“Krautreporter”-Recherchen: Waldorfschulen in der Kritik

Gepostet von
Erik Schimpf
|
23
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November 2022
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“Krautreporter”-Recherchen: Waldorfschulen in der Kritik

Das ZDF Magazin mit Moderator Jan Böhmermann ist mittlerweile für seine investigativen Recherchen bekannt. In der letzten Folge, die am 18. November erschien, ging es um das Thema Waldorfschulen. Unter dem Titel „Wenn freie Entfaltung auf gefährliche Weltanschauung trifft”, wurden Informationen über die teilweise prekären Zustände an einzelnen Waldorfschulen bekannt. Als Basis diente eine ausführliche Recherche des Onlinemagazins Krautreporter über die esoterisch beeinflusste Ausbildung von Waldorflehrer:innen und die unkontrollierte Schulfinanzierung von Waldorfschulen. Zusätzlich brachten die Recherchen zu Tage, dass Fälle von gewalttätigen Lehrkräften und sexuellen Übergriffen jahrelang unentdeckt geblieben waren – vermutlich mit systemischen Ursachen. Anlass der Nachforschung waren Berichte von Betroffenen, die sich über mehrere Jahre an Waldorfschulen zugetragen hatten, unter anderem in einer Schule in Weimar.

Gewalt an Waldorfschulen

Schon im Jahr 2010 wandte sich die Elternschaft der Weimarer Waldorfschule mit einem Schreiben an den Schulvorstand, in dem sie diesen dazu aufforderte, das Verhalten der besagten Lehrkräfte zu unterbinden und diese zu entlassen. In einem offenen Brief der Eltern von 2019 heißt es: „Wir sind Eltern, die selbst oder deren Kinder (teilweise über Jahre) pädagogische Unzulänglichkeiten und Übergriffigkeiten durch Lehrer:innen unserer Schule erlebt haben oder von diesen erfuhren.” Weiter heißt es darin: „Wir sehen zwei Problemfelder, einzelne pädagogisch unvermögend/ übergriffig handelnde Lehrer und das System der Weimarer Waldorfschule, das eine Auseinandersetzung dazu nicht zugelassen hat bzw. nicht zulässt.” Die Elternschaft versuchte darin, die Schulleitung zum Eingreifen zu bringen, da interne Kontrollmechanismen versagt hatten. Die Vorfälle ereigneten sich im Jahr 2006 unter anderem an einer Waldorfschule in Weimar. Vierzehn Jahre später, also 2020, wurden die Anschuldigungen von über 40 Schüler:innen, die selbst betroffen waren, in einem offenen Brief zusätzlich bestätigt. Die Übergriffe sollen als „pädagogisch wertvoll und der Inkarnation dienend“ oder als „physischer Ruck“ durch die besagten Lehrkräfte dargestellt worden sein. In diesem Zeitraum hätten die Schüler:innen es schwer gehabt, Unterstützung zu finden und die Probleme zu benennen. Erst 2021 wurde eine Schulkonferenz, bestehend aus Schüler:innen, Eltern und Lehrerschaft, eingeführt, welche die Probleme hätte schlichten können. In diesem Zeitraum waren einzelne Lehrkräfte, die mit den Anschuldigungen konfrontiert wurden, immer noch im Schulbetrieb tätig.

Immer wieder kommt es zu Kritik an dem Schulsystem der Waldorfschulen und anderen freien Schulen, da diese quasi selbstverwaltet handeln. Sie haben größere Freiheiten und müssen sich in der Tendenz an dem orientieren, was staatliche Schulen leisten, beispielsweise damit die Schüler:innen ihr Abitur ablegen können.  Der Gestaltungsspielraum, der dafür angewendet wird, um einzelne Schuljahre und Lehrpläne konkret zu gestalten, ist höher und freie Schulen nutzen diesen “Freiraum” häufig, um sich von staatlichen Schulen deutlicher abzugrenzen. Das macht freie Schulen für Eltern durch ganzheitliche Angebote so interessant. Durch eine offene Schulgemeinschaft bietet das Konzept der freien Schulen jedoch auch Einfallstor für esoterische oder auch extreme Ideologien, wie das Beispiel einer Schule in Minden in Mecklenburg-Vorpommern belegt. 

Finanzierung per Gesetz

Was wenig bekannt ist: Die Finanzierung der freien Waldorfschulen übernimmt zu einem großen Teil der Staat, im Durchschnitt finanzieren sie sich zu 72% aus staatlichen Mitteln, in der Spitze bis zu 87%. Die Städte und Gemeinden übernehmen dabei die  Kosten für Bau, Renovierung oder Erweiterungen der Ersatzschulen. Laut dem Privatschulgesetz Artikel 7 § 4 genießen Privatschulen und freie Schulen zusätzliche Unterstützung durch staatliche Mittel.

Esoterik im Unterricht?

„Waldorfschulen in Deutschland fallen auf durch ihre verquere Esoterik und inherente Pseudowissenschaft, durch übergriffige Lehrer mit antiquierten Erziehungsmethoden und durch ihren Okkultismus gepaart mit weit verbreiteter Geheimniskrämerei” heißt es in einem Post, welcher von einem:er Nutzer:in auf einem Anthroposophie-Blog stammt und in der ZDF-Sendung ausgestrahlt wurde. Der Nutzer liegt mit dieser Aussage nicht falsch. Tatsächlich fußt die Waldorfpädagogik auf der sogenannten Anthroposophie, deren Begründer Rudolf Steiner war. Die Anthroposophie ist hierbei eher als eine Weltanschauung zu verstehen, in der nicht nur eine irdische reale Welt existiert, sondern auch eine geistige, übersinnliche Dimension. Rudolf Steiner beschäftigte sich dabei nicht nur mit naturwissenschaftlichen Schriften, sondern auch mit theosophischen Denkweisen und dem Christentum, die  Anthroposophie ist durch diese Elemente stark geprägt. Rudolf Steiner lebte im Deutschen Reich, in diese Zeit war ein Gesellschaftsbild vorherrschend welches verschiedene ethnische Gruppen als Stereotyp abgewertete und diskriminierte. Ein Beispiel für die Prägung ist die Rassenlehre Steiners welche er auch im Unterricht anwendete: „Da werden wir begreifen, daß die indianische Bevölkerung Amerikas, die uns so rätselhaft erscheint mit ihren sozialen Gliederungen und ihren eigentümlichen Instinkten, ganz anders sein muß. Wieder anders ist die afrikanische, die äthiopische, die Negerrasse. Da sind Instinkte, welche sich an das niedere Menschliche anknüpfen. Und bei den Malayen finden wir ein gewisses traumhaftes Element. (…) die mongolische Rasse [wird] es immer ablehnen, eine pantheistische Anschauung anzunehmen. Ihre Religion ist ein Dämonenglaube, ein Totenkult. Die Bevölkerung, die man die kaukasische Rasse [d.h. „die Weisse Rasse“ – A.M.] nennt, stellt die eigentliche Kulturrasse dar, welche (…) nicht mehr die magischen Kräfte handhaben kann, sondern sich auf das Mechanische verlassen muß.“

Die Zitate und Schriften von Rudolf Steiner sind mittlerweile über 100 Jahre alt und trotzdem finden sie im aktuellen Lehrbetrieb, Seminaren, Schulungen und der Fachausbildung noch Anwendung. Der Bund der freien Waldorfschulen distanzierte sich in einer Stellungnahme mit dem Namen „Stuttgarter Erklärung" von Steiners Theorien. An staatlichen Schulen und Universitäten wird natürlich auch mit literarischen Werken die über 200 Jahre alt sind gelehrt, aber nur die wenigsten enthalten Einteilungen des Menschenbildes in physischen Leib, Ätherleib, Astralleib und dem sogenannten „Ich“ nach der Lehre der Anthroposophie. In einer Leseprobe des Fernstudiums der Waldorfpädagogik wird darauf eingegangen „Wenn  wir  ein  Kind  anschauen,  so  können  wir  wahrnehmen,  dass  sein  Körper, der  da  vor  uns  steht,  nicht  den  ganzen  Menschen  ausdrückt.  Er  ist  lediglich  Teil, eine  Dimension  des  Kindes. Hinzugesehen  werden  müssen  seine  Seele  und  sein Geist. Mit „Sehen“ ist hier ein Inneres gemeint, denn für die äußeren Augen sind der Geist  und die Seele  unsichtbar … “. Auch die wissenschaftsbasierte Evidenz, mit der an Schulen gelehrt wird, scheint in dem Lehrmittel in Frage gestellt zu werden „Der Lehrer … wenn er seinen Auftrag  so  versteht,  dass  er  es  in  einem  bestimmten Entwicklungszustand übernimmt und nun seine Fähigkeiten zu trainieren beginnt nach  Maßgabe  gesellschaftlich-politischer  Modetrends,  nach  populären  sogenannten  wissenschaftlichen  Erkenntnissen  und  nicht  zuletzt  nach  eigenen  Einschätzungen  dessen,  was  man für  wichtig  hält.  Ein  solches  Training  zur  Anpassung  lässt das Kind zum Objekt verkümmern...”. Das Lehrmittel zeigt, dass ohne Trennschärfe und Objektivität im Bereich Kindererziehung esoterische und unwissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt  werden. Einer genauen Anwendungspraxis im späteren Berufsalltag von Waldorfpädagogik:innen durch spezifische und sorgfältige Beantwortung  entzieht sie sich durch Verallgemeinerungen und subjektive Interpretationen. Die Qualifikationen der Lehrer:innen an Waldorfschulen unterliegen hierbei dem gleichen Gesetz wie auch staatliche Schulen, dem Grundgesetz. Laut Artikel 7 § 4 des Grundgesetzes:

 „ … Die Genehmigung ist zu erteilen, wenn die privaten Schulen in ihren Lernzielen und Einrichtungen sowie in der wissenschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrkräfte nicht hinter den öffentlichen Schulen zurückstehen und eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird.” Das Privatschulgesetz regelt dabei eher den Ist-Zustand, die Verhältnisse bei einer Neugründung einer freien Schule. Lehrer:innen an Waldorfschulen dürfen nämlich auch ohne staatliche Genehmigung Fächer unterrichten, wenn diese schon vorher ein nicht staatlich anerkanntes  Studium zum „Klassenlehrer” absolviert haben. Laut einer Broschüre vom Bund der freien Waldorfschulen heißt es: „Waldorflehrer erwerben diese Fähigkeiten in ihrem Studium durch fachliche, anthroposophische und pädagogische Studien sowie durch intensive künstlerische Schulung.” Lehrangebote wie Eurythmie, Werken oder Gartenbau können dann nach den Vorstellungen der Lehrkraft im Klassenverband frei vermittelt werden, anthroposophische Lehren eingeschlossen. Waldorfschulen gehen dabei auch gegen Kritiker vor, der Leiter des Instituts für Verbraucherjournalismus, Christoph Fasel erstellte im Auftrag der Waldorfschulen im Jahr 2022 ein Gutachten, um den Journalisten Oliver Rautenberg der seit 2013 die kritische Webseite „Anthroposophie.blog“ betreibt zu verunglimpfen. Das Gutachten ist dabei eher niederschwellig aufgebaut und nennt keine wissenschaftlichen Quellen und kritisiert hierbei mehr die Person Oliver Rautenberg als auf Rautenbergs Feststellungen einzugehen. Waldorfschulen stemmen sich dabei mit allen rechtlichen Mitteln gegen Kritiker. Ein Beispiel hierfür ist die Beauftragung der Kanzlei Redeker Sellner Dahs, die im Auftrag der Anthroposophische Gesellschaft Rautenberg ein Verfahren durchführt. Die Großkanzlei gilt in der Branche als hochprofessionell, ein Schwergewicht, die beispielsweise Jan Böhmermann der im Jahr 2016 ein Schmähgedicht über den Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan im ZDF Magazin Royal veröffentlichte, vertrat. 

Laut einer aktuellen Presseerklärung bekennt sich der Bund der Freien Waldorfschulen „selbstverständlich zur freiheitlich demokratischen Grundordnung, die den Betrieb als Schule in freier Trägerschaft erst ermögliche”. Schutzkonzepte zur Gewaltprävention sollen zukünftig von den einzelnen Schulen erstellt werden. Reichsbürger, Neue Recht oder Anhänger von Verschwörungsideologien hätten in Waldorfschulen nichts zu suchen, hieß es in einer Erklärung.

Den aktuellen Krautreporter-Bericht zu Waldorfschulen kann man kostenlos auf deren Website einsehen. Unten findet ihr den Beitrag aus dem ZDF-Magazin:

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