Bildungspolitik in Zeiten von Krieg und Krisen

Von
Erik Schimpf
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9
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November 2022
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Die Corona-Pandemie hat eine gesamtgesellschaftliche und bildungspolitische Diskussion über die Tragweite und die Umsetzbarkeit von Bildungsgerechtigkeit und gleichgestellter Teilhabe hervorgebracht. Gerade das Thema Digitalisierung wurde als wichtiger Faktor von Bildungsungleichheit erkannt, da die (Hoch-)Schulen gefordert waren, Lehrangebote mit Hilfe digitaler Medien umzusetzen. Die Herstellung von Bildungsgerechtigkeit während der Corona-Krise war somit ein relevantes Thema und nur unzureichend im Blickfeld bildungspolitischer Diskussionen. Im Fokus der Debatte stehen häufig soziale Ungleichheiten und die unterschiedlichen, aber zusammenhängenden Lebenswelten der Schülerschaft.

Die Bildungspolitik hat das Ziel, bildungspolitische Interventionen, gesellschaftliche Teilhabe, den Abbau von Diskriminierung und die Schaffung eines chancengleichen Zugangs zu (digitaler) Bildung zu ermöglichen. Jedoch geht aus einer repräsentativen Umfrage der Robert Bosch Stiftung hervor, dass Lehrer auch im dritten Corona-Schuljahr einer hohen Belastung ausgesetzt waren. Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte sehen sich körperlicher und 46 Prozent mentaler Erschöpfung ausgesetzt. Dabei auf jede:n Schüler:in gerecht einzugehen und diese für den Schulunterricht zu begeistern, ist unter diesen Bedingungen nicht möglich. Zusätzlich zum normalen Schulalltag müssen Lehrkräfte mit Themen wie der Digitalisierung, Fachkräftemangel und Lernrückständen zurechtkommen. Dazu kommt die steigende Zahl von geflüchteten ukrainischen Kindern und Jugendlichen, die an Schulen integriert werden sollen. Der aktuelle Bedarf von Lehrkräften reicht nicht aus. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die seit Kriegsbeginn vom Ausländerzentralregister erfasst wurden, lag bei 351.548 (Stand 17. Oktober). Bereits 196.000 Kinder und Jugendliche sind bereits an allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen aufgenommen. 

Der aktuelle Diskurs zum Thema Bildungsgerechtigkeit wird zum Beispiel auch durch die PISA Debatten geprägt. Soziale Herkunft und der Bildungserfolg werden in diesem Zusammenhang thematisiert.  Durch die Verlagerung des Lehrens in den digitalen Raum, ergaben sich Fragen nach der Beschaffung von digitalen Ressourcen, zum Beispiel leistungsfähigen Computern oder einem vernünftigen Internetzugang. Die Anschaffung von digitalen Endgeräten ist ein erster richtiger Schritt um Grundbedingungen der Digitalisierung an Schulen zu erfüllen, jedoch liegt die Entscheidung, wie diese im Unterricht effizient und inhaltlich genutzt werden, bei den Lehrer:innen.

Wie werden Lerninhalte für bestimmte Lernende-Gruppen zugänglich? Welche Hindernisse tragen zur Benachteiligung bei und erzeugen damit Bildungsungleichheiten? 

Das Projekt "Professionalität und Bildungsgerechtigkeit in der Krise“, kurz ProBiKri-Studie, der Fernuniversität in Hagen ging dieser Frage nach. Der Fokus liegt hierbei auf dem Einfluss  des Handelns der Lehrpersonen und deren Erhalt und der Schaffung von Bildungsgerechtigkeit.

Chancengerechte Bildung – Auf digitalen Wegen? 

Aufgrund der Corona-Pandemie wurden die Schulen erstmals im März 2020 in allen Bundesländern immer wieder geschlossen. Die Universitäten und (Fach)-Hochschulen, wechselten in den sogenannten Notbetrieb. Der Unterricht, Vorlesungen und Seminare wurden mit dem Einsatz digitaler Medien durchgeführt und verlagerten sich in den digitalen Raum. Schulen waren in ihrer technischen Ausstattung sehr unterschiedlich aufgestellt. Die Kommunikation mit Schüler:innen fand häufig auf digitalen Wegen statt, zum Beispiel per E-Mail oder Smartphone. Vor dem Hintergrund einer chancengerechten Bildungsteilhabe der Lernenden wurden Lehrkräfte zu ihrem professionellen Handeln befragt. Der Großteil der Befragten gab an, individuell auf den Lernenden einzugehen, gleiche Chancen für die Bearbeitung der von ihnen bereitgestellten Materialen sei wichtig. Die gleichberechtigte Teilhabe der Schüler- und Studierendenschaft sehen 44,9 Prozent der Befragten als gefährdet, 3,3 Prozent stimmen dem überhaupt nicht zu. Diese Zahlen zeigen, dass viele Schüler:innen in der Zeit des Fernunterrichts nicht erreicht werden konnten und dass der Kommunikationsverlust sich möglicherweise nachteilig auf den Lernerfolg der Schüler:innen auswirkt. Der Kontaktverlust resultiert zum einen durch die mangelnde technische Ausstattung der Schüler:innen, jedoch auch durch die fehlenden Medienkompetenzen der Lehrkräfte, wie eine Studie der Stiftervereinigung der Presse zeigt. Medienkompetenzen gehören nach wie vor zu den wichtigen Herausforderungen im Lehrbetrieb. In NRW beispielsweise verzahnt man verbindliche Medienkompetenzen im Schulunterricht mit dem sogenannten Medienkompetenzrahmen. Laut einer Forsa-Studie zum Thema Corona-Krise sprachen sich 67 Prozent der Schulleiter:innen in NRW  dafür aus,dass Lehrkräfte ihre Weiterbildungen besuchen können, trotz Lehrermangel.  Für 75 Prozent, ist eine stärkere Orientierung des staatlichen Fortbildungsangebotes an den Herausforderungen der jeweiligen Schule besonders wichtig. Laut des Bildungsberichts 2022 ist mit  33 Prozent die Fortbildungsquote bei pädagogischem Personal deutlich höher  als der Durchschnitt aller Erwerbstätigen. 43 Prozent der Lehrkräfte haben im Jahr 2019 an weiterführenden Schulen und 41 Prozent der Lehrer:innen an berufsbildenden Schulen eine Fortbildung absolviert.

Durch das Aktionsprogramm "Aufholen nach Corona", möchte die Bundesregierung mit zwei Milliarden Euro den coronabedingten Lernrückständen entgegenwirken. Die Umsetzung der Maßnahmen erfolgt im Rahmen der bestehenden Strukturen durch die einzelnen Länder. Das Programm baut sich dabei in vier Themenbereichen auf, zum einen der Abbau der Lernrückstände, Förderung der frühkindlichen Bildung, Unterstützung für Ferienfreizeiten und außerschulische Angebote, Kinder und Jugendliche im Alltag und in der Schule begleiten und unterstützen. Mit dem vorläufigen Abschlussbericht, der im März erscheinen wird, soll dann die gesamte Bilanz über die Umsetzung der Maßnahmen und ihre Wirksamkeit gezogen werden. Der aktuelle Zwischenbericht ist hier zu finden. 

Der deutsche Städtetag sieht in diesem Zusammenhang eine Chance in bewährten Strukturen. Die Kinder- und Jugendhilfe, psychosozialen Beratungsangebote, Erziehungsberatung, Ganztagsbetreuung, Schulsozialarbeit sowie Unterstützungsstrukturen der Schulpsychologie, müssten laut des Positionspapiers  des Städtetags quantitativ und qualitativ gestärkt werden. Die kommunalen Bildungslandschaften verfügten laut Städtetag bereits über die notwendigen Kooperationsstrukturen und ein entsprechendes Erfahrungswissen, um alle zentralen Akteure vor Ort an einen Tisch zu bringen. 

Lernorte sind in der Regel für Präsenzveranstaltungen konzipiert und angelegt, die Nutzung unterschiedlicher digitaler Tools erfordert einen kompetenten Umgang mit Medien. Neben einer digitalen Infrastruktur ist es notwendig, in Aus- und Fortbildungsangebote für Lehrpersonen  zu investieren, damit überhaupt erst die Voraussetzungen für einen digitalen Schulwandel gewährleistet sind. Bildungsgerechtigkeit beginnt jedoch nicht im Klassenzimmer, sondern  auf politischer Ebene. 

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