Tilidin im Klassenzimmer – Teenager auf Schmerzmitteln

Gepostet von
Anna Schröder
|
7
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October 2022
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Tilidin im Klassenzimmer – Teenager auf Schmerzmitteln

„Gib mir Tilidin, ja ich könnte was gebrauchen“ singen die Rapper Capital Bra und Samra im Refrain ihres Songs ‚Tilidin‘ und mit ihnen tausende Jugendliche. Doch was ist Tilidin eigentlich und wieso promoten Rapper:innen die Droge in ihren Liedern? 

Tilidin und andere Opioide

Tilidin ist vereinfacht gesagt ein starkes Schmerzmittel. Neben diesem gibt es viele andere Medikamente derselben Stoffklasse: Opioide. Alle docken an bestimmte Rezeptoren in unserem Gehirn an und haben eine schmerzlindernde Wirkung. Die Medikamente sind in der modernen Medizin unverzichtbar, haben jedoch Nebenwirkungen, die sie auch für andere Zwecke interessant machen. Oxycodon, Codein, Fentanyl, Hydromorphon, Tramadol und Tilidin lösen einen Rauschzustand aus. Um diese Wirkung abzudämmen, ist um die Medikamente herum eine sogenannte Retardschicht angebracht, welche ein schnelles Auflösen im Magen verhindert. Wird diese jedoch umgangen, indem man die Medikamente zerkleinert, tritt nach etwa 10 Minuten, je nach Medikament, Euphorie und Entspannung ein. Nicht umsonst ähnelt der Begriff ‚Opioide‘ dem ‚Opium‘, woraus zum Beispiel auch Heroin gewonnen wird. Leider machen die Medikamente auch stark körperlich abhängig. Dadurch, dass sich bei vermehrter Einnahme eine Toleranz aufbaut, brauchen die Süchtigen immer mehr von dem Stoff, um das gewohnte High zu erfahren. Die Abhängigkeit ist aufgrund der starken Entzugssymptome, wie Schwitzen, Muskelzucken, Herzrasen, Fieber, Übelkeit und Appetitlosigkeit, alleine nur schwer zu durchbrechen. 

Opioide als Modedroge 

Doch woher kommt der “Hype” in Deutschland um die neue Droge? Die Verherrlichung der Droge begann im amerikanischen Rap, welcher einen starken Einfluss auf die deutsche Hip-Hop Szene ausübt. In den USA war es als Arzt lange Zeit normal, starke Schmerzmittel wie Oxycodon selbst bei leichten Schmerzen oder als Stimmungsaufheller zu verschreiben. Die Pharmaindustrie dort setzte sich für die Zulassung von Opioiden für diese Anwendungsfälle ein. Dieses Verhalten sowie die Verharmlosung der Medikamente zum Beispiel in der Werbung, führten in den USA zu der sogenannten Opioid-Epidemie. Eine Krise, die den starken Anstieg der Opioidabhängigen und damit auch einen starker Anstieg der Todesrate in Verbindung mit Opioiden bezeichnet. Während es 2015 etwas mehr als 3000 Tote in den USA im Zusammenhang mit Opioiden gab, hat sich die Zahl, laut dem Centers for Disease Control and Prevention, 2020 mehr als verdoppelt. Der Aufwärtstrend macht auch vor Deutschland nicht Halt und wird von Rapper:innen weiter befeuert. Viele junge Menschen sehen ihre Lieblingsmusiker als Vorbilder und leben ihre Musik nach. Die Idole rappen von Tramadol, Tilidin und Oxycodon. Klar, versucht man neben dem Joint, auch mal diese Drogen zu bekommen. Da sie offiziell nicht illegal, sondern nur verschreibungspflichtig sind, lassen sie sich einfach mitführen, ohne Angst vor der Polizei. Die Zahl der jungen Menschen (15-20 Jahren) in Deutschland, die sich Opioide verschreiben lassen, ist von 100.000 Tagesdosen (2017) auf drei Millionen im Jahr 2019 angestiegen. 

Die neue Deutschrap-Welle

In den letzten Jahren ist die Hörerschaft der Musikrichtung Deutschrap deutlich gewachsen. Vor allem junge Menschen hören die teilweise drogen- und gewaltverherrlichende Musik. Rapper:innen kommen oft aus sozialen Brennpunkten und verarbeiten in ihrer Musik selbst Erlebtes. Capital Bra erzählt in einem Interview mit Strg F von seiner Suchterfahrung mit Tilidin und dass er es jetzt (2020) bereue, die Droge so populär gemacht zu haben. Er habe in dem Moment kein Vorbild sein wollen. Die spätere Einsicht ist ein guter Schritt, jedoch sollten sich Rapper:innen bewusst über ihren starken Einfluss auf die Jugend sein.  

Was tun als Lehrkraft?

Der gesteigerte Konsum findet sich in jeder sozialen Schicht, daher ist es wichtig, als Lehrkraft Aufklärungsarbeit zu betreiben und die Jugendlichen für das Thema zu sensibilisieren. Es ist schwierig, anhand von Verhalten auf eine konkrete Sucht zu schließen. Dazu wäre ein sehr enger Kontakt nötig und häufig fehlen Lehrer:innen die Kapazitäten, um diesen zu jedem Schüler zu halten. Daher ist die beste Chance, die Klasse im Ganzen aufzuklären. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. hat sich in ihrer Informationsreihe über die gebräuchlichsten Drogen und Suchtsubstanzen auch mit Opiat- und Opioid-Schmerzmitteln beschäftigt. In dem Beitrag erfahrt ihr, was diese Schmerzmittel genau sind, was sie gefährlich macht und wie eine Sucht entsteht. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) stellt Informationen zur wirksamen Suchtvorbeugung im Schulkontext vor.

 

Habt ihr schonmal Erfahrungen mit suchtkranken Schüler:innen oder Kolleg:innen gemacht? Erzählt uns davon in der Kommentarspalte.

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