Corona – mentale Herausforderungen für unsere Schüler:innen: im Gespräch mit Prof. Dr. Julia Asbrand

Das Thema mentale Gesundheit bei Schüler:innen ist zwei Jahre seit Beginn der Coronapandemie in den Fokus der Gesellschaft gerückt. “Lehrer News” hat aus diesem Grund mit Prof. Dr. Julia Asbrand gesprochen. Dieses Interview beleuchtet den aktuellen Stand der mentalen Gesundheit bei Schüler:innen, den richtigen Umgang mit den Betroffenen sowie Hilfsangebote über Online-Dienste wie Webseiten, Verbände, Apps und Literatur.

Prof. Dr. Julia Asbrand ist Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie und -psychotherapie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie ist eine approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin (VT). Ihr Forschungsschwerpunkt liegt seit 2010 auf  (sozialen) Angststörungen im Kindes- und Jugendalter sowie Aufmerksamkeitsstörungen. Seit April 2020 ist sie Professorin an der Humboldt-Universität und seit Juni 2021 Leiterin der Spezialambulanz für Kinder, Jugendliche und Familien an der Hochschulambulanz der Humboldt-Universität. 

Im folgenden Interview stellt sich Prof. Dr. Julia Asbrand unseren Fragen bezüglich der mentalen Gesundheit von Schüler:innen.

Lehrer-News: Wie sah die Situation in Deutschland vor der Corona Pandemie in Bezug auf die mentale Gesundheit von Schüler:innen aus? 

Asbrand: In Selbstauskünften innerhalb von Kohortenstudien, (wie sie z.B. die BELLA-Studie („BEfragung zum seeLischen WohLbefinden und VerhAlten") regelmäßig erfasst, zeigt sich, dass ca. 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen psychisch belastet waren (Hölling et al., 2014). Diese Zahlen stiegen zeitweise auf 30 Prozent innerhalb der Corona-Pandemie an, wobei sie auch wieder fielen (COPSY-Studie, Ravens-Sieberer et al., 2021, 2022a, 2022b). Studien zu psychischen Störungen zeigen ähnliche Zahlen von ca. 17-18 Prozent aller Kinder und Jugendlichen mit einer Erkrankung, wobei zu beachten ist, dass die Studien recht alt sind (z.B. Barkmann & Schulte-Markwort, 2010; Ihle & Esser, 2002). Dieses Ergebnis beinhaltet keine Aussage über die psychische Gesundheit, sondern nur über psychische Belastung, da Gesundheit nicht nur die Abwesenheit von Erkrankungen ist.

Lehrer-News: Inwiefern hat die Corona Pandemie die mentale Gesundheit von Schüler:innen beeinflusst? Wie groß sind die Veränderungen ?

Asbrand: Die Pandemie zeigt eine Veränderung der psychischen Belastungen (starker Anstieg, dann Abfall). Zugleich ist nicht klar, wie es weitergeht. Frühere Studien zu Katastrophen und Epidemien zeigen durchaus bis zu zwei Jahre nach einem starken Ereignis eine erhöhte Wahrscheinlichkeit zu psychischen Erkrankungen (z.B. Meewisse et al., 2011). Hier ist noch unklar, wie es bei der Corona-Pandemie aussehen wird, da sich weitere Studien oft auf andere Stressoren beziehen (z.B. Naturkatastrophen) und nicht immer Kinder mit einbeziehen, sondern Erwachsene fokussieren.

Lehrer-News: Gab es vor der Corona Pandemie bereits Maßnahmen wie z.B.: AGs, Vertrauensschüler:innen, Vertrauenslehrer:innen, Angebote für die Gesundheitsförderung usw., die Schulen für die Schülerschaft zum Thema mentaler Gesundheit angeboten haben?

Asbrand: Generell ja. Die Möglichkeiten sind in jedem Bundesland verschieden. In Berlin gibt es z.B. die Schulpsychologie; in anderen Bundesländern Schulsozialarbeit. Diese Angebote sind enorm wichtig, da sie sehr niedrigschwellig und direkt in den Schulen ansetzen. Oft sind sie aber personell unterbesetzt und haben kaum Ressourcen, um weitergehende Angebote für Schüler:innen zu etablieren.

Lehrer-News: Welche effektiven Maßnahmen sollten in Zukunft in Schulen dauerhaft bezüglich mentaler Gesundheit implementiert werden? 

Asbrand: Wir brauchen niedrigschwellige Angebote, die u.a. das Stigma berücksichtigen, das mit psychischer Belastung einhergeht. Es ist einfacher, zu einem Gespräch mit der Schulsozialarbeiter:in zu gehen als zu einer Psychotherapeut:in. Insgesamt ist es sinnvoll, Kinder und Jugendliche in die Struktur dieser Angebote selbst mit einzubeziehen. Möchten sie vielleicht v.a. Online-Ratgeber? Muss es ein Schulfach “psychische Gesundheit” geben? Insbesondere aufgrund einer sich rasant entwickelnden und krisengeschüttelten Welt ist es wichtig, auf Augenhöhe danach zu fragen “Was braucht ihr?”. Von den Jugendlichen selbst kommt z.B., dass sie teilweise mit sozialen Medien überfordert sind. Hier sind “die Erwachsenen” nicht schnell genug. Eine Organisation, die sich diesem Phänomen stellt, ist z.B. Our Generation Z.

Prof. Dr. Julia Asbrand

Lehrer-News: Welche Ängste kommen besonders häufig bei Kindern und Jugendlichen vor und wie äußern sich diese im Schulalltag?

Asbrand: Im Schulalltag werden vor allem Leistungsängste und soziale Ängste sehr deutlich, weil sie direkt den Schulalltag erschweren und Kommunikation behindern. Das heißt, ein Kind zieht sich z.B. zurück, will sich nicht melden. Dies wird teilweise als Widerwillen ausgelegt. Manche Kinder fehlen dann auch öfter, was zu verpasstem Stoff und Lerndefiziten führt. In der Grundschule können auch Trennungsängste relevant sein, wenn Kinder nicht alleine in der Schule bleiben wollen.

Lehrer-News: Wie können Lehrer:innen, ihren Schüler:innen, die mentale Probleme haben, helfen und worauf sollten sie dabei achten?

Asbrand: Ein Bewusstsein dafür, dass Schüler:innen Probleme haben können, die eine Lehrkraft nicht direkt nachvollziehen kann, hilft oft schon. Hier kann man in einer ruhigen Minute die Schüler:in ansprechen und Hilfe anbieten. Oft ist eine Lehrkraft hierfür aber auch nicht optimal geeignet, da es ja trotzdem eine Bewertungssituation gibt (d.h., erzähle ich meinem Mathelehrer wirklich davon, dass ich massive Konzentrationsschwierigkeiten habe und nicht schlafen kann?). Das heißt, Lehrkräfte können aufmerksam sein und weiterverweisen. Sinnvoll ist es auch, sich dafür zu engagieren, an unserem Leistungssystem zu arbeiten. Welche Werte wollen wir zukünftigen Generationen (auch in der Schule) vermitteln? Zählen nicht Zufriedenheit und emotionale Ausgeglichenheit ähnlich dazu wie Englischvokabeln lernen?

Ein Thema, das eng mit psychischen Problemen verknüpft ist, ist Bullying. So werden Kinder, die bereits Probleme haben, eher Bullying-Opfer; genauso entwickeln Bullying-Opfer eher psychische Probleme (Pabian & Vandebosch, 2016). Hier können Lehrkräfte frühzeitig eingreifen und diese Situationen unterbinden. Oft haben die Opfer das Gefühl, dass sie sich an niemanden wenden können, hier muss es Ansprechpartner:innen geben. Die Buchreihe “Psychologie im Schulalltag”, bestehend aus sechs Bänden, thematisiert je Buch eine Thematik und gibt entsprechend konkrete Hilfestellungen für Lehrer:innen im Schulalltag.

Lehrer-News: Wie wird sich die Situation für Schüler:innen deutschlandweit in Zukunft entwickeln?

Asbrand: Wir brauchen mehr niedrigschwellige Angebote, mehr Kommunikation auf Augenhöhe mit Kindern und Jugendlichen und mehr gesellschaftliches Bewusstsein zu Krisen und zur Zukunftsangst vieler. 

Von Seiten unserer Redaktion hier noch weitere Empfehlungen zu dieser Thematik:

Apps & Online Dienste für Betroffene

Die Apps Calm: Meditation & Schlaf, Headspace: Meditation & Schlaf, 7Mind Meditation & Achtsamkeit und  BetterSleep sind seit mehreren Jahren hilfreiche Stützen für viele Betroffene.

Die folgende Aufzählung enthält Stiftungen, Vereine und Webseiten, die betroffenen Schüler:innen helfen können: die Stiftung “Achtung!Kinderseele”, Kopfsachen e.V., das Infoportal “ich-bin-alles”, das Informationen zu Depressionen, Vorbeugung usw. bietet unter Leitung des  Klinikums der Universität München, das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit, Irrsinnig Menschlich e.V., die Mental Health Initiative, die Akademie für menschliche Medizin GmbH und die Mental Health Crowd GmbH. Nach einer kurzen Internetrecherche sind weitere online oder lokale Angebote schnell gefunden.

Unsere Buchempfehlung ist das Buch “Soziale Ängste” (2022) von Prof. Dr. Julia Asbrand. 

Das Buch steigt tiefer in die Materie der sozialen Ängste von Schüler:innen im Schulalltag ein. Die Entstehung der sozialen Ängste bei Schüler:innen, ihr Verhalten sowie die verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten werden ausführlich erläutert. Für Lehrer:innen und Schulpersonal gibt das Buch "Hilfestellung für den Umgang mit betroffenen Schüler:innen". Weitere Unterstützung bietet auch das Arbeitsmaterial im Buchanhang.

Wie habt ihr die Lage von Schüler:innen miterlebt? Wie waren eure Eindrücke?

Lasst es uns gerne in den Kommentaren wissen!

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