Interview: Was tun bei Rassismus im Klassenzimmer?

Interview: Was tun bei Rassismus im Klassenzimmer?

“Offenen Dialog über die Werte von Vielfalt und Respekt führen”: Anlässlich des internationalen Tag gegen Rassismus haben wir mit der Lehrerin und Bildungsinfluencerin Hülya Atasoyi über die Situation an Schulen gesprochen. (Quelle: Wikimedia Commons, Bernd Schwabe)

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Jenny Hedermann

Der 21. März ist der internationale Tag gegen Rassimus, der weltweit als ein Symbol des Widerstands gegen Diskriminierung und Ungerechtigkeit begangen wird. Dieser Tag erinnert uns daran, dass Rassismus in allen Gesellschaftsschichten existiert und eine kontinuierliche Anstrengung erforderlich ist, um ihn zu bekämpfen. Anlässlich dazu haben wir mit der Bildungsinfluencerin Hülya Atasoyi über die Situation an Schulen und über Möglichkeiten des Umgangs mit Rassismus im Klassenzimmer gesprochen.

Hülya Ist eine engagierte Lehrerin für Mathematik und Englisch, die sich leidenschaftlich gegen Diskriminierung und Rassismus im Schulalltag einsetzt. Durch ihre Präsenz auf Social Media teilt sie nicht nur innovative Lehrmethoden und Unterrichtserfahrungen, sondern auch persönliche Einblicke und Aufklärungsarbeit. Wir sprechen mit über die Rolle der Bildung im Kampf gegen Rassismus und wie das Teilen persönlicher Geschichten und Erfahrungen das Bewusstsein schärfen und Empathie in der Gesellschaft fördern kann. Ihre offene Art, mit der sie sowohl die schönen als auch die herausfordernden Momente des Lehrerdaseins teilt, machen Hülya zu einer Inspirationsquelle für Lehrkräfte, Referendar:innen und alle, die sich für eine inklusive und gerechte Bildungswelt einsetzen.

Lehrer News: Du teilst deine persönlichen Erfahrungen und Hintergrundgeschichten auf Social Media, um deinem Engagement gegen Rassismus Ausdruck zu verleihen. Wie kann das Teilen persönlicher Geschichten dazu beitragen, das Bewusstsein für Rassismus zu schärfen und Empathie bei Schüler:innen zu fördern?

Quelle: privat

Atasoyi: Indem ich meine persönlichen Erfahrungen und Hintergrundgeschichten auf Social Media teile, möchte ich anderen Menschen Einblicke in die Realität von Rassismus geben und zeigen, wie er sich auf individueller Ebene auswirkt. Mit meinen Erfahrungen oder den Erfahrungen anderer Menschen kann ich Emotionen wecken und anderen dabei helfen, sich in unsere Lage zu versetzen. Durch diesen persönlichen Zugang können Schüler:innen eine stärkere Verbindung zu den Themen Rassismus und Diskriminierung aufbauen und werden ermutigt, aktiv gegen Ungerechtigkeit vorzugehen.

Lehrer News: Rassismus geschieht auch oft unterschwellig. Wie können Lehrkräfte subtile Formen von Rassismus im Klassenzimmer erkennen und darauf reagieren, insbesondere solche, die sich in den Interaktionen zwischen den Schüler:innen selbst manifestieren?

Atasoyi: Lehrkräfte können subtile Formen von Rassismus im Klassenzimmer erkennen, indem sie aktiv auf verbale Äußerungen, Gesten oder Handlungen, die Vorurteile oder Diskriminierung widerspiegeln könnten, eingehen. Dies kann beispielsweise durch abfällige Kommentare oder das Ausschließen bestimmter Schüler:innen geschehen. So etwas kann man gut beobachten. Um angemessen darauf zu reagieren, ist es wichtig, einen offenen Dialog über die Werte von Vielfalt und Respekt zu führen, Schüler:innen die Bedeutung eines inklusiven Umfelds zu vermitteln und gegebenenfalls pädagogische Maßnahmen zu ergreifen, um eine Atmosphäre des Respekts und der Toleranz zu fördern. Dies sollte man nicht nur vorleben, sondern auch intensiv in den Unterrichtsstunden thematisieren.   

Lehrer News: Ihr hattet vor kurzem an eurer Schule eine Weiterbildung zum Thema „Sensibilisierung und Umgang mit Rassismus“. Welche Erkenntnisse waren für dich besonders wertvoll, die du in deinen weiteren Unterricht mit einbringen möchtest?

Atasoyi: Eine wertvolle Erkenntnis aus der Fortbildung war für mich die Bedeutung einer dialogbasierten Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus. Durch offene Diskussionen können Missverständnisse geklärt und unterschiedliche Perspektiven beleuchtet werden. Darüber hinaus habe ich gelernt, dass Lehrkräfte nicht alleine mit dieser Thematik umgehen müssen. Es gibt zahlreiche Anlauf- und Beratungsstellen, an die man sich wenden kann. Viele von ihnen bieten kostenlose Workshops für Lehrkräfte und Klassen an, um Unterstützung bei der Sensibilisierung für Rassismus und dem Umgang damit zu erhalten. Diese Ressourcen können uns dabei helfen, eine inklusive und unterstützende Schulgemeinschaft aufzubauen und den Schüler:innen die Werte von Respekt, Toleranz und Vielfalt zu vermitteln.

Lehrer News: Lehrpläne sind sehr voll und straff organisiert. Wie kann die Integration von Themen wie interkultureller Kommunikation und sozialer Gerechtigkeit bei der Bekämpfung von Rassismus an Schulen trotzdem in den Unterricht integriert werden? 

Atasoyi: Um Themen wie interkulturelle Kommunikation und soziale Gerechtigkeit trotz voller Lehrpläne zu integrieren, können Lehrkräfte sie in verschiedene Fächer einbeziehen. Ich verwende beispielsweise aktuelle Ereignisse und Vorfälle, um über Vielfalt und Rassismus zu sprechen. Außerdem können Lehrkräfte kreative Methoden wie Projekte oder Gruppenarbeiten nutzen, um diese Themen interessant zu gestalten. An unserer Schule gibt es bereits das Fach „High 5“, bei dem 10 ausgebildete Lehrkräfte alle zwei Wochen ein Anti-Gewalt-Training im kompletten 5er Jahrgang durchführen. Das Training verfolgt mehrere Ziele, die das Leben in einer Gemeinschaft nachhaltig fördern sollen. 

Lehrer News: Im Einsatz gegen Rassismus und Diskriminierung sind dir sicherlich Herausforderungen begegnet. Welche waren das und welche Strategien hast du entwickelt, um diese Herausforderungen zu bewältigen und dennoch deine Schüler:innen effektiv zu unterstützen?

Atasoyi: Eine Herausforderung besteht oft darin, sensiblen Themen gerecht zu werden, ohne dabei Schüler:innen zu überfordern oder zu verunsichern. Um dies zu bewältigen, schaffe ich einen einfühlsamen und respektvollen Raum, in dem Schüler:innen offen über ihre Gedanken und Gefühle sprechen können. Sie können es auch anonym tun. Ich finde es wichtig, verschiedene Perspektiven zu berücksichtigen und eine offene Diskussion zu ermöglichen. Es gibt auch Kinder, die sehr still sind und an offenen Diskussionen nicht teilnehmen möchten. Ihnen biete ich auch eine individuelle Unterstützung an. Bedeutend ist an dieser Stelle, dass wir unsere eigenen Gedanken und das eigene Handeln kontinuierlich reflektieren und offen für Feedback sind. Nur so kann ich meine Schüler:innen effektiv unterstützen.

Lehrer News: Wie können Schulen und Bildungseinrichtungen eine inklusive und rassismusfreie Umgebung schaffen, die es allen Schüler:innen ermöglicht, sich sicher und respektiert zu fühlen? Welche Rolle spielen Lehrkräfte dabei als Vorbilder in puncto  Gleichberechtigung?

Atasoyi: Schulen und Bildungseinrichtungen können eine inklusive und rassismusfreie Umgebung schaffen, indem sie eine klare Haltung gegen Rassismus und Diskriminierung zeigen - beispielsweise in Form von Projekten oder Anti-Rassismus-Maßnahmen. Lehrkräfte können kostenlose Workshops bzw. sensibilisierende Schulungen für sich und ihre Schüler:innen buchen und externe Referent:innen in den Unterricht einladen. Diese Maßnahmen zielen darauf ab, ein unterstützendes Umfeld zu schaffen, in dem alle Schüler:innen sich sicher und respektiert fühlen. Lehrkräfte spielen dabei eine entscheidende Rolle als Vorbilder für Gleichberechtigung. Sie können durch ihr eigenes Verhalten und ihre Einstellung zeigen, dass alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion gleichwertig sind. Lehrkräfte können eine Kultur der Gleichberechtigung und des Respekts in der Schule fördern, indem sie Vielfalt und Toleranz wertschätzen, gegen Vorurteile vorgehen und respektvolle Interaktionen zwischen Schüler:innen unterstützen.

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