Warum finanzielle Bildung wichtig ist: Lehrer-News im Gespräch mit Finanztip Schule

Gedichte in drei Sprachen interpretieren können, aber keine Ahnung, wie man eine Steuererklärung abgibt? So oder so ähnlich lautet eine oft vorgetragene Kritik an unserem Bildungssystem. Dabei muss man den Wert humanistischer Bildung keineswegs gegen die Vorbereitung auf lebenspraktische Fragen ausspielen. Tatsache ist jedoch, dass unser Schulwesen erstaunlich wenig für die Vorbereitung auf das Leben und bestehen in unserem Wirtschaftssystem tut. Wir werfen im Rahmen unserer Themenwoche "Berufsberatung" einen Blick auf die Thematik.

Beim Begriff Finanzen denken viele als erstes an Derivatehandel, Zockerei und Börsencrash. Dabei schließt das Thema eine Reihe von Aspekten ein, die von der Wahl des richtigen Girokontos, über Mietrecht, Versicherungen (was brauche ich, was nicht?) bis hin zur Altersvorsorge reicht. Bei der Vermittlung von Finanzbildung an Schulen geht es also nicht darum, kleine Kapitalist:innen heranzuziehen, sondern mündige Verbraucher:innen, die in der Lage sind, auch bei den genannten Themen zwischen Lockangeboten und Abzocke zu unterscheiden sowie unwichtige oder sogar schädliche von sinnvollen Entscheidungen zu trennen.

Wer kennt nicht die folgende Situation: Ein neuer Laptop oder ein neues Handy muss her. Man liest sich durch Rezensionen, vergleicht verschiedene Hersteller und sucht sich dann das passende Angebot beim günstigsten Händler. Wir investieren Zeit und Mühe, um bloß nicht zu viel zu zahlen oder das falsche Gerät zu kaufen, dessen Erwerb wir womöglich später bereuen. Anders gehen die meisten vor, wenn es um das Girokonto oder die Altersvorsorge geht. Meist bleibt man bei der Bank, bei der schon die Eltern sind, ohne auf monatliche Kontoführungsgebühren oder Auslandsentgelte zu achten. Ein Kontowechsel ist schließlich kompliziert und “man weiß ja nie", wo möglicherweise ein Haken ist. Dasselbe ist bei Abschlüssen der privaten Altersvorsorge zu beobachten: Statt sämtliche Angebote zu vergleichen, wird häufig einfach abgeschlossen, was freundliche Berater:innen in der Filiale empfehlen. Schließlich weiß man da, woran man ist und so schlecht kann der bekannte Name ja nicht sein. Auf eigenständige Recherche wird meist verzichtet, was auf lange Sicht tausende, häufig sogar zehntausende Euro Unterschied machen kann. 

Selbiges gilt für teure oder unnötige Versicherungen. Laut Stiftung Warentest sind die Deutschen mit durchschnittlich sechs verschiedenen Versicherungen – auch im europäischen Vergleich – hoffnungslos überversichert. Gleichzeitig ist der Anteil der Menschen, die Wertpapiere besitzen, mit 18,3 Prozent vergleichsweise niedrig. Dabei gilt es mittlerweile als Konsens, dass Aktien und Immobilien (nicht nur) in Zeiten von Inflation und unsicherer Rentenkassen in Zukunft immer mehr zu einer notwendigen Säule der Altersvorsorge werden. Warum also überlassen wir beim Thema Finanzen das Denken meist den anderen?

Eine nicht unwesentliche Ursache dürfte der schwierige Stand sein, den die Finanzbildung in den Lehrplänen hat. Laut der Jugendstudie des Bankenverbands aus dem Jahr 2021, gaben 68 Prozent der befragten 14- bis 24-Jährigen an, “nicht so viel” bzw. “so gut wie nichts” in der Schule zu Wirtschaft und Finanzen gelernt zu haben. Zwar wird unser politisches System sowie die Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft in der Schule vermittelt, doch praktische Bezüge (Stichwort Konsumentenbildung) bleiben dort in aller Regel ausgeklammert. 

Woran hakt es und wie kann es in Zukunft besser laufen? Lehrer-News hat nachgefragt bei Franziska Händschel, Leiterin von Finanztip Schule. Bei Finanztip Schule handelt es sich um die Bildungsinitiative der gemeinnützigen Finanztip Stiftung, die sich zum Ziel gesetzt hat, finanzielle Allgemeinbildung an deutschen Schulen zu stärken.

Lehrer-News: Wie ist der Stand der Finanzbildung an Schulen und der Verbreitung von finanziellem Wissen in der Gesellschaft?

Franziska Händschel

Händschel: Es gibt viele Studien, die im Kern zum gleichen Ergebnis kommen: Um die Finanzbildung ist es schlecht bestellt. Das betrifft Schule im Besonderen, aber auch die Gesellschaft im Allgemeinen.

Laut Schufa Jugend-Finanzmonitor 2022 hat nur jeder vierte 16-bis 25-Jährige sein Finanzwissen in der Schule erworben. Im Schnitt benoteten die Befragten ihr Finanzwissen mit einer 3,3. Vor allem in den Bereichen Kredite und Altersvorsorge fielen die Selbsteinschätzungen sehr negativ aus.

Unsere Finanzwissen-Studie hat gezeigt: Diese Defizite sind real. Nur die Hälfte der Studienteilnehmer beantwortete damals mindestens 50 Prozent der Fragen richtig. Die Jüngeren schnitten dabei schlechter ab als die Älteren. So wussten beispielsweise nur 28 Prozent der 16- bis 29-Jährigen, aber 65 Prozent der 50- bis 69-Jährigen, wann Dispozinsen anfallen. Erfahrungswissen machte am Ende den Unterschied.

Lehrer-News: Was hält Menschen eurer Einschätzung nach davon ab, sich selbst mit dem Thema Finanzen zu beschäftigen?

Händschel: Anders als Essen oder Reisen ist Geld oft nichts, worüber Menschen in Gesellschaft gerne sprechen. Damit fehlt uns oft der Erfahrungsaustausch. Hinzu kommt die wahrgenommene Komplexität. Schon der Begriff „Finanzen“ schreckt viele ab. Dabei müssen Geldthemen gar nicht kompliziert sein. Das hat Finanztip bereits bewiesen und Finanzen anschlussfähiger gemacht. 

Bislang ist Finanzwissen also etwas, das wir vorwiegend außerhalb des schulischen Rahmens erwerben. Das ist problematisch, weil sich Wohlstandsunterschiede dadurch verstärken. Schule als neutraler Boden kann zu mehr Chancengerechtigkeit beitragen.

Lehrer-News: Was sind eurer Einschätzung nach die wichtigsten Themen, die auf die Lehrpläne gehören?

Händschel: Gehen wir danach, wo die größten Defizite bestehen, dann sind das: Verschuldung durch unbedachten Konsum, Risiken bei der Geldanlage – zum Beispiel bei Krypto-Anlagen –, finanzielle Vorsorge für Berufsunfähigkeit und Alter. Orientieren wir uns an dem, was junge Leute fordern, dann ist auch die Steuererklärung ganz vorn mit dabei. Erweitern wir unseren Radius, sind wir außerdem schnell bei den finanziellen Chancen unterschiedlicher Jobs und auch beim Thema Selbstständigkeit.

Die Liste an Themen ist also lang. Was aus unserer Sicht wirklich zählt, sind aber gar nicht einzelne Themen. Wichtiger ist es, dass wir jungen Leuten schon früh einen Zugang zu Geldthemen vermitteln und sie zu einem reflektierten Umgang mit Geld anregen. Das ist die Basis für alles andere.

Lehrer-News: Was muss getan werden, um das Thema Finanzbildung in der Schule weiter zu stärken?

Händschel: Wir haben einen erheblichen Mangel an Lehrkräften in Deutschland. Gleichzeitig bestehen von vielen Seiten Forderungen, bestimmte Themen stärker im Schulunterricht abzubilden – finanzielle Bildung ist nur eines davon. Digitaler werden soll der Unterricht auch noch. Das zeigt, vor welchen Herausforderungen unser Bildungssystem steht und welcher Druck auf unseren Lehrerinnen und Lehrern lastet.

Um Themen wie finanzielle Bildung flächendeckend in die Schulen zu bringen, muss Raum dafür geschaffen werden und eine gezielte Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte erfolgen. Dafür braucht es die Politik – umso erfreulicher ist es, dass das BMBF nun an einer nationalen Strategie zur ökonomischen Bildung arbeitet.

Bis wir hier Ergebnisse sehen, konzentrieren wir uns weiter darauf, diejenigen Lehrkräfte zu unterstützen, die schon heute finanzielle Bildung in die Schulen tragen. Wer Finanzwissen einfach und alltagsnah im Unterricht vermitteln möchte, findet auf www.finanztip.schule passende Unterrichtsmaterialien inklusive Stundenentwurf zum kostenlosen Download. Da wir stetig neue Angebote ausloten, sind Impulse und Feedback aus unserer Lehrkräftecommunity für uns bedeutsam und richtungsweisend.

Lehrer-News: Vielen Dank für das Gespräch!

Wie seht ihr die Vermittlung von Finanzkompetenz im Unterricht? Gibt es an eurer Schule ein entsprechendes Angebot, oder mangelt es dem Lehrplan schlichtweg an Raum für diese Themen? Wünscht ihr euch mehr Unterstützung in diesem Bereich? Schreibt es uns gerne in die Kommentare.

Zwei Materialien schon mal vorweg: Ein Einstieg in das Thema Finanzvermittlung an Schulen bietet dieses Video: 

Und im folgenden Beitrag wird euch erklärt, wie ihr euren Kindern / Schülern ganz einfach ein paar basale Dinge mit auf den Weg geben könnt: 

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