“Kinder abholen, wo sie sind”: Der richtige Umgang mit Krieg und Krisenbildern im Schulalltag

“Kinder abholen, wo sie sind”: Der richtige Umgang mit Krieg und Krisenbildern im Schulalltag

Diplompsychologinnen Madeleine Leitner (links) und Elisabeth Raffauf (rechts) (Bildquelle: Privat)

Krieg in der Ukraine, Krieg in Gaza: Im Rahmen unserer Themenwoche “Stress und Depressionen” beschäftigen  wir uns  auch mit den Auswirkungen von Kriegs- und Krisenbildern bei Kindern und Jugendlichen. Lehrer-News hat hierzu mit den beiden Diplompsychologinnen Madeleine Leitner und Elisabeth Raffauf gesprochen und gefragt, wie ein guter Umgang mit Social-Media-Inhalten zu Kriegsthemen aussehen kann  – und was Lehrkräfte dafür im Unterricht tun können.

Madeleine Leitner ist Diplompsychologin mit mehrjähriger Berufserfahrung als Psychotherapeutin und Personalberaterin. Seit über 20 Jahren ist sie Karriereberaterin mit Schwerpunkt berufliche Standortbestimmung und Strategie für berufliche Krisensituationen und eine ausschließliche Spezialisierung auf Karrierethemen. 

Diplompsychologin Elisabeth Raffauf war zwanzig Jahre in einer Erziehungsberatungsstelle tätig und hat dort mit Kindern, Eltern und Jugendlichen gearbeitet. Seit einigen Jahren ist sie selbstständig in einer freien Praxis in Köln und arbeitet nebenbei für das Kinderradio beim WDR, bei dem sie gemeinsam mit einer Kollegin die Kinderaufklärungsreihe “Herzfunk” entwickelt hat. 

Lehrer News: Grundsätzlich scheint es in der heutigen Welt mit Social Media schlichtweg unmöglich, Schüler:innen Bilder von Kriegsszenen vorzuenthalten. Zudem gibt es auf Social Media mittlerweile so viele Wege, um Altersgrenzen zu umgehen. So kommt es auch oft dazu, dass Kinder diese Bilder zu sehen bekommen. Dazu einleitend die Frage:

Können oder müssen Schüler:innen jeder Altersgruppe grundsätzlich mit Kriegen umgehen?

Raffauf: Kinder bekommen Kriege und Krisenthemen mit, sind etwa durch Corona und durch Mitschülerinnen und Mitschüler, die aus Kriegsgebieten geflohen sind, unmittelbar betroffen und es ist gut und hilfreich, wenn sie ihre Fragen dazu stellen können und Ansprechpartnerinnen und -partner haben, von denen sie wissen, dass sie mit ihnen darüber sprechen können und ernst genommen werden. Wissen gibt auch Sicherheit.

Leitner: Leider sind vom Krieg auch unmittelbar Kinder aller Altersgruppen betroffen. Wenn man die Generation der „Kriegskinder“ aus dem Zweiten Weltkrieg als Vergleichsgruppe nimmt, weiß man, dass Kinder besonders schwer von diesen traumatischen Erfahrungen betroffen sind und dann ihr Leben lang damit zu tun haben. Es gibt zahlreiche Filme und Literatur zu diesem Thema, wie  zum Beispiel Sabine Bodes: „Die Vergessene Generation“ und viele weitere Filme mit jetzt noch lebenden Zeitzeugen, die ihr Leben lang verdrängt, aber Unglaubliches erlebt haben. Je jünger Kinder zum Zeitpunkt der traumatischen Erfahrungen sind, desto schwerer sind die Folgen. Inwieweit Bilder mit realen Erlebnissen vergleichbar sind, kann ich allerdings nicht sagen, weil ich den aktuellen Stand der Forschung nicht kenne. Dafür gibt es sicher Spezialisten.

Lehrer News: Wie kann man Kinder und Jugendliche vor besonders gewalthaltigen und verstörenden Kriegsbildern schützen, und wie gehe ich als Lehrkraft oder Elternteil damit um, wenn das nicht gelingt?

Raffauf: Eltern können darauf achten, dass die Tagesschau nicht läuft, wenn kleine Kinder dabei sind. In der Schule und zu Hause kann darüber gesprochen werden, dass Kinder, die z.B. gewalthaltige Bilder auf ihr Handy geschickt bekommen, sich das nicht anschauen sollten, weil es schwer wieder aus dem Kopf zu kriegen ist. Sie sollten animiert werden, damit zu Erwachsenen gehen und dies gemeinsam etwa bei jugendschutz.net melden.

Leitner: Meine Empfehlung: Die konsumierten Kanäle, soweit möglich, kontrollieren und die Kinder für genau solche Fälle instruieren. Es gibt in der Verhaltenstherapie die Methode der „kognitiven Impfung“. Wenn man auf gewisse Ereignisse innerlich vorbereitet ist, fungiert das wie ein Schutzschirm, weil ich ja weiß, dass so etwas passieren kann. Dann trifft mich das Ereignis nicht so stark, wie wenn ich nichtsahnend bin – wie das ja auch bei der Impfung ist. Darüber hinaus sollte man Kinder möglichst konkret instruieren, was sie in dem Fall tun sollen: weggehen oder mindestens die Augen (und Ohren) zumachen oder dass sie dann sagen: „Mir ist das zu viel“ oder „Ich möchte das nicht“, obwohl sie dann vielleicht als uncool gelten. Und wenn die Kinder verstört sind, hilft es, zu trösten und darüber zu sprechen, anstatt dies einfach zu ignorieren.

Lehrer-News: Wenn diese Bilder dann doch gesehen wurden, wie können sich diese Krisen- und Kriegsbilder auf die Psyche sowohl kurz- als auch langfristig auswirken?

Raffauf: Das kommt drauf an. Bilder sind oft nicht so leicht aus dem Kopf zu bekommen und sie machen Angst. Wenn sie damit allein gelassen werden, kann das vor allem – so wie auch bei Erwachsenen – Ohnmachtsgefühle auslösen, das Gefühl „Ich kann nichts tun. Ich bin hilflos.“ Im schlimmsten Fall wird man, um aus der Ohnmacht herauszukommen, selbst aggressiv gegen sich oder gegen andere.

Lehrer-News: Was kann eine Konfrontation mit diesem Thema besonders bei jungen Schüler:innen auslösen? 

Raffauf: Kinder fragen sich: Was passiert dort? Kann das auch mir passieren? Manche schlafen schlecht, haben Albträume, werden schreckhaft, nässen vielleicht wieder ein, können sich nicht mehr gut konzentrieren, malen sich schlimme Dinge aus und haben auch Angst um sich selbst oder ihre Liebsten, wenn es keinen äußeren Grund gibt.

Lehrer News: Als ein wichtiger Teil des Lebens von Jugendlichen und Kindern spielt der schulische Kontext eine große Rolle. Lehrkräfte tragen mittlerweile eine große Verantwortung im Umgang mit diesem Thema. Wie können sie damit  im Unterricht am besten umgehen? 

Raffauf: Erstmal ist es gut, die Kinder zu fragen. „Was beschäftigt euch in Bezug auf das Thema?“, „Was habt ihr gesehen“, „Was habt ihr erlebt?“ Daraus wird sich genug Gesprächsstoff ergeben. Es kann sein, dass es dann Kinder gibt, die selbst schlimme Dinge erlebt haben. Dann ist es gut vorher zu besprechen, dass man das Thema gern aufgreifen möchte und auch z.B. Kindern, die selbst geflohen sind, die Möglichkeit zu geben, nicht dabei sein zu müssen.

Leitner: Aufklären! Vor einigen Monaten ist ein Buch einer Schuldirektorin erschienen über die zunehmende Verrohung an Schulen angesichts der sozialen Medien. Sie war auch in allen Medien präsent. Das Thema ist aber leider dann wieder angesichts der zahlreichen politischen Krisen untergegangen.

Lehrer News: Wie kann das Thema Krieg und Gewalt insbesondere bei jungen Schüler:innen und Kindern vermittelt werden, ohne dass es sie zu sehr belastet?

Raffauf: Indem man die Kinder da abholt, wo sie sind. Lehrerinnen und Lehrer müssen keine langen Vorträge dazu halten. Also erstmal Fragen stellen. Und auch klarstellen:  Wenn Dir die Situation  Angst macht, bist Du damit auf jeden Fall nicht allein. Es ist wichtig, dass Kinder die Möglichkeit haben, ihre Angst zu teilen. Dass Kinder ihre Angst zeigen und besprechen können, wenn sie erfahren: Solche Dinge machen Angst. Dein Gefühl stimmt. Du kannst dir selbst vertrauen. Ein Gefühl an der richtigen Stelle vermittelt Sicherheit.

Lehrer News: Der Krieg in Nahost erhitzt auch politisch die Gemüter. An vielen Orten sind heute größere Teile der Schülerschaft direkt oder indirekt betroffen, weshalb es auch schnell zu Konflikten innerhalb der Klasse kommen kann. Wie sollten Lehrkräfte damit umgehen?

Raffauf: Auf jeden Fall ansprechen. Zuhören und mit den Kindern Gemeinsamkeiten suchen. Stichworte können sein „Alle wollen Frieden“, „Freundschaft kann auch gelingen, wenn man unterschiedliche Positionen zu bestimmten Themen hat“ und natürlich die Frage: „Wie kann man Konflikte anders bearbeiten, als durch Gewalt?“, „Wo können die Aggressionen, wo kann die Wut sonst hin?“. Starke Gefühle brauchen einen Platz, aber nicht indem man Gewalt ausübt. Kann man Sport machen? Gibt es Toberäume? Und wie kann man durch Worte seine starken Gefühle respektvoll äußern?  Falls es z.B. Kinder, die selbst geflohen sind, in der Klasse gibt, ist es gut mit ihnen und auch mit den Eltern vorzubesprechen, dass man das Thema in der Schule aufgreifen möchte. Es kann auch sein, dass diese Kinder z.B. selbst von ihrer Flucht erzählen möchten und froh sind, gefragt zu werden. Das ist gut, wenn man das im Vorfeld besprechen kann.

Leitner: Es sollte angesprochen werden, dass es unterschiedliche Ansichten gibt und dass das auch normal ist. Dennoch sollte aber klargemacht werden, dass es auch für den Umgang mit Konflikten Spielregeln gibt, wie beispielsweise den anderen ausreden zu lassen, an die sich jeder halten muss und die Konsequenzen deutlich machen, wenn sich jemand nicht an diese Spielregeln hält. Solche Konflikte können aber eine gute Möglichkeit sein, eine Art sachliche „Diskussionskultur“ einzuüben, was ja durchaus positiv sein kann. Jeder kann Argumente bringen, die dann ausgetauscht und diskutiert werden. Insofern könnte hier auch Potenzial stecken für das Einüben von angemessenem Konfliktverhalten und möglicherweise besteht hier auch eine Chance, dass Schüler etwas Grundlegendes lernen. Dazu gehört auch, dass Lehrer als Vorbild agieren und sich so verhalten, wie sie das von den Schülern wünschen. Das Lernen am Modell ist eines der wirksamen Lernprinzipien, deshalb sollten Lehrkräfte auch am Ende das Heft in der Hand behalten.

Lehrer News: Damit Schüler:innen überhaupt über das Thema sprechen, kann es sinnvoll sein, das eigene Klassenzimmer zu einem “Safe Space” zu machen. Dabei sollte das Thema in der Freizeit nicht totgeschwiegen werden. Wie können Lehrer:innen ihre Schüler:innen dazu ermutigen, das Thema produktiv in der Freizeit aufzugreifen?

Raffauf: Indem sie mit den Kindern überlegen, wie sie konkret aus der Ohnmacht herauskommen. Also die Frage stellen:  Was könnt ihr tun? Als der Ukraine-Krieg begann, haben viele Lehrer:innen in Schulen mit den Kindern Friedenssymbole gemalt, daraus Girlanden gebastelt und an die Fenster gehängt, um Zeichen zu setzen: Vorbeigehende konnten sehen „Wir stehen zur Ukraine“, „Wir wollen Frieden“. Man kann mit den Kindern überlegen, ob man einen Flohmarkt macht und für die Kinder in Kriegsgebieten oder die Geflüchteten hier sammelt. Oder ob man auf eine Demonstration gehen möchte und wer dafür als Begleitperson in Frage kommt.

Lehrer News: Werfen wir einen Blick auf die Situation der Lehrkräfte. Denn schließlich sind auch Lehrer:innen nur Menschen und können eine persönliche Betroffenheit nicht ganz ausschalten. Wenn Lehrkräfte selbst mit dem Thema überfordert sind, wie können sie im Unterricht trotzdem souverän und stark auftreten? 

Leitner: Es bietet sich an, das im Kreis von Kollegen, idealerweise unter Supervision zu reflektieren – es gibt ja sogar Therapeuten, die bei der Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen selbst traumatisiert werden, da muss man sehr aufpassen. Ich glaube aber nicht, dass Lehrkräfte immer souverän sein müssen, sondern vielleicht auch von sich selbst erzählen, wie es ihnen ergangen ist (auch hier wieder als Modell), so dass die „Uncoolen“ in der Klasse hier indirekt Unterstützung erhalten. Und vielleicht auch als Vorbild erzählen, wie sie sich selbst schützen.

Lehrer News: Was können Lehrkräfte tun, um sich selbst vor Überforderung im Beruf zu schützen?

Leitner: Regelmäßige Inter- und Supervision. Lehrer zu sein ist für Menschen, die nicht Naturtalente als Pädagogen oder Menschenfreunde sind und die nicht über eine  gewisse „Resilienz“ verfügen, nicht der geeignete Beruf. 

Lehrer News: Was, wenn die Lehrkräfte jedoch selbst überfordert sind? Mit welchen Strategien können sie sich selbst davon entlasten? 

Raffauf: ​​Dann ist es gut, wenn diese Lehrkräfte erstmal selbst mit anderen Erwachsenen darüber sprechen und sich selbst Unterstützung holen. Wenn sie sich selbst nicht in der Lage fühlen, darüber sprechen zu können, können sie auch Kolleg:innen fragen, ob sie das Thema in ihrer Klasse ansprechen und sich Ansprechpartner bzw. Ansprechpartnerin für die Kinder zur Verfügung stellen.

Lehrer News: Danke für das Gespräch!

Beim Thema Krieg und Krise ist ein sensibler Umgang sehr wichtig. Besonders, da äußere Einflüsse oder auch Bilder durch soziale Medien nur schwer zu vermeiden sind. 

Falls ihr mehr dazu erfahren wollt, empfehlen wir euch das Buch “Wann ist endlich Frieden?” von Elisabeth Raffauf und Günther Jakobs. Darin liefern die beiden Autoren  Antworten auf Kinderfragen rund um den Krieg, Gewalt und Versöhnung. Neben wirklich schönen und kinderfreundlichen Skizzen, geben in dem Buch auch geflohene Kinder ihre Antworten in Form von eigenen Erlebnissen und den damit verbundenen Gefühlen. Außerdem finden Kinder dort auch Wege, selbst mit Konflikten im schulischen Kontext umzugehen und Möglichkeiten für einen eigenen Umgang mit der Angst. 

Wie habt ihr die Lage eurer Schüler:innen bei diesem Thema miterlebt? Wie geht ihr im Unterricht mit Krieg und Krisenbildern um? Lasst es uns gerne in den Kommentaren wissen!

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