Schule geht auch anders: Lehrer-News im Gespräch mit der “Demokratischen Schule X”

Von
Katja Kraffzik
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14
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December 2022
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Gleichberechtigung, Chancengleichheit, Partizipation – Wir haben eine Schule gefunden, bei der all dies Möglich scheint. Die Demokratische Schule X hat sich diese Grundsätze zur Aufgabe gemacht. Bereits für unsere Anfrage hat das Komitee für Öffentlichkeitsarbeit getagt und den Mitarbeiter Nico Holtkamp dazu auserkoren, mit uns ein Interview zu führen. 

Was ist die Demokratische Schule X?

Die Demokratische Schule X ist eine Gemeinschaftsschule in Berlin Reinickendorf und folgt unter anderem den Prinzipien der Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Seit 2010 können Schüler:innen vom ersten bis zum zehnten Schuljahr ein Konzept des demokratischen Lehrens und Lernens erfahren und mitgestalten. In regelmäßigen Schulversammlungen, in denen Schüler:innen und Mitarbeiter:innen gemeinsam Entscheidungen treffen, zeigt sich der demokratische Ansatz. Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und konsequentes Handeln sind tragende Säulen des internen Systems. 

Lehrer-News im Gespräch mit Nico Holtkamp von der Demokratischen Schule X

Lehrer-News: Wie viele Schüler:innen und wie viele Mitarbeiter:innen lernen und lehren aktuell bei Ihnen? Herrscht auch bei Ihnen Personalmangel?

Holtkamp: Derzeit haben wir 81 Schüler:innen in der 1. bis zur 10. Klassenstufe an unserer Schule. Diese gestalten den Schulalltag gemeinsam mit 17 Mitarbeiter:innen (davon zwei junge Menschen, die bei uns ihr Freiwilliges Jahr Beteiligung absolvieren) und 4 Honorarkräften. Die Mitarbeiter:innen und Honorarkräfte sind jedoch nicht in Vollzeit bei uns tätig. Viele davon machen Lernangebote und alle sind in Verwaltungstätigkeiten eingebunden. Es mangelt nicht dringend an Personal, aber natürlich wäre es toll, wenn wir mehr Geld hätten, um mehr Betreuungszeit bezahlen zu können.

Lehrer-News: Sie legen viel Wert auf das Miteinander. Partizipation, Versammlungen oder die Rechtsverhandlungen sind fester Bestandteil ihres Schulalltags. Wie nehmen die Schüler und Schülerinnen dieses Verfahren an? Wie wird mit Eltern im Hinblick auf Unrecht oder Kritik kommuniziert? 

Holtkamp: Da die Teilnahme an der Schulversammlung, der Rechtsversammlung (außer als Beteiligte an einem konkreten Fall) und den verschiedenen Komitees und AGs freiwillig ist, möchte ich hier hervorheben, dass sich beispielsweise über 40 unserer 81 Schüler:innen  als gewählte Richter:innen an der Rechtsversammlung beteiligen. Dort nehmen sie eine sehr wichtige und verantwortungsvolle Rolle für das soziale Miteinander in der Schule ein, lösen Konflikte, debattieren über die Auslegung und Sinnhaftigkeit von Regeln, finden geeignete Konsequenzen für das Verhalten ihrer Mitschüler:innen und der Mitarbeiter:innen und sind in besonderer Weise mit den Erwachsenen an der Schule gleichgestellt. In Komitees, AGs und und der Schulversammlung schwankt die Partizipation in der Regel mit dem Grad an Interesse und Betroffenheit der individuellen Schüler:innen. Außerdem braucht es natürlich Zeit, gerade für jüngere oder neue Schulmitglieder, sich in unsere Strukturen einzufinden und aktiv einzubringen. 

Lehrer-News: “Jeder einzelne Schüler bestimmt – im Rahmen staatlicher Vorgaben – Art und Umfang seines Lernens selbst.” So steht es in Ihren Grundsätzen. Wie gelingt dabei die Realisierung des Rahmenlehrplans? 

Holtkamp: An unserer Schule sind Schüler:innen selbst für ihre Bildung verantwortlich. Wir unterstützen sie dabei, sich selbst einzuschätzen und sich zu orientieren. Jede:r Schüler:in hat eine:n Mentor:in, diese:r begleitet diese Selbsteinschätzung und Orientierung. Die Lernangebote orientieren sich in vielen Fällen an den Rahmenlehrplänen, die Teilnahme an Angeboten ist aber freiwillig. Unsere Erfahrung zeigt, dass fast alle Schüler:innen einen Abschluss machen wollen und auch schaffen. Da wir den Rahmenlehrplan als Instrument ansehen, das unter anderem auf einen erfolgreichen Schulabschluss hinwirken soll, gehen wir davon aus, dass uns die Umsetzung des Lehrplans in dieser Hinsicht definitiv gelingt. An unserer Schule ist die intensive Beschäftigung mit Themenkomplexen und besonderen Interessen möglich, deshalb werden die inhaltlichen Ziele des Rahmenlehrplans individuell an vielen Stellen weit übertroffen. 

Lehrer-News: Die Kinder dürfen bei Ihnen selbst entscheiden, ob und wer über ihre Entwicklung informiert wird. Wie setzen Sie den Grundsatz um, wenn Eltern nach dem Entwicklungsstand und Ergebnissen fragen, das Kind die Informationsweitergabe jedoch verweigert?

Holtkamp: Die Eltern unserer Schüler:innen haben die Möglichkeit, in regelmäßigen Elterngesprächen mit dem/der vom Kind gewählten Mentor:in über die Entwicklung ihrer Kinder informiert zu werden. Allerdings haben die Kinder das Recht an diesen Gesprächen teilzunehmen und auch um die Nicht-Weitergabe von ihrer Meinung nach sensiblen Informationen zu bitten. Im Fall, dass bei einem Kind durch die Rechtsversammlung eine schwere Regelverletzung festgestellt wird und es in der Folge von der Schule für einige Tage suspendiert wird, werden die Eltern grundsätzlich über den Sachverhalt aufgeklärt. Meiner Einschätzung nach haben wir eine sehr enge Zusammenarbeit mit den Eltern und Sorgeberechtigten unserer Kinder.

Lehrer-News: In Ihrem Youtube-Video sagen Sie, dass es viele Regeln an der Schule gibt. Zum Beispiel den Umgang mit den zu absolvierenden Unterrichtsstunden. Was passiert, wenn die erbrachte Anwesenheit am Ende der Woche nicht stimmt? 

Holtkamp: Bei der zu erbringenden Anwesenheit unserer Schüler:innen handelt es sich nicht um Unterrichtsstunden sondern um Zeit, die sie in unserer Schule verbringen. Ob diese Zeit mit formellem Unterricht oder anderen Aktivitäten verbracht wird, liegt bei den Kindern, denn sie sind verantwortlich für ihr eigenes Lernen. Wenn die Mindestanwesenheitszeit am Ende einer Woche nicht erbracht wird, tritt eine automatische Konsequenz in Kraft. Je nach Ausmaß des Stundenversäumnisses kann das ein nachholen der verpassten Stunden in der Folgewoche sein oder auch feste Anwesenheitszeiten. Unsere Schüler:innen genießen das Privileg eines Gleitzeit-Schulalltags und werden in einem solchen Fall dieses Privilegs beraubt. 

Lehrer-News: Die aktive Rolle des Lerners und die Eigenmotivation stehen in der Schule X im Vordergrund. Kinder lernen früh Entscheidungen zu treffen. Wie werden Schulanfänger, für die alles aufregend, neu und die vielleicht aus einem fremdbestimmten Erziehungsstil kommen, bei Ihnen begleitet? 

Holtkamp: Alle unsere Schüler:innen werden grundsätzlich von einem:r durch sie selbst gewählten Mentor:in begleitet und können bei dieser Vertrauensperson Hilfe, Tipps, Beistand und Beratung bekommen. Auch ist der:die Mentor:in für die Zusammenarbeit mit den Eltern/Sorgeberechtigten des Kindes zuständig. So kann in Zusammenarbeit mit Kind und Familie für einen gelungenen Einstieg in unsere Schulwelt gesorgt werden. Es kommt zudem extrem selten vor, dass Kinder in deren Familie ein fremdbestimmter Erziehungsstil gefahren wird, an unsere Schule kommen. Grundsätzlich sind alle Maßnahmen, die wir gemeinsam ergreifen, individuell auf die Kinder zugeschnitten, sodass mir eine kurze, aussagekräftige Antwort an dieser Stelle schwer fällt. Uns ist jedoch bewusst, dass ein selbstbestimmtes Leben für die meisten Kinder an unserer Schule eine große Herausforderung darstellt, denn frei zu sein bedeutet eben auch, konstant selbst denken, abwägen, zweifeln und Entscheidungen treffen zu müssen. Bei dieser Herausforderung begleiten wir die Kinder an unserer Schule so gut wir können.

Lehrer-News: Gibt es Schüler:innen bei Ihnen, die “lernunwillig”, gelangweilt sind oder schon abgeschaltet haben, wie es zum Teil in Regelschulen der Fall ist? Wenn ja, wie gehen sie damit um?

Holtkamp: Nicht vergessen dürfen wir, dass unsere Schüler:innen Kompetenzen, die sich in keinem Lehrplan finden, bei uns von der Pieke auf lernen. Dazu gehören zum Beispiel die selbstständige Strukturierung ihres Alltags, das sinnvolle Treffen von Entscheidungen über das eigene Leben und das eigene Lernen sowie der Umgang mit Ideenlosigkeit oder Langeweile.

Lehrer-News: Die meisten Schüler:innen wollen einen staatlich anerkannten Abschluss machen. Wie sieht die Vorbereitung dafür aus und gibt es auch währenddessen nie Frontalunterricht? Werden Referate tatsächlich freiwillig gehalten?

Holtkamp: Sobald unsere Schüler:innen die 7. Klassenstufe erreicht haben, werden sie von unserem Abschluss- und Berufsorientierungskomitee auf ihre Zukunftspläne angesprochen. Wenn ein:e Schüler:in einen Schulabschluss oder ein bestimmtes Berufsziel erreichen möchte, werden gemeinsam die dafür notwendigen Schritte, Lerninhalte und Kurse erörtert. Danach finden regelmäßig Reflektionsgespräche statt, bei denen die Schüler:innen dabei unterstützt werden, ihre Ziele zu erreichen. In unseren Kursen und Lernangeboten gibt es durchaus Frontalunterricht, oft auch auf Wunsch der Schüler:innen. So wie die Teilnahme an den Kursen und Lernangeboten freiwillig ist, sind es auch die Referate. Die meisten Schüler:innen haben Lust darauf, ein oder mehrere Referate zu halten, denn viele halten es für eine sinnvolle Fähigkeit, die geübt sein will. 

Lehrer-News: In ihrem Konzept wird auch die Wichtigkeit der Digitalisierung thematisiert. Hat auch Ihre Schule Hardware vom Senat bekommen? Wie wird der digitale Wandel bei Ihnen vollzogen?

Holtkamp: Zu den bereits vorhandenen Geräten wurden weitere Laptops und Tablets angeschafft, die über den Digitalpakt gefördert wurden. Über diesen  wird zudem die Datenkabelstruktur in unserem neuen Schulgebäude finanziert. Bezüglich des digitalen Wandels bin ich der Meinung, dass unsere Schule durchaus in einer Vorreiterposition ist, denn wir verfügen über eine gemeinsame Cloud auf der Schüler:innen, Mitarbeiter:innen und auch aktive Eltern Zugriff auf für die relevante Daten und Ordner bekommen, miteinander chatten und Videocalls durchführen können, auf gemeinsame Kalender und viele weitere Funktionen zurückgreifen können. Da wir diese Cloud mit all ihren Funktionen bereits vor der Corona-Krise umgesetzt haben, konnten wir auch in der Pandemie von unseren digitalen Möglichkeiten profitieren.

Lehrer-News: In letzter Zeit geraten private Schulen in die Kritik. Durch die Unterwanderung von rechtem Gedankengut zum Beispiel. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Holtkamp: Diese Entwicklungen an privaten Schulen beunruhigen uns sehr, jedoch ist das Phänomen ja auch schon seit vielen Jahren in Kitas und Kindergärten zu beobachten. Rechtsextreme und Faschisten versuchen bereits seit einiger Zeit systematisch Betreuungs- und Bildungseinrichtungen zu unterwandern. Grundsätzlich ist es so, dass verschiedene Menschen aus unterschiedlichsten Gründen das staatliche Schulsystem meiden – eine rechtsextreme politische Einstellung kann ein Grund dafür sein. Dass organisierte Rechtsextreme ihre Anstrengungen dann darauf verwenden, Privatschulen, die anfällig dafür sind, zu unterwandern, ist aus deren Sicht nur folgerichtig. An vielen privaten Schulen mangelt es an klaren inhaltlichen Linien und die gesamte Ausrichtung der Schule kann sich mit einem neu besetzten Vorstand im Trägerverein ändern. Oft fehlt es an klaren und fairen Verfahren im Umgang mit Menschen, die diese Grundsätze brechen. Das macht leider anfällig für Übernahmeversuche. Unsere Schule ist ein Ort, an dem größter Wert auf die freie Meinungsentfaltung der Schüler:innen gelegt wird und an der kein Platz für Diskriminierung in jeglicher Form sein soll. Dies schlägt sich in unserem Konzept, unseren Schulregeln, unserem Schulvertrag mit den Eltern und den Arbeitsverträgen nieder. Zudem legen wir Wert auf klare Verfahrensweisen bei der Umsetzung unserer Grundsätze. Deshalb sind wir der Meinung, wehrhaft und sehr unattraktiv für rechtsextreme Unterwanderung zu sein.

Lehrer-News: Inwiefern denken Sie, bereitet Ihr Konzept der demokratischen Schule die Kinder und Jugendlichen besser auf das Leben vor?

Holtkamp: Kinder können an unserer Schule von Anfang an das tun, was sie ihr gesamtes Leben tun müssen: eigene Entscheidungen treffen, selbstgesteckte Ziele verfolgen, Verantwortung für ihr Handeln, Lernen und ihr Umfeld übernehmen und in einer sozialen Gruppe von gleichberechtigten Menschen zurechtkommen. Diese wichtigen Fähigkeiten können Menschen schwerlich durch künstliche Probleme und Aufgaben an konventionellen Schulen erlangen, während sie bei uns täglich gelebt und vertieft werden. Sie ermöglichen es unseren Schüler:innen auch nach der Schule ein selbstbestimmtes und verantwortungsvolles Leben zu führen.

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