländern, die unter langjährigen Kriegen, Armut, zerstörter Infrastruktur und Hunger leiden, ist die Bildungschance für Kinder erheblich beeinträchtigt. Im Jemen sind mehr als zwei Millionen Mädchen und Jungen derzeit nicht in der Schule. Zerstörte oder beschädigte Schulen verhindern auch hier den Zugang zu Bildung. Viele der verschonten Schulen sind in schlechtem Zustand und besitzen keine Sanitäranlagen, Fenster oder wasserdichte Dächer. Um diese Situation zu verbessern, helfen Organisationen, die Schulen vor Ort unterrichtsbereit zu machen. Auch die Bereitstellung von Schuleinrichtung wie Tischen und Tafeln, sowie Schultaschen und andere Materialien hilft den Kindern und Lehrer:innen vor Ort den Unterricht fortzusetzen. Auch die Förderung der Lehrkräfte ist von großer Bedeutung, um die Qualität des Unterrichts zu erhöhen, und wird von Projekten, beispielsweise von UNICEF, weiter ausgebaut. Schon seit mehr als vier Jahren kommt nämlich erschwerend hinzu, dass zwei Drittel der Lehrkräfte des Landes – insgesamt über 170.000 Lehrer:innen kein regelmäßiges Gehalt erhalten haben. Das führt dazu, dass die Lehrkräfte den Unterricht aufgeben, um andere Möglichkeiten zu finden, ihre Familien zu versorgen. Unterstützende Maßnahmen helfen hier, das Gehalt für Tausende Lehrkräfte zu übernehmen, damit diese weiterhin unterrichten können.

Geheimer Unterricht

In Afghanistan, das von langanhaltenden Konflikten gezeichnet ist, hat die Machtübernahme durch die Taliban 2021 die bereits problematische Bildungssituation vor allem für junge Mädchen drastisch verändert.

Quelle: Commons

Ab der siebten Klasse ist ihnen der Schulbesuch verboten. Davon sind rund 1.1 Millionen Mädchen betroffen. Trotzdem versuchen viele auf anderen Wegen an Bildung zu kommen, sei es durch geheime Schulen oder Online-Unterricht. Obwohl sie damit ein hohes Risiko eingehen, sind viele Mädchen entschlossen zu lernen. Die Initiative Shamama bietet beispielsweise Online-Kurse an, die für Kinder kostenlos verfügbar sind. Dort können sie unter anderem in den Fächern Englisch, Literatur und Dari unterrichtet werden. Allerdings sind nicht alle Mädchen in der Lage, auf diese Weise zu lernen, aufgrund von Stromausfällen und mangelnder Ausstattung mit elektronischen Geräten, wie die 16-jährige Marwa Hamidi in einem Interview mit der TAZ berichtet.

Menschenrechtsorganisationen, wie UNICEF plädieren seit dem Beschluss der Taliban für eine Wiedereröffnung der Schulen. Die mangelnde Bildung habe negative Auswirkungen auf die Entwicklung der jungen Mädchen, sowohl in Hinsicht auf ihre Zukunft, da sich das Risiko von Missbrauch und Zwangsheirat erhöhe, als auch auf die Zukunft des Landes selbst. Frauenrechtsaktivistin Nawida Khorasani formuliert einen klaren Appell an andere Staaten: “Der aktuelle Schritt der Taliban ist eine ganz klare Verletzung von Verpflichtungen, die sie bezüglich Frauenrechten eingegangen sind, und die internationale Gemeinschaft muss sie dafür zur Rechenschaft ziehen."

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