Von höchsten Anforderungen zu keinem eigenem Studium – Die Lehrkräfteausbildung im internationalen Vergleich

Von höchsten Anforderungen zu keinem eigenem Studium – Die Lehrkräfteausbildung im internationalen Vergleich

Internationale Schulvergleichsstudien, wie die PISA- oder die kürzlich veröffentlichte IGLU-Studie, zeigen immer wieder große Leistungsunterschiede zwischen den teilnehmenden Ländern auf. Gerade in Deutschland arten als Reaktion auf enttäuschende Ergebnisse regelmäßig große Umsturzideen unseres Schul- und Bildungssystems aus. Das mehrgliedrige Schulsystem, der Bildungsföderalismus und viele weitere Charakteristika unseres nationalen Lehrwesens werden hinterfragt und teilweise für veraltet erklärt. Die meisten Nationen unterscheiden sich jedoch noch unter einem anderen Gesichtspunkt, der in der öffentlichen Wahrnehmung meist untergeht. Der Lehrkräfteausbildung, die eigentlich von Land zu Land unterschiedlich ist und – unbestreitbar – einen großen Effekt auf die allgemeine Unterrichtsqualität hat. Daher wollen wir in diesem Artikel einen Blick auf die Lehrkräfteausbildung anderer Staaten werfen und analysieren, was besonders in Bezugnahme auf das Referendariat und die Praxisvorbereitung möglicherweise besser läuft als hierzulande.

Eignungstests statt Abitur? – Lehrkräfteausbildung in Finnland

Zuerst schauen wir auf die Ausbildung von Lehrkräften in der PISA-Spitzennation Finnland. Im Gegensatz zu Deutschland – wo Lehramtstudierende anhand ihres NCs ausgewählt werden – müssen Anwärter:innen auf ein Lehramtsstudium in Finnland zunächst eine schriftliche Prüfung mit bestimmten Mindestanforderungen bestehen. Ein bestandenes Abitur wird dabei zwar angerechnet, ist jedoch nicht zwingend erforderlich. Diese Prüfung – auch Eignungstest genannt – besteht aus Materialien, die den Bewerber:innen zum Teil schon Wochen im Voraus und zum Teil erst während des Examens zur Verfügung gestellt werden und soll dazu dienen, die akademischen Fähigkeiten der Kandidierenden zu prüfen. In der zweiten Phase des Bewerbungsverfahren werden diejenigen, die die schriftliche Prüfung mit mindestens 30 Prozent bestanden haben, zu einem Einzel- und Gruppengespräch eingeladen und innerhalb eines Interviews in den drei Kategorien Beziehungsfähigkeit, Motivation und Engagement bewertet. Dieses Gespräch verfolgt den Zweck, dass nur Leute zum Studium zugelassen werden, die sich für eine Zusammenarbeit mit Kindern eignen. Zusätzlich wird die  Abbruchquote so möglichst klein gehalten. Im Jahr 2020 wurden mit diesem Verfahren an der Universität Helsinki 122 von 1366 Bewerber:innen zugelassen.

Aber zum Studium. In Finnland gibt es nicht das klassische Referendariat, das an das Studium anschließt. Es existieren Praxisphasen, die auf die gesamten fünf Jahre der Regelstudienzeit aufgeteilt sind. Denn allen elf finnischen Universitäten, an denen ein Lehramtsstudium möglich ist, ist eine „Übungsschule“ zugeteilt, an der der Unterricht hauptsächlich von Studierenden geleitet wird. Den Klassen ist immer dieselbe studierende Person zugewiesen, die anfangs nur hospitiert und nach und nach in Anwesenheit der ausgebildeten Lehrkraft die Unterrichtsführung übernimmt. Eine Lehrerin einer Übungsschule spricht davon, dass ihre Hauptaufgabe die Betreuung der Studierenden ist und sie weniger direktes Feedback gibt und lieber „Fragen stellt und zum Nachdenken anregt“. So sollen die Studierenden den Unterricht und die Kinder selbst analysieren, um ein eigenes Verständnis für das Unterrichten zu entwickeln.

Fehlendes Lehramtsstudium Ursache für PISA-Tief? – Lehrkräfteausbildung in Frankreich

Wir gehen von Finnland, einer mutmaßlichen Musternation der Lehrkräfteausbildung, nach Frankreich, deren PISA-Ergebnisse 2018 in allen Kategorien schlechter waren als die Deutschlands. Ein klassisches Lehramtsstudium gibt es in Frankreich nicht. Wer in Frankreich jedoch Lehrer:in werden möchte, muss im Bachelor ein Fach studieren, das danach an Schulen unterrichtet werden kann. Daraus folgt, dass Lehrer:innen in Frankreich nur ein Fach unterrichten. Dieses müssen sie fünf Jahre – bis zum Master 2 – studiert haben, bis sie eine Aufnahmeprüfung für einen Lehrplatz ablegen können. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Schulformen und die fachlichen Anforderungen variieren zwischen Grundschule, weiterführender Schule und Gymnasium. Die pädagogischen Kompetenzen der angehenden Lehrkräfte werden somit wenig beachtet und sind womöglich der Grund für ein verbesserungswürdiges Abschneiden bei den letztjährigen PISA-Studien. Seit 2013 gibt es jedoch zwei Masterstudiengänge, die pädagogische Herangehensweisen lehren und auch Praktika und Referendariat-ähnliche Programme enthalten. Diese und auch die Schule, an der nach der abgeschlossenen Ausbildung unterrichtet werden soll, werden jedoch willkürlich bestimmt und die Lehrkraft hat kein Mitbestimmungsrecht über den eigenen Einsatzort.

Föderalismus bei der Lehrerausbildung mit 50 Bundesstaaten – Lehrkräfteausbildung in den USA

Anforderungen und Standards des Lehramtsstudiums sind in den USA durch das föderalistische System zwar häufig verschieden und oft sind auch die Zertifizierungen des Studiums nicht gleich viel wert, jedoch sind die Rahmenbedingungen für ein Lehramtstudium von Kalifornien bis Maine und Alaska bis Florida die gleichen. Die Studienzeit beträgt vier Jahre und ist in zwei inhaltliche Hälften aufgeteilt:. Die ersten zwei Jahre der Ausbildung stehen im Zeichen des „Liberal Arts“ Curriculums, das die Studierenden aller Fächer belegen müssen und inhaltlich sozial-, natur- und geisteswissenschaftliche Themen umfasst. Vergleichbar ist es mit dem Abitur in Deutschland, da man zwar Schwerpunkte wählen kann, der Lehrstoff aber nicht unbedingt dem jeweiligen Studium zugeordnet ist. Diese zweijährige Phase muss mit einem Schnitt von mindestens 2,5 bestanden werden, um dem nachfolgenden lehramtbezogenen Studium nachzugehen. In den zwei Jahren der Spezialisierung wählen die angehenden Lehrkräfte in der Regel das Hauptfach „Education“, das gleichwertig mit den Begriffen „Pädagogik“ und „Erziehung“ zu übersetzen ist. Ein weiteres akademisches Hauptfach oder zwei Nebenfächer einer Fachdisziplin entscheiden über die später unterrichtenden Fächer. Besonders das Fach „Education“ wird je nach Bundesstaat unterschiedlich vermittelt und auch die praktischen Lehrerfahrungen sind stark länderabhängig, dauern aber in der Regel 12-16 Wochen und sind der letzte Schritt vor dem Berufseinstieg.

Welche Form der Lehrkräfteausbildung findet ihr am besten? Würde das finnische System bei uns auch funktionieren und was haltet ihr davon, dass es in Frankreich kein klassisches Lehramtsstudium gibt? Schreibt uns gerne einen Kommentar!  

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