Zwischen Tutoring for All und 100 Prozent-Schule: Ein Gespräch mit Ekkehard Thümler

Gepostet von
Julia Wessner
|
9
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December 2022
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Zwischen Tutoring for All und 100 Prozent-Schule: Ein Gespräch mit Ekkehard Thümler

Digitalisierung in Schulen ist ein Muss, darin sind sich die meisten Menschen einig. Aber wie kann dieser Vorgang von einzelnen Personen beschleunigt werden? Um das herauszufinden, haben wir Dr. Ekkehard Thümler befragt. Dieser setzt sich schon seit geraumer Zeit für eine bessere Digitalisierung an deutschen Schulen ein. Er ist Gründer und Geschäftsführer von "Tutoring for All”, einem digitalen Tutoring-Programm zur wirksamen Leseförderung in Grundschulen. Zudem ist er ein Senior Fellow am Centre for Social Investment (CSI) der Universität Heidelberg, war in Führungspositionen an vier deutschen Bildungsstiftungen tätig und leitete an der Universität Heidelberg ein internationales Forschungsprogramm zu sozialer Wirkung und Innovation. Wir haben mit ihm ein Gespräch über die aktuelle Lage der Schulen und seine Projekte geführt.

Lehrer-News: Die Themen Bildung und Schule haben einen großen Platz in Ihrem Leben, wie kam es dazu?

Thümler: Seit dem ersten Tag meiner Schulzeit war Bildung für mich eine Quelle von Freude und Erfolgserlebnissen. Ich finde es schwer zu ertragen, dass viele Kinder genauso neugierig und vergnügt in die Schule kommen, wie ich damals – und dann vom ersten Tag an die Erfahrung machen, dass sie nicht gut genug sind. Außerdem halte ich es für einen Skandal, dass heute jedes vierte Kind neun Jahre lang jeden Tag zur Schule geht und am Ende die grundlegendsten Fähigkeiten nicht gelernt hat.Ich möchte unbedingt einen Beitrag dazu leisten, dass sich an diesem Zustand etwas ändert.

Lehrer-News: Sie sind Gründer des Projekts “Tutoring for All”, wie sind Sie auf die Idee für das Konzept gekommen?

Thümler: In der Corona-Pandemie habe ich nach einem Ansatz gesucht, mit dem sich Lernverluste durch die Schulschließungen erfolgreich ausgleichen lassen. Dabei bin ich auf das digitale Tutoring-Programm der US-amerikanischen Success for All Foundation aufmerksam geworden. International gilt Tutoring als eine der wirksamsten Maßnahmen zur Förderung, gerade von benachteiligten Schüler:innen. Mit dem System von Success for All bringen wir deshalb ein wissenschaftlich fundiertes, praxiserprobtes und positiv evaluiertes Tutoring-Programm nach Deutschland. Wir wollen damit gerade für diejenigen Kinder einen echten Unterschied machen, die besonders auf wirksame Förderung angewiesen sind.

Lehrer-News: Bei “Tutoring for All” wird der Bildungsgrad vieler Schüler nach der Schullaufbahn kritisiert. Welche elementaren Fehler haben die Schulen Ihrer Meinung nach in den letzten Jahren gemacht?

Thümler: Zwischen den Schulen und der Gesellschaft ist in den letzten Jahrzehnten eine Kluft entstanden, die immer größer wird. Einer zusehends globalen, digitalisierten und beschleunigten Welt steht ein Schulsystem gegenüber, das sich im Modus von business as usual eingerichtet hat und Veränderung vorwiegend nach dem Prinzip „mehr desselben“ organisiert. Das kann nicht gut gehen. Die unzureichende Reaktion auf die Corona-Krise und eine ständig sinkende Leistungsfähigkeit der Schulen sind die Quittung dafür. Ich finde es schwer zu verstehen, dass so wenig unternommen wird, um an diesem Zustand etwas zu ändern.

Lehrer-News: Und was können Schulen und Lehrer:innen besser machen?

Thümler: Die Idee, dass die Entwicklung neuer Lösungen von einzelnen Schulen und ihren Lehrer:innen ausgehen sollte, halte ich angesichts der Größe der Herausforderungen für gleichermaßen unfair wie aussichtslos. Hier ist wirklich das Engagement der ganzen Gesellschaft gefragt. Der Ausgangspunkt für die anstehende Transformation muss das Eingeständnis sein, dass die Maßnahmen der letzten Jahrzehnte versagt haben und wir ganz neue Strategien entwickeln müssen. Dafür müssen wir zunächst einmal die Ursachen der langjährigen Stagnation verstehen. Wir brauchen eine Initiative, die eine sorgfältige Situationsanalyse durchführt und auf dieser Grundlage ganz neue Instrumente entwickelt, die uns aus der Sackgasse herausführen könnten. Zweitens müssen wir nach neuen Ressourcen Ausschau halten, mit denen eine echte Entwicklungsdynamik erzeugt werden kann. Die digitalen Technologien sind der wichtigste Kandidat dafür. Hier stehen wir heute noch ganz am Anfang, aber in den kommenden Jahren werden wir im Bereich der digitalen Bildung enorme Entwicklungssprünge sehen. Darin liegt wirklich eine Generationenchance. Es wäre gut, wenn Deutschland diese Chance erkennen und ergreifen würde.

Lehrer-News: Wie bewerten Sie die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die schulische Ausbildung von Kindern, wie gravierend ist die Lage?

Thümler: Die Zahlen sind ja bekannt: Laut IQB-Bildungstrend verfehlen mehr als 40 Prozent aller Kinder am Ende der Grundschulzeit die Regelstandards in Lesen. In Mathematik sind es sogar 45 Prozent. Rund jedes fünfte Kind erreicht nicht einmal die Mindeststandards. Weil in den weiterführenden Schulen kaum gegengesteuert werden kann, dürften sich die Zahlen in den kommenden Jahren immer weiter verschlechtern. Wir bewegen uns auf eine Situation zu, in der die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler nach neun Jahren nur unzureichend lesen, schreiben und rechnen kann. In fünf Jahren könnten bis zu 30 Prozent der Schüler:innen die Schule als funktionale Analphabeten verlassen.

Lehrer-News: Sie haben das Konzept der 100-Prozent-Schulen vorgeschlagen. Wie genau soll das aussehen?

Thümler: Angesichts der aktuellen Situation wird häufig ein neuer PISA-Schock ausgerufen. Der wird aber nicht eintreten, denn die Probleme sind ja seit langem bekannt und ein Schock lässt sich nicht herbeireden. Ich schlage vor, genau andersherum vorzugehen. Wir sollten uns wirklich ambitionierte und begeisternde Ziele setzen, die eine neue Aufbruchstimmung hervorrufen können. 100-Prozent-Schulen wären ein solches Ziel. Damit meine ich Schulen, in denen praktisch alle Schüler:innen die Regelstandards in Lesen, Schreiben und Rechnen erreichen – zuverlässig und dauerhaft. Aus der Forschung und vielen herausragend erfolgreichen Schulen wissen wir heute schon eine ganze Menge darüber, wie das auch unter schwierigen Bedingungen gelingen kann. Ich will einmal die folgenden Punkte nennen: 100-Prozent-Schulen müssen unterschiedliche Maßnahmen miteinander kombinieren. Dazu zählen ein deutlich größeres Zeitbudget für die Vermittlung von Basiskompetenzen. Ein Unterricht, der auf individuelle Bedürfnisse der Kinder maßgeschneidert ist und auf regelmäßiger Lernstandsdiagnose beruht. Der Aufbau eines Sicherheitsnetzes aus qualitativ hochwertigem Tutoring in Kleingruppen. Und die Fähigkeit, auch weitere Barrieren wie etwa gesundheitliche Probleme oder Absentismus erkennen und abbauen zu können. 100-Prozent-Schulen sind nicht länger isolierte Einzelschulen. Sie organisieren sich in kleinen Schulverbünden, deren Arbeit von spezialisierten Organisationen koordiniert wird. Und sie erhalten von Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft Unterstützung bei der Umsetzung ihrer gemeinsamen Mission. Mit den genannten Maßnahmen lassen sich zwar zügige Verbesserungen erzielen, aber sie können nur ein Anfang sein. Der Weg zu echten 100-Prozent-Schulen ist noch lang. Deshalb muss in den Schulen ein Prozess dauerhafter Innovation und Verbesserung in Gang gesetzt werden, der immer das langfristige Ziel vor Augen hat.

Lehrer-News: Was denken Sie über die Nationale Bildungsplattform und die daran geäußerte Kritik?

Thümler: Der Staat kümmert sich ja in vielen gesellschaftlichen Bereichen um Aufbau und Unterhalt von Infrastruktur. Ich verstehe die Bildungsplattform als einen Versuch, diesen Ansatz auf den Bereich der digitalen Bildung zu übertragen. Die Idee, auf diesem Weg einheitliche Standards und Schnittstellen zu definieren und die unterschiedlichsten digitalen Bildungsangebote miteinander kompatibel und leicht zugänglich zu machen, ist grundsätzlich nicht verkehrt. Etwas skeptisch stimmt mich der Umstand, dass es dem BMBF bis heute nicht wirklich gelungen ist, deutlich zu machen, für welche konkreten Probleme die Nationale Bildungsplattform eigentlich die Lösung darstellt. Letztlich kommt es aber darauf an, was aus diesem Ansatz am Ende gemacht wird – insofern würde ich sagen:

The jury is still out.

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