Schule nach dem Erdbeben: Wie ist die Lage in Syrien und der Türkei?

Von
Maria Ivanov
|
20
.
January 2024
|
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Eine zerstörte Schule

Trümmerhaufen: Noch immer bitterer Alltag in der Erdbebenregion Türkei und Syrien (Quelle: Canva)

Die erschütternden Nachrichten über schwere Erdbeben in türkischem und syrischem Gebiet im Februar 2023 liegen mittlerweile fast ein Jahr zurück. Über 15 Millionen Menschen sind oder waren laut einem Bericht von UNICEF direkt davon betroffen. Unzählige Wohnhäuser, Dörfer und die zugehörige Infrastruktur wurden in Mitleidenschaft gerissen, und auch finanziell hinterließ diese Naturkatastrophe ein riesiges Loch – neben viel zu vielen Todesopfern und Verletzten als größten Verlust der Tragödie. Unter den Überlebenden finden sich auch zahlreiche Kinder, die oftmals sowohl ihr Zuhause, als auch ihre Schulen und Teile der Schulgemeinschaft verloren haben. Sie müssen nun mit massiven Einschnitten in diesen beiden zentralen Bereichen ihres Lebens ihren Weg zurück in einen (kindgerechten) Alltag finden. Zum Abschluss der Themenwoche “Bildung in Krieg und Krise” werfen wir einen Blick darauf, wie es circa ein Jahr nach dem Erdbeben um Schulen in der Region steht, welche Formen der Hilfeleistung und Selbstorganisation sich herausbilden konnten, und in welchen Bereichen es noch erhebliche Defizite auszugleichen gilt.

Das Erdbeben 

Abbildung der seismischen Aktivität des Erdbebens am 06.02.2023 (Quelle: Wikimedia Commons)

Was waren die Folgen für Schulen und Kinder?

Der UNICEF-Bericht legt offen, dass der Zugang zu Bildung durch die Folgen des gravierenden Erdbebens für mindestens vier Millionen Kinder im Gebiet behindert wurde – beinahe so viele, wie insgesamt als vom Erdbeben betroffen verzeichnet wurden. Darunter befanden sich auch 350.000 Kinder aus Flüchtlingsfamilien, die sich beispielsweise aufgrund des andauernden Krieges in Syrien in der Türkei befanden. Der Beginn des neuen Schuljahres wurde daher in den betroffenen türkischen Provinzen auf den 01. März 2023 verschoben.

Neben der Verlagerung in temporäre Unterbringungszentren wurden zahlreiche Schüler:innen auf die übrigen 71 Provinzen des Landes aufgeteilt, um die dortigen Schulen besuchen zu können. Da jedoch schon vorauszusehen war, dass auch dieser Ansatz die dortigen Kapazitäten sprengen würde, antizipierte die UNICEF bereits im Februar 2023 “vorhersehbaren Lernverlust, Schulabbrüche und psychosoziale Not” unter Schüler:innen. Der Bedarf an finanzieller und humanitärer Hilfeleistung ist sehr groß: Allein für die ersten drei Monate legte UNICEF die Erfordernis von 196 Millionen USD offen, um damit circa drei Millionen Menschen in der Erdbebenregion erreichen zu können. 

Zwei junge Schülerinnen berichten in einer Episode des Podcasts “The Take” davon, seit dem Erdbeben jegliche Form der Stabilität verloren zu haben: Familienmitglieder, Schule, ihr Zuhause und jedes einzelne Kuscheltier wurden für sie ausgetauscht durch das ständige Umziehen von einer Übergangsunterkunft in die nächste. Immer mit dabei: das Trauma, das diese Überlebenden davongetragen haben, und die Suche nach Bewältigungsmechanismen für ebendieses. Die Stimmen betroffener Kinder gleichen sich alle in ihren Aussagen, zum Beispiel: “Hätte ich einen Zauberstab, würde ich ein neues Leben wollen. Ich würde wollen, dass all die Gebäude wieder intakt sind, um wieder zu den alten Zeiten zurückzugehen.”

Wie ist der Stand an dortigen Schulen heute?

Der arabische Nachrichtendienst Aljazeera berichtet im eben genannten Podcast davon, wie Schüler:innen nach dem Disaster langsam wieder ihren Weg zurück in die Schulen finden. In der Podcastfolge zu Gast ist Ceyda Yelkalan, Sprecherin der Organisation Save the Children. Sie berichtet davon, dass mit der Arbeit von Kinderpsycholog:innen bereits Besserungen in der mentalen Gesundheit von Schüler:innen beobachtbar sind. Dafür wurden “kinderfreundliche Bereiche” eingerichtet, in denen auf kindgerechte Weise aktive Traumaverarbeitung genauso gefördert wird wie die Möglichkeit, einfach mal wieder ein Kind sein zu können: Spielen, Lernen, und Tools zum Umgang mit ihren Erfahrungen der letzten Monate erlernen gehen hier Hand in Hand. “Ich fühle mich hier so, also hätte ich das Erdbeben fast vergessen. Nach dem Erdbeben können wir Kinder jetzt [wieder] Spiele spielen, hier Zeit verbringen und diese schlimmen Dinge einfach vergessen,” erzählt ein junger Schüler, der in einem der Zentren Obhut gefunden hat. 

Einzelne Schulen in der Türkei haben die Naturkatastrophe trotz geographischer Lage in der Erdbebenregion gut überstanden, wie einem kurzen Beitrag der Global Facility for Disaster Reduction and Recovery (GFDRR) entnommen werden kann. Erst jüngst seien dort Schulgebäude errichtet worden, die resistent gegen seismische Aktivität sind. Durch das Wegfallen von “herkömmlichen” Schulen, die vom  Erdbeben in Mitleidenschaft gezogen wurden, sind diese besonderen Schulgebäude daher immerhin zu einigen wenigen Zentren der sicheren Unterkunft geworden, für Schüler:innen, Lehrkräfte sowie bedürftige Familien. Der türkische Bildungsminister Umut Gür zeigt sich dankbar um diese verbleibenden Anlaufstellen: “Es gab keinen ernsten Schaden an unseren Schulen. Ich kann sogar sagen, dass sie so gut wie gar nicht von den Erdbeben berührt worden sind. Natürlich ist das kein Anlass zur Glücklichkeit für uns, aber nach diesem riesigen Desaster und dem großen Schmerz, ist es dennoch ein echter Trost.” Diese Schulen konnten damit gleichzeitig zu Orten des Unterrichts auch Verteilungszentren für humanitäre Hilfsgüter werden – ein wahrer Lichtblick für die Familien, die in diesen Gebäuden sichere Häfen finden konnten. “Wir haben Horror erfahren, doch wir sind dankbar dafür, dass wir am Leben sind, dass unsere Kinder am Leben sind,” erzählt im Bericht eine Mutter, die in einer der Schulen einen sicheren Ort für die Übergangszeit gefunden hat.

Leider ist ein so positives Bild und ein normalisierter (Schul-)alltag noch immer nur die Ausnahme für Kinder und Schulen, die inmitten der Folgen des Erdbebens im letzten Jahr leben. Kontakte vor Ort berichten uns von den momentanen Entwicklungen auf Schulebene – als Lehrer:innen direkt in der Erdbebenregion der Türkei können sie ein besonders akkurates Bild der Lage wiedergeben. Viele Menschen in der Region leben demnach noch immer in den Zelten oder temporär aufgestellten Notfallunterkünften, die direkt nach dem Erdbeben etabliert wurden. Auch der Schulalltag laufe deshalb noch zu großen Teilen in ebendiesen Zelten oder Containern ab. Als Übergangslösung wären mittlerweile auch Container-Camps für Lehrkräfte errichtet worden, in denen sie zu zweit oder zu dritt untergebracht seien. Lediglich Lehrer:innen mit Ehepartnern und/oder Kindern bekämen separate Container gestellt. Für das Vorhandensein dieser Container als Räumlichkeiten für sowohl den Unterricht als auch private Zwecke gebe es jedoch kaum staatliche Hilfe – es liege an den Lehrkräften selbst, sie zu organisieren oder für ihre Klasse zu beanspruchen.

Lehrkräfte vor Ort fordern natürlich einen schnellen Wiederaufbau zertrümmerter Schulgebäude und zugehöriger (Infra-)strukturen, doch nach Angaben unserer Kontakte sei die Aufarbeiten der türkischen und vor allem der syrischen Regierung nicht fokussiert genug auf die Bedürfnisse des Bildungssystems und dessen benötigte Stabilisierung und Unterstützung. Auch in logistischer Hinsicht habe sich die Lage seit unmittelbar nach der Umweltkatastrophe kaum verändert: Alle möglichen Wege waren selbsterklärend von Trümmern übersät oder anderweitig unbenutzbar, weshalb sowohl Baumaßnahmen an zerfallenen Gebäuden als auch das Durchdringen mit Hilfsgütern und ähnlichem noch immer eine “Mammutaufgabe” darstellen würden.

Es bleibt demnach zu hoffen, dass humanitäre Hilfsorganisationen wie UNICEF oder Save the Children weiterhin einen Beitrag zur Besserung der Situation vor Ort leisten können. Auch der Wiederaufbau von Schulgebäuden sowie Akkomodationsbauten zur privaten Unterbringung von Familien und Lehrkräften ist weiterhin eine dringliche Forderung an die Regierungen der beiden betroffenen Staaten des schweren Erdbebens, um die sichere Zukunft und Bildung der Jüngsten des Landes sicherstellen zu können.

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