Eltern und Schule: Wer ist verantwortlich für den Bildungserfolg?

Von
Tabea Heinemann
|
24
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March 2024
|
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Eltern und Schule: Wer ist verantwortlich für den Bildungserfolg?

Michael Guder, seit 2021 Vorsitzender des Landeselternrates Niedersachsen, betont, dass etwa 50 Prozent des Lernerfolgs auf das familiäre Umfeld zurückzuführen seien. (Quelle: Samantha Franson) 

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Tabea Heinemann

Inmitten einer Vielzahl von Herausforderungen erfordert die aktuelle Bildungslandschaft Engagement von sämtlichen Akteur:innen. Nicht nur Lehrer:innen und Politiker:innen haben tragende Positionen inne – auch Eltern spielen eine wesentliche Rolle im bildungspolitischen Kontext und tragen eine maßgebliche Verantwortung für den Bildungserfolg ihrer Kinder. Michael Guder, Vorsitzender des Landeselternrates Niedersachsen und Jan Zippel, Vorsitzender des Landeselternrates Sachsen, teilen in einem Interview mit Lehrer News ihre Erfahrungen zur Rolle der Eltern als Erziehungsträger:innen. Welche Rolle spielen Eltern wirklich im schulischen Erfolg ihrer Kinder?

Lehrer News: Die Bildungspolitik in Deutschland stößt aktuell in vielerlei Hinsicht an ihre Grenzen. Vor welchen Herausforderungen stehen speziell Eltern in der heutigen Bildungslandschaft?

Guder: Bürokratie. Punkt eins: Wir stehen vor der Herausforderung, dass unser Schulsystem nicht im Jahr 2024 angekommen ist. Das allgemeine Problem ist, dass an ganz vielen Stellen im Schulsystem, im Bildungssystem uns einfach das Fachpersonal fehlt. Wir in Niedersachsen sprechen ganz bewusst nicht nur davon, dass uns Lehrer fehlen, sondern uns fehlen Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen, multiprofessionelle Teams. Da fehlt eine ganze Menge. Last but not least darf man in dem Kontext im Jahr 2024 nicht vergessen: Es fehlen uns auch ein Stück weit die Techniker, die ITler, die in der digitalisierten Schulwelt letztlich auch die Rechnung tragen. 

Lehrer News: Die gängige Rollenverteilung zwischen Eltern und Schule klingt meistens nach: Die Schule ist für die Bildung und die Eltern für die Erziehung der Kinder verantwortlich. Stimmt das noch so, oder ist das überholt?

Jan Zippel, seit 2024 Vorsitzender des Landeselternrates Sachsen, erklärt, dass der sozioökonomische Hintergrund in Deutschland der dominierende Einfluss auf die schulische Leistung ist. (Quelle: André Kempner) 

Zippel: Wir als Landeselternrat Sachsen sehen sowohl bei der Erziehung als auch bei der Bildung eine gemeinschaftliche Aufgabe. Schule ist keine Dienstleistung, die ich in Anspruch nehme, sondern eine soziale und pädagogische Herausforderung für Kinder, Eltern und Schule. Und natürlich haben Eltern darin Ihre Aufgabe und Ihre Pflicht bei der Bildung und genauso wie die Schule bei Erziehungsaufgaben – immerhin sind unsere Schulkinder einen wesentlichen Teil des Tages in der Schule. Für ein gelingendes Miteinander braucht es Dialog und Kommunikation. Dieser gemeinsamen Verantwortung müssen wir uns als Eltern selbstverständlich stellen und können dem nicht ausweichen. Aber genau da kommt auch die Schwierigkeit. Nicht alle Eltern können in gleichem Maße ihre Kinder unterstützen, Lebenswelten sind sehr unterschiedlich und auch unterschiedlich herausfordernd. Hier sollte das Bildungssystem bestehend aus frühkindlicher Bildung, Vorschule und Schule unterstützen. Kinder mit Bedarfen sehen, unter die Arme greifen und für vergleichbare Chancen für alle Kinder sorgen.

Lehrer News: Die bislang umfangreichste Forschungssynthese zur Beteiligung von Eltern während der Schulzeit ihrer Kinder, die am Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien an der TUM durchgeführt wurde, zeigt, dass eine positive Haltung zu Bildung den größtmöglichen Effekt auf die schulische Leistung hat. Gespräche über mögliche Berufswege oder Lernstrategien sind am effektivsten. Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die Beteiligung der Eltern am schulischen Erfolg ihrer Kinder?

Guder: Das ist eine ganz ganz wichtige Frage und da müssen wir uns selbst auch immer ein Stück weit als Elternschaft selbstkritisch hinterfragen. Meiner Meinung nach liegt der schulische Erfolg, der Lernerfolg des Kindes, zu 50 Prozent am Elternhaus, d.h. habe ich bildungsnahe Familienhäuser, dann habe ich auch in der Regel ein gutes Ergebnis. Habe ich Familien, die eher bildungsfern sind, dann ist die Gefahr einfach zu groß, dass der Bildungserfolg des Kindes vernachlässigt wird oder eben so nicht zum Tragen kommt oder man sich darauf verlassen muss, dass das Kind eigenständig intrinsische Motivationen hat entsprechend seinen eigenen Weg zu finden. Sie haben das Wort schon gebracht: Lernstrategien, Lerntechniken muss es eigenständig anwenden.

Lehrer News: Wie kann die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrer:innen verbessert werden im Hinblick auf den Bildungserfolg der Schüler:innen und die Kommunikation bezüglich Leistungsfeedback und pädagogischer Entwicklung ausgebaut werden?

Zippel: Elternmitwirkung ist in Sachsen gesetzlich geregelt und wird vielfach auch positiv gelebt. Eltern können sich einbringen z.B. in Ganztagsangeboten und stellen eine wichtige Ressource in der Schule dar. Nichtsdestotrotz gibt es Raum für Verbesserungen. Wir haben in unserem Positionspapier, welches Anfang dieses Jahres an den sächsischen Landtag übergeben wurde, die Forderung nach einer weiteren Stärkung und Unterstützung von Schüler- und Elternbeteiligung an der Schule formuliert. Eine positive Feedbackkultur und der Ausbau demokratischer Lehr- und Lernformen sind Ziele, die wir anstreben. Eine obligatorische, regelmäßige Evaluation von Zielen ist ein wichtiges Werkzeug zur Qualitätssicherung und Verbesserung. Hier ist eine wertschätzende Kommunikation auf Augenhöhe zwischen Lehrkräften und Eltern wichtig und notwendig. Wir setzen uns dafür ein.

Lehrer News: Laut der Erhebung des Nationalen Bildungspanels engagieren sich nur 45 Prozent der Eltern ohne beruflichen Abschluss, beispielsweise bei Schulveranstaltungen, deutlich weniger als Eltern mit Studienabschluss. Wie können Eltern dazu ermutigt werden, sich aktiv in schulische Entscheidungsprozesse einzubinden?

Guder: Ein wesentlicher Faktor in dem Zusammenhang ist Wahrnehmung und Wertschätzung von allen Teilnehmern dieses Systems gegenseitig. Was ist damit gemeint? Wir erfahren auch als Landeselternrat, dass es oftmals von besonderer Bedeutung ist, z.B. der Vorsitzende für eine Qualifikation und für einen Backround hat. Jetzt habe ich das Glück selbst promoviert und eine akademische Ausbildung zu haben. Ich habe kein Problem in der Akzeptanz, wenn ich mit entsprechenden Verbänden oder z.B. mit dem Ministerium zu tun habe. Gleichwohl fällt mir das auf, dass wenn dieser entsprechende Backround nicht gegeben ist, dann sieht das manchmal schon anders aus. Der andere Punkt ist, dass in eher bildungsfernen Elternhäusern , die Schule als solches in der eigenen persönlichen Schulzeit vielleicht nicht gerade das Maß der Dinge war. Und wenn man für sich selbst definiert hat: Schule ist nicht das Maß der Dinge, wie bringe ich mich denn dann ein, in diesem Zusammenhang? Wir als Landeselternrat haben schon festgestellt, dass völlig losgelöst welchen Hintergrund Eltern haben, insgesamt die Bereitschaft sehr stark gesunken ist, sich als Elternvertreter zu engagieren. Die Motivation hat sehr nachgelassen. Und diese wieder zu  steigern, liegt in der Wahrnehmung und Wertschätzung, aber es muss ersichtlich sein: Wenn ich mich engagiere, dann hat das auch einen Nutzen. Nicht für das eigene Kind, sondern insgesamt bin ich beteiligt an verschiedenen Prozessen, die sich mit Weiterentwicklung, Optimierung, Verbesserung etc. zusammenhängen und nicht: Es lohnt sich nicht sich zu engagieren, weil die Wege sind so umständlich, sind nicht zielgerichtet und du wirst sowieso nicht dein Ziel erreichen. Das demotiviert natürlich viele und die bleiben dann schon von vornherein weg. 

Lehrer News: Der soziale Hintergrund eines Kindes bestimmt deren Bildungserfolg teilweise vorher. Eltern mit einem niedrigeren Schulabschluss lassen ihr Kind z.B. seltener auf Gymnasien gehen, obwohl es die Voraussetzungen dazu erfüllt. Es fällt Kindern, in deren Elternhaus kein deutsch gesprochen wird, beispielsweise auch schwerer Lesen und Schreiben zu lernen. Die Bildungschancen eines Kindes hängen in Deutschland stark von Bildung und Einkommens der Eltern ab, wie zuletzt auch der Chancenmonitor 2023 festgestellt hat. Inwiefern muss das Mitwirken der Eltern am Lernerfolg ihres Kindes daran angepasst werden?

Zippel: Die Pisa Ergebnisse des vergangenen Jahres haben für Deutschland eine überdurchschnittliche Leistungsdifferenz zwischen den 25 Prozent Kindern mit höchsten sozioökonomischen Status und den 25 Prozent mit schwächsten Status gezeigt, übrigens kaum verändert zu 2012. Zudem sehen wir, dass der Leistungsunterschied für Kinder mit Migrationshintergrund nur etwa ein Drittel  davon ist. Daraus kann man eindeutig folgern, dass der sozioökonomische Hintergrund in Deutschland der dominierende Einfluss auf die schulische Leistung ist und somit als der zentrale Hebel in Bezug auf gleiche Bildungschancen und Bildungsgerechtigkeit anzusehen ist. Wir müssen hier die Kinder auffangen und mitnehmen, die von zu Hause aus weniger Unterstützung bei der Bildung bekommen können. Wir müssen Angebote machen und Förder- und Unterstützungsbedarfe früh erkennen. Hier müssen wir den Eltern niederschwellige Angebote machen, mit sozialer Arbeit genau hinschauen und unterstützen und sicher auch hier und da Druck auf die Eltern ausüben. Unser Positionspapier hat die Bildungsgerechtigkeit als zentralen Leitfaden und wir fordern unter anderem einen Ausbau an Unterstützungssysteme, eine bessere Lastenverteilung, so dass nicht einige Schulen enorme Herausforderungen haben, bessere Anstrengungen bei Inklusion und Integration, eine deutliche Stärkung von Ober- und Grundschulen.

Lehrer News: Alle Eltern haben im Grunde nur das Wohl ihres Kindes im Sinn, allerdings sind sie individuell in ihren finanziellen, emotionalen oder gesundheitlichen Kapazitäten begrenzt. Welche Unterstützung benötigen sie, um mit der Schule eine effektive Partnerschaft einzugehen? 

Guder: Ich denke, da ist das Schulsystem grundsätzlich schon zweckmäßig aufgebaut. Oftmals fehlt es aber an Wissen, welche Möglichkeiten, denn überhaupt bestehen und dann kommen wir wieder genau zu dem Faktor, den ich schon erwähnt hatte: die Bürokratie. Es gibt so viele Möglichkeiten der Förderung, der Unterstützung, die kaum bekannt sind. Und selbst, wenn es bekannt ist, ist der Realisierungsweg so kompliziert, so bürokratisch, dass jemand, der nicht aus diesem Feld kommt relativ schnell die Finger davon lässt, weil er sagt: Sorry, das ist so ein großes Bürokratiemonster, da habe ich gar keine Zeit mich damit zu beschäftigen. Im Ergebnis ist, denke ich, an ganz vielen Stellen schon viel erreicht, aber vieles bleibt  zu komplex, zu bürokratisch. Zudem müssen viele Dinge wiederholt werden, weil sie zeitlich befristet sind und das schreckt natürlich ab. 

Lehrer News: Inwiefern kann sich die Qualität der Beziehung zwischen Eltern und Schule auf den Bildungserfolg der Schulkinder auswirken?

Zippel: Schule ist ein sozialer Raum und wir alle leben und lernen lieber in Gefügen, in denen wir uns wohl fühlen. Eine gute Beziehung zwischen Eltern und Schule strahlt auf die Kinder ab, die merken, wenn Eltern eine positive Einstellung zur Schule haben. Eltern sind aus unserer Sicht eine wichtige Ressource, die unterstützen kann. Eltern müssen aber auch Grenzen akzeptieren und ein positives Vertrauen gegenüber Lehrkräften und Schule haben. Schließlich sind die Menschen in der Schule die Profis. Aber aus unserer Sicht dürfen Eltern auch Ansprüche haben und auf Probleme hinweisen. Hier braucht es dann den offenen, fairen Dialog und gute Lösungen.

Lehrer News: Welche Rolle können Elternräte oder ähnliche Gremien dabei spielen, die Interessen von Eltern und Schüler:innen zu vertreten?

Guder: Also letztlich muss man auf sich aufmerksam machen. Geh Das ist insgesamt ein ganz wichtiger Faktor. Man muss eine gewisse Sichtbarkeit generieren. Und da ist es immer schwierig. Wie gestaltet man das? Da kann man ja jetzt so einen kleinen Blick mal machen: Wir in Niedersachsen haben ein gewähltes Elterngremium, d.h. wir hängen dann als Beratungsgremium direkt am niedersächsischen Kultusministerium. Von dort werden wir auch mit einem Budget alimentiert. Es gibt aber auch Bundesländer, die sogenannte Vereinsstrukturen haben, die laufen sich sprichwörtlich die Hacken ab, wenn sie irgendwas machen oder an einem Prozess beteiligt werden wollen. Dort ist es sehr viel schwieriger, eine gewisse Sichtbarkeit zu generieren. Wir hier in Niedersachsen sind automatisch an jedem Anhörungsverfahren beteiligt sofern Schule und Bildung betroffen sind. Das heißt, wir haben eine Möglichkeit, uns sichtbar zu machen. Wir haben hier in Niedersachsen z.B. auch ein sogenanntes suspensives Vetorecht im Anhörungsverfahren, wenn es um Kultusministerangelegenheiten geht. Was heißt das? Im Zweifelsfall stehen wir dann als Landeselternrat im Landtag und sind dann bei entsprechenden Anhörungen dabei und können unsere Bedenken letztlich darlegen und dann wird der Landtag oder der Ministerpräsident befinden: nehmen wir das jetzt auf, nehmen wir das an oder eben nicht. Das gibt es so in keinem Bundesland. Jedenfalls ist es mir nicht bekannt. Wir haben uns natürlich auch schon mal ausgetauscht in loser Schüttung mit dem Bundeselternrat. Wir als Niedersachen geben gerne das gallische Dorf ab. Wir sind das einzige Bundesland, das nicht im Bundeselternrat organisiert ist, weil wir sagen: Wir sind sowohl strukturell, finanziell aber auch konzeptuell so gut aufgestellt, dass wir letztlich davon zehren und sagen Kultusangelegenheit ist Ländersache, ist Länderhoheit. Wir sehen derzeit keinen Mehrwert in der Mitgliedschaft des Bundeselternrates.

Lehrer News: Welche Erwartungen haben Eltern an Schulen heutzutage und inwieweit werden diese aktuell erfüllt?

Zippel: Die Erwartungen von Eltern sind so vielfältig wie die Lebenswelten unserer Familien. Ich denke alle Eltern wollen, dass sich unsere Kinder in der Schule wohl fühlen, bestenfalls früh mit einem Lächeln in die Schule gehen und nachmittags zufrieden nach Hause kommen. Darüber hinaus gibt es ganz viele unterschiedliche Prioritäten. Ich denke wir können als gemeinsamen Konsens den Anspruch formulieren, dass alle Kinder in der Schule die Chance bekomme unabhängig vom sozialen Hintergrund, unabhängig von der kulturellen Lebenswelt, egal ob im ländlichen oder städtischen Gebiet und entsprechend ihrer Talente, Fähigkeiten zu erlernen und Kompetenzen zu entwickeln, die es ihnen ermöglicht ein selbstbestimmtes und gutes Leben aufzubauen. Diesem Anspruch hinken wir in Deutschland ein Stück weit hinterher.

Lehrer News: Vielen Dank für das Gespräch.

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