“IT-Support an Schulen darf nicht mehr nur ‘nice to have’ sein”: Lehrer News im Gespräch mit Daniel Merbitz (GEW)

“IT-Support an Schulen darf nicht mehr nur ‘nice to have’ sein”: Lehrer News im Gespräch mit Daniel Merbitz (GEW)

Am 7. Oktober ist Welttag der menschenwürdigen Arbeit (Quelle: Pixabay)

Heute ist Welttag der menschenwürdigen Arbeit. Ein Tag, an dem Gewerkschaften weltweit öffentlich für die Herstellung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen eintreten. Er wird häufig auch Tag der guten Arbeit genannt und dazu genutzt, auf die vorherrschenden Arbeitsbedingungen und das Recht eines jeden Arbeitnehmers auf gute Arbeit aufmerksam zu machen. Seit 2008 findet dieser jährlich am 7. Oktober statt.

Gerade im Bildungssektor herrschen nach wie vor ernstzunehmende Probleme wie der immer weiter zunehmende Personalmangel oder die Arbeitslosigkeit von Referendaren während der Sommerferien. Auch das Thema Digitalisierung sorgt im Bildungswesen für zusätzliche Be- statt Entlastung, wie eine jüngste Erhebung des Deutschen Gewerkschaftsbunds ergab. Mehr Anerkennung, mehr Personal und weniger Stress sind nur einige Forderungen, die schon lange deutschlandweit von Lehrkräften erhoben werden. Einige von ihnen haben uns bereits zum Weltlehrertag ihre Meinung mitgeteilt. Um diese Forderungen umsetzen zu können, macht sich insbesondere die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit dem Einsatz für vernünftige Arbeitsbedingungen, unbefristete Arbeitsverträge und sichere Arbeitsplätze im Bildungsbereich stark. Wir haben Daniel Merbitz, Mitglied des Geschäftsführenden Vorstandes der GEW im Arbeitsbereich Tarif- und Beamtenpolitik, anlässlich des heutigen Tages einige Fragen gestellt:

Lehrer News: Wie definieren Sie “Gute Arbeit”?

Merbitz: „Die Definition von ,Guter Arbeit’ variiert je nach Kontext und Perspektive. Im Allgemeinen bezieht sie sich auf Arbeitsbedingungen und -praktiken, die bestimmte Qualitäts- und Nachhaltigkeitsstandards erfüllen. Einige Merkmale, die eine Rolle spielen, sind beispielsweise Arbeitszeit und Work-Life-Balance, angemessene Entlohnung, Partizipation und Mitbestimmung, soziale Sicherheit sowie Chancengleichheit und Diskriminierungsfreiheit.”

Lehrer News: Inwiefern trifft diese Definition auf den Lehrerberuf zu? Wie zeichnet sich “Gute Arbeit” für Lehrkräfte aus?

Merbitz: „,Gute Arbeit’ für Lehrkräfte zeichnet sich durch mehrere wichtige Faktoren aus, die auf die speziellen Anforderungen und Herausforderungen des Bildungssektors zugeschnitten sind. Dazu zählen neben einer angemessenen und wettbewerbsfähigen Bezahlung für Lehrkräfte, die ihre Qualifikationen und Erfahrung angemessen widerspiegelt, ebenfalls gute Arbeitsbedingungen, die guten Unterricht ermöglichen. Das schließt Klassenraumgröße, Lehrmaterialien und Unterstützungsdienste mit ein. ,Gute Arbeit’ für Lehrkräfte sollte Weiterbildungs- und Fortbildungsmöglichkeiten bieten, um deren Fähigkeiten und Kenntnisse zu erweitern und sich beruflich weiterzuentwickeln. Psychologische Unterstützung und Ressourcen zur Bewältigung von Herausforderungen und Stresssituationen sind ebenfalls wichtige Aspekte ,Guter Arbeit’. Nicht zuletzt spielen auch Wertschätzung und Anerkennung eine wichtige Rolle. Lehrkräfte sollten für ihre Arbeit und ihren Beitrag zur Bildung und Entwicklung insgesamt mehr Anerkennung und Wertschätzung bekommen.”

Daniel Merbitz, Vorstandsmitglied Tarif- und Beamtenpolitik der GEW, Foto von Kay Herschelmann (Quelle: GEW)

Lehrer News: Was läuft gut, was muss noch verbessert werden?

Merbitz: „Die Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, da die spezifischen Anforderungen und Bedingungen für Lehrkräfte von Bundesland zu Bundesland und von Bildungseinrichtung zu Bildungseinrichtung unterschiedlich sind. ,Gute Arbeit’ für Lehrkräfte sollte darauf abzielen, die Qualität der Bildung insgesamt flächendeckend zu verbessern, die Motivation der Lehrkräfte aufrechtzuerhalten und den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Auch mehr Unterstützung bei der Bewältigung von Herausforderungen ist notwendig.

Ein großes Problem ist, dass die gesetzlichen Vorschriften zum Arbeits- und Gesundheitsschutz in den Bildungseinrichtungen von den unterschiedlichen Arbeitgebern seit Jahren ignoriert oder unzureichend umgesetzt werden. Gleichzeitig stimmen viele Rahmenbedingungen im Bildungsbereich nicht: Angefangen beim Fachkräftemangel, über die immer stärkere Ausweitung ohnehin zu hoher und entgrenzter Arbeitszeiten bis hin zu Problemen, die die Digitalisierung mit sich bringt. Die im Juni 2023 erschienene Sonderauswertung des DGB-Index ,Gute Arbeit’ zur Digitalisierung in Bildungsberufen hat die steigende Arbeitsbelastung der Lehrkräfte durch die Digitalisierung bestätigt. Auch die Entgrenzung in Lehrberufen ist in den vergangenen Jahren durch die Digitalisierung weiter gewachsen. Diese Tendenz ist alarmierend.

Im Schulbereich kommen erschwerend die unterschiedlichen Verantwortlichkeiten von Schulkosten- und Schulhoheitsträgern hinzu. Damit die Gesamtsituation verbessert wird, braucht es mehr zeitliche, personelle und finanzielle Ressourcen im Bildungsbereich und Maßnahmen, die aufeinander abgestimmt sind.”

Lehrer News: Wie wird das Thema angegangen? Wie können andere Sie unterstützen?

Merbitz: „Es gibt bereits Initiativen, die verstetigt werden müssen. Beispielsweise muss die Ende 2023 auslaufende Qualitätsoffensive Lehrerbildung weitergeführt werden. Ein 100-Milliarden-Euro-Programm für Bildung, die Verstetigung des Digitalpakts und ein ausgebauter IT-Support in Bildungseinrichtungen sind nicht „nice-to-have“, sondern eine zentrale Zukunftsfrage. Für die Entlastung der Lehrkräfte braucht es mehr Fachkräfte, für die Behebung der eklatanten Mängel an Gebäuden und einer besseren Ausstattung bedarf es – auch kommunaler – Investitionen. Kurz gesagt: Politikerinnen und Politiker müssen mehr Geld für Bildung bereitstellen.”

Lehrer News: Danke für das Gespräch.

Das Thema der guten bzw. der menschenwürdigen Arbeit ist von erheblicher Bedeutung für die Zukunft der Lehrkräfte. Entlastung, Unterstützung und Finanzierung sind notwendige Forderungen, die nicht länger ignoriert werden können.

Wie steht ihr zu dem Thema? Habt ihr noch weitere Punkte, die für die Bildungspolitik relevant sind? Lasst es uns gerne in den Kommentaren wissen.

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