"Schulleitung ist ein eigener Beruf geworden": Berliner Schulleiter über die Herausforderungen seines Berufs

Von
Tabea Heinemann
|
12
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April 2024
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Arnd Niedermöller sieht nachdenklich aus

Arnd Niedermöller, Schulleiter des Lichtenberger Immanuel-Kant-Gymnasiums und Vorsitzender der Bundesdirektorenkonferenz der Gymnasien, spricht im Interview mit der Berliner Zeitung über die neue Stellung und Herausforderungen des Schulleiterberufs. (Quelle: Berliner Zeitung)

Nur elf Prozent der Schulleiter können ihren Beruf laut einer VBE-Umfrage weiterempfehlen.  Warum ist das so? Der Berliner Schulleiter Arnd Niedermöller spricht im Interview mit der Berliner Zeitung über den Wandel seines Berufs innerhalb der letzten Jahre und den damit einhergehenden Herausforderungen. 

Neben den allgemein bekannten Herausforderungen des Fachkräftemangels und der Digitalisierung redet er auch über strukturelle Probleme, die die Bewältigung dieser Schwierigkeiten erschweren. Vor allem Zeit und Team seien problematisch. Schulleiter:innen hätten oft nicht ausreichend Zeit, ihre Leitungsaufgaben zu bewältigen und auch nicht genügend Mitarbeiter:innen, auf die sie die Aufgaben übertragen könnten. 

Außerdem komme noch dazu, dass auch Schulleiter:innen immer noch eine Unterrichtsverpflichtung haben. Obwohl sich das Berufsbild der Schulleitung in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten stark verändert hat, gab es noch nicht genug Nachjustierung und Professionalisierung, beklagt Niedermöller. In zahlreichen Bundesländern haben die Bildungseinrichtungen mehr Autonomie erlangt. Dadurch hätten sich die Leitungsaufgaben insbesondere im Bereich der Verwaltung und Dokumentation vervielfacht. Niedermöller vergleicht die Anforderungen an die Berufstätigkeit als “eierlegende Wollmilchsau”. Man müsse mittlerweile “Jurist, Superpädagoge, Didaktiker für alle Fächer, Personalchef, Verwaltungsassistent und oberster Schulmanager” in einem sein. In seinen Augen hat sich der Schulleitungsposten zu einem eigenständigen Beruf entwickelt, der eine separate Ausbildung erfordere. 

Eigentlich schwärmt Arnd Niedermöller von seinem Beruf, der viel Gestaltungsfreiraum lässt. Die Arbeit mit Kindern und hochmotivierten Kolleg:innen, die bereit sind, sehr viel für ihre Schüler:innen zu geben. Dennoch hat er konkrete Forderungen, die seinen Berufsalltag erleichtern könnten. Nicht nur wäre es ihm wichtig, die Verwaltungsaufgaben zu entlasten, sondern auch leistungsfähige Assitenzsysteme zu haben, um beispielsweise leicht erreichbare und zuverlässige juristische Unterstützung zu garantieren. Die Kontrolle der Schulverwaltung sei hier noch beträchtlich. “Wichtig wäre aber, dass die Verwaltung sich als Dienstleisterin versteht, die uns bei der Lösung der Probleme unterstützt”, so Niedermöller.

Auch bezüglich der Digitalisierung sollten die Schulverwaltungen bundesweit “mehr ermöglichen, statt zu beschränken”. In den letzten Jahren hätten viele Schulen eigene digitale Systeme entwickelt. Nun treten in einigen Ländern Konflikte mit Verwaltungen und Regierungen auf, die mittlerweile eigene Konzepte und Richtlinien erstellt haben. Wenn Schulen dann gezwungen sind, ihre funktionierenden digitalen Systeme wieder einzustellen, führt das zu viel Unmut. Laut dem Berliner Schulleiter bräuchte es statt strengen Regeln eine Bandbreite an Optionen von Tools und Programmen, aus denen die Schulen dann individuell wählen können. 

Zum Thema Personalmangel greift Niedermöller die Tatsache auf, dass die Corona Pandemie deutlich gezeigt hat, dass Schulen die wichtigste Sozialisationsinstanz für Kinder sind. Um bestmögliche Arbeit leisten zu können und Hilfebedürftigen unterstützen zu können, sind multiprofessionelle Teams bestehend aus Lehrer:innen, Psycholog:innen, Schulsozialarbeiter:innen, Medienpädagog:innen und IT-Expert:innen nötig. 

Da die Weiterbildung von Schulleiter:innen Ländersache ist, unterscheidet sie sich in Dauer und Qualität sehr. Niedermöller erzählt, er habe seine Ausbildung als sehr theoretisch und auf die Entwicklung einer Führungsrolle ausgerichtet empfunden. “Es war wie jemandem das Schwimmen im Stehen zu erklären. Viele Erfahrungen sammelt man ja erst im Beruf”, schildert er. Anfangs forderte ihn das Einschätzen der Wirkung seiner Macht heraus. Er habe erst in die neue Rolle hineinwachsen müssen. Aus seiner Sicht sollte die Qualifizierung zur Schulleitungsposition nicht nur die Vorbereitung umfassen, sondern auch die Begleitung in der Anfangszeit durch ausgebaute Angebote an Supervision und Coaching. In der Vorbereitung hätte er eine bessere juristische Schulung und mehr Vermittlung von Management-Tools als hilfreich empfunden, um zu lernen, sich bei den vielen parallel laufenden Prozessen nicht im Detail zu verlieren. “Ich sehe nur wenige andere Manager, die ein ähnlich breites Aufgabenspektrum haben wie wir”, merkt Niedermöller an. 

Bezüglich des Ausbau von Studiengängen für angehende Schulleiter:innen, den Felicitas Thiel, Forscherin an der Freien Universität zu Schulmanagement, in der Zeit forderte, sagt Niedermöller, dass Universitäten definitiv mehr in die Qualifizierung eingebunden sein sollten, da sie Forschung mit Theorie verbinden. Er schlägt ein ähnliches Modell wie das der Lehrerausbildung vor und hält es für förderlich, auch erfahrene Schulleiter:innen mit einzubeziehen. Der erste Erkenntnisschritt sei jedoch: “Schulleitung ist ein eigener Beruf geworden.”

Der Annahme, moderne Management-Methoden und eigenständige Schulen würden im Widerspruch zum Beamtentum stehen, widerspricht Niedermöller. Er verantworte wichtige staatliche Aufgaben, die den Beamtenstatus verlangen. Die Bundesdirektorenkonferenz der Gymnasien (BDK) fordert schon länger drängend das Beamtentum für Schulleiter:innen.

Die BDK beteiligt sich auch nicht an Protesten im Zuge des Aufrufs “Bildungswende jetzt!”. Der Berliner Schulleiter erklärt, dass die BDK nicht hinter den Forderungen vieler Verbände und Gewerkschaften der Protestbewegung stehen. Er sei gegen eine komplette Systemumstellung und halte das Gymnasium für ein “Erfolgsmodell”. “In Deutschland sind die besten Schulen öffentlich, und der Zugang richtet sich nach der Leistung, nicht nach dem Einkommen der Eltern”.

Im Hinblick auf das Sparen an allen Ecken in den letzten Jahren, der Mehrarbeit von Lehrkräften heutzutage und der Zunahme der Aufgaben neben dem Unterricht, sei ein Qualitätsverlust nicht verwunderlich, so Niedermöller. Als Beispiel nennt er die früher zentralen Lehrpläne, die heute die Schule selber machen muss. Das kostet Zeit, die es nicht gibt.

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