Zwischen Theorie und Praxis: Warum die Umsetzung der Digitalisierung an Schulen noch immer oft scheitert

Von
Tobias Ristok
|
19
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April 2023
|
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Zwischen Theorie und Praxis: Warum die Umsetzung der Digitalisierung an Schulen noch immer oft scheitert

Quelle: Canva.com

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Tobias Ristok

Zu Beginn unserer Themenwoche "Zukunft der Bildung" haben wir uns die Frage gestellt, wie die Schule von morgen aussehen könnte, danach sind wir auf aktuelle Trends und Zukunft der Pädagogik eingegangen. Heute soll es ausführlich um die Thematik der Digitalisierung unseres Bildungswesens gehen.

In Deutschland schreitet die Digitalisierung weiter voran, auch in Schulen. Die jüngere Generation lernt bereits den Einsatz neuer Technologien und wie sie mit deren Hilfe Wissen erwerben kann. Einige Schulen haben bereits schulinterne Netzwerke eingerichtet und ihre Schüler mit Tablets oder Notebooks ausgestattet. Interaktive Whiteboards werden auch immer häufiger eingesetzt und ersetzen die herkömmlichen Schultafeln. Nicht selten müssen Lehrkräfte noch immer ihre eigenen Laptops zur Vorbereitung des Unterrichts nutzen, da sie nicht darauf warten können, dass die Schule ihnen diese Geräte bereitstellt. Wo steht die Digitalisierung unserer Schulen im Jahr 2023?

Digitale Medien haben viele Vorteile für Schüler und Lehrkräfte. Sie ermöglichen es beispielsweise, den Schulranzen zu entlasten, indem die Bücher auf Tablets oder Notebooks gespeichert werden. Apps erleichtern die Arbeit und Schüler können ihre Referate am eigenen Medium vorbereiten und präsentieren. Auch das gemeinsame Arbeiten an Projekten gelingt oft besser.

Es gibt jedoch noch einige Schwierigkeiten bei der Digitalisierung an Schulen, die unter anderem im Rahmen des von der Bundesregierung aufgelegten Digitalpakts angegangen werden sollen. Wo stehen wir hier bei der Umsetzung? 

Unterschiedliche Interessen hemmen Digitalisierung

Der Digitalpakt Schule hat ein  Budget von 6,5 Milliarden Euro. Ziel ist es, eine zeitgemäße digitale Bildungsinfrastruktur flächendeckend aufzubauen. Allerdings sind bis Ende 2021 nur etwa 1,2 Milliarden Euro abgeflossen und weitere 2,4 Milliarden Euro wurden bewilligt, aber noch nicht ausbezahlt. Ein weiteres Problem ist, dass die Schüler oft besser mit den digitalen Geräten umgehen können als die Lehrer. Die Forscher der mmb-Studie haben untersucht, wie Schulen, Politik und Verwaltung besser zusammenarbeiten können, aber laut den Recherchen des Handelsblatts.de verhalten sich alle Beteiligten bisher eher "eigensinnig" und es fehlt an vernetztem Denken und Handeln. Die Lehrenden denken eher an die Anschaffung von Geräten, die ihren didaktischen Vorstellungen entsprechen, während Schulträger darauf achten müssen, dass die Geldverteilung förderrechtskonform ist und Datenschutzbehörden die Vorgaben der DSGVO beachten müssen. Landesbehörden agieren oft auf einer höheren Ebene und berücksichtigen nicht unbedingt die konkreten Bedürfnisse der Schulen vor Ort. Einige Probleme können von den Schulen selbst nicht gelöst werden, wie zum Beispiel der Breitbandausbau oder der Fachkräftemangel im IT-Sektor, was die Digitalisierung der Schulen bremst.

Wie kommen die Schulen an die Fördermittel aus dem Digitalpakt?

Bevor Schulen von den Vorteilen des Digitalpakts profitieren können, müssen sie zuerst ein aufwendiges Antragsverfahren durchlaufen. Hierbei müssen Schulen ein Konzept erstellen, in dem sie angeben, welche digitale Ausstattung sie benötigen, wie die Schule bereits ausgestattet ist, was gebraucht wird, warum und wie Lehrerinnen und Lehrer für die Nutzung der Technologie qualifiziert werden sollen. Dieses Konzept muss dann an die Schulträger weitergeleitet werden, die in der Regel Städte, Gemeinden oder Landkreise für öffentliche Schulen oder Vereine oder Religionsgemeinschaften für Privatschulen sind. Die Schulträger stellen dann einen Förderantrag beim Land, indem sie die Anträge der Schulen bündeln und einen Gesamtantrag stellen. Das Land prüft dann den Antrag und bewilligt ihn gegebenenfalls, sodass die beantragten Geräte oder Software bestellt oder installiert werden können. Das Geld wird jedoch erst freigegeben, wenn der gesamte Prozess abgeschlossen ist.

Nach Ansicht der Bildungsgewerkschaft VBE sind die Antragsverfahren für Fördergelder aus dem Digitalpakt, die zwar im Zuge von Corona vereinfacht wurden, immer noch zu kompliziert. Der Vorsitzende des VBE, Udo Beckmann, schlug eine Vereinfachung und mehr Unterstützung der Schulen vor, damit das Geld schneller und einfacher dort ankommt.

Das Bundesbildungsministerium bietet hier eine Übersicht über Förderrichtlinien, zuständige Stellen und Beratungsmöglichkeiten in den jeweiligen Bundesländern an.

Der Digitalpakt – bereits gescheitert?

Obwohl die Zustimmung zum Digitalpakt hoch ist, kommt es drei Jahre nach der Einführung immer noch zu wenig in den Schulen an. Eine Umfrage unter Lehrkräften im Dezember 2020 und April 2022 ergab, dass 61% bzw. 66% der Befragten der Meinung sind, dass ihre Schule unzureichend auf die Ausstattung mit digitalen Medien vorbereitet ist. Auch Eltern schulpflichtiger Kinder sehen großen Nachholbedarf bei der Digitalisierung der Schulen. Eine repräsentative Umfrage des Digitalverbands Bitkom aus dem April 2021 zeigt, dass 77% der Eltern der Meinung sind, dass die Digitalisierung der Schulen zu langsam voranschreitet. 83% sind der Ansicht, dass verstärkt in IT und Ausstattung mit digitalen Endgeräten investiert werden sollte. Die derzeitige digitale Ausstattung der Schulen wird nur mit einer 3- bewertet, während die Versorgung mit WLAN in Klassenräumen sogar nur mit einer 4+ bewertet wird.

Künstliche Intelligenz im Klassenraum

In Deutschland gibt es derzeit einen großen Lehrermangel und zugleich sinken die Leistungen der Schülerinnen und Schüler. Die Digitalisierung allein kann diese großen Herausforderungen nicht lösen, jedoch können digitale Anwendungen Lehrerinnen und Lehrern helfen, Zeit zu sparen bei der Korrektur von Tests und bei der Vorbereitung von Unterrichtsstunden und Übungen. Diese Zeit können sie stattdessen für einen intensiveren Austausch mit ihren Schülern und Schülerinnen nutzen. Außerdem können digitale Lernprogramme dazu beitragen, dass sich die Schule zu mehr Selbstständigkeit, Gerechtigkeit, Kreativität und Teamarbeit entwickelt. Trotzdem ist künstliche Intelligenz in deutschen Klassenzimmern noch selten und wird meist nur von Lehrkräften genutzt, die sich dafür begeistern. Es gibt nicht nur einen Grund, warum Deutschland in Bezug auf die Digitalisierung im Bildungsbereich zurückhaltend ist, sondern es ist eine Kombination aus verschiedenen Faktoren. Zum einen fehlen immer noch Geräte für Schüler und Lehrer, und es gibt zu wenig fachkundige Menschen, die Laptops und Tablets einrichten können. Digitale Angebote von freien Anbietern sind zwar vielfältig, aber oft nicht durchschaubar für technische Laien und entsprechen nicht den hohen Anforderungen des deutschen Datenschutzes. Hinzu kommt eine föderale Struktur, die dazu führt, dass jede Schule alles allein erarbeiten, beantragen, erlernen und einrichten muss.

Um diesen Zustand zu verbessern, hat die Ständige Wissenschaftliche Kommission gefordert, wissenschaftlich überprüfte Lernmaterialien zentral zu entwickeln und allen zur Verfügung zu stellen. Zudem sollten alle Pädagogen und Pädagoginnen aus- und fortgebildet werden.

Allerdings gibt es auch eine große Skepsis vieler Lehrkräfte, die bis vor Corona eher auf die Gefahren der Digitalisierung fokussiert waren, als auf die Chancen. Oft verwechseln sie auch die wenig attraktiven Lösungen für den Corona-Fernunterricht, wie etwa den Frontalunterricht über eine Videokonferenz, mit pädagogisch wertvollem Digitalunterricht. Manchmal steckt hinter der Skepsis auch die alte Angst, dass Lehrkräfte dauerhaft durch Maschinen ersetzt werden könnten. Dabei haben Lehrer:innen, Eltern und Schüler:innen während der Schulschließungen deutlich gespürt, wie wichtig die echten Kontakte zwischen den Kindern, aber auch zu ihren Lehrer:innen und Erzieher:innen sind. Lernen ohne Beziehungen funktioniert nicht.

Wie bewerten Expert:innen den Stand der Digitalisierung an Schulen in Deutschland? Dazu lest ihr mehr in unserem Interview mit Jacob Chammon. Schreibt uns auch gerne eure Meinung zur Digitalisierung an deutschen Schulen in die Kommentare!

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