Große Pause: Wie berufliche Umorientierung für Lehrkräfte aussehen kann

Im System Schule laufen Lehrer:innen, die sich schon leise verabschiedet haben. Sie sind über die Zeit zu Grenzgängern geworden und warten auf eine sich bietende Gelegenheit, ihr Lehrerdasein hinter sich zu lassen. “Quiet Quitting nennen wir das”, sagt Allison Peck, eine Karriereberaterin aus den USA. Sie meint  den Zustand, wenn die Work-Life-Balance aus dem Gleichgewicht geraten ist. 80 Prozent der Lehrerschaft fühlen sich davon belastet, mit Überstunden und Extra-Arbeit täglich ans Limit gehen zu müssen. Das zeigen Umfrageergebnisse der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zur Berufszufriedenheit deutscher Lehrkräfte. Dabei gehen die meisten Lehrerinnen und Lehrer gerne ihrem Job nach – mit ‘innerer Kündigung’ hat das also nur in seltenen Fällen zu tun. Derartige Kehrtwenden kommen häufig in Folge von Erschöpfung, fehlgeleiteten Berufsentscheidungen oder chronischem Zeitmangel, auch Burnouts. Andere hingegen wollen einfach ihren Interessen nachgehen, sich selbst herausfordern oder schlichtweg einen aufregenden Neuanfang wagen. Sobald diese Entscheidung gefallen ist, beginnt die Suche nach Alternativen. Raus aus dem Schulbetrieb: Unser Artikel zeigt, wo man Ex-Lehrkräfte antreffen kann.

Bewusste Reflexion 

Bevor man eine neue berufliche Laufbahn einschlägt, sollte der Prozess des Reflektierens durchlaufen werden. Eine Standortbestimmung kann helfen, Gründe für das Bedürfnis nach einer Veränderung zu erkennen, um diese schließlich besser auf das eigene Persönlichkeitsprofil abstimmen zu können. Das Formulieren von konkreten Fragen bringt eine schnelle Antwort auf die neue Situation. Welche Rolle spielt Arbeit in meinem Leben, und was erwarte ich von meinem Arbeitsort? Warum habe ich mich einst für den Lehrberuf entschieden? Derartige Fragestellungen führen zur Identifikation von Kompetenzen, Interessen, beruflichen Werten und Zielen. Die während des eigenen Studiums erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten zu wissenschaftlichem Arbeiten und Problemlöseprozessen machen Lehrkräfte als Bewerber:innen konkurrenzfähig. Seien Sie also nicht zögerlich, auch fachfremde Arbeitsfelder in Betracht zu ziehen.

Tipp: Ein Praktikum ist eine gute Gelegenheit, um Einblick in andere Berufsbereiche zu gewinnen und mit seinen Erwartungen abzugleichen. So kann eine erneute Fehlleitung umgangen werden. Du bist gerade auf der Suche nach einem Praktikum und möchtest deine Erfahrungen aus der Praxis anderen weitergeben? Die Lehrer-News-Redaktion sucht momentan Verstärkung.

Lehrer:innenausbildung und Universitäten

Statt im System als Lehrerin oder Lehrer im öffentlichen Dienst zu arbeiten, können diese als qualifizierte Kraft für die Arbeit am System tätig werden. Qualitätsentwicklung im schulischen Bereich ist stark gefragt und verlangt sowohl engagierte Leute mit Erfahrung aus schulischen Institutionen, als auch Weitsicht auf aktuelle Bildungsthemen. Universitäten und Hochschulen zeigen großes Interesse an ehemaligen Absolvent:innen, die in Forschung und Seminaren mit Praxiserfahrungen authentische Lehre betreiben können. Zahlreiche Forschungsdesiderate in den Erziehungswissenschaften und Pädagogik bieten Anstellungen für wissenschaftliche Mitarbeiter:innen im universitären Kontext und führen im besten Fall sogar zur Promotion. Für einige kann auch die Bildungspolitik eine vielversprechende Richtung sein, die ihre Visionen von einem besseren Bildungssystem teilen und umsetzen wollen. Auch ein neues Studienfach aufzunehmen ist nicht abwegig – Aufbaustudien oder Weiterbildungen schaffen die Möglichkeit, Skills für andere Berufszweige zu trainieren und den Lebenslauf zu erweitern.

Schulnahe Berufe

Ist die Vermittlung von Wissen ein Fokus, der beibehalten werden will, können alternative Formen in Frage kommen, in denen die Anforderungen und Umstände des Lehrens individuell gestaltbar sind. Auch der Beginn einer Selbstständigkeit ist hier denkbar. Durch die Profession zu Erziehungs- und Bildungsbeauftragten sind Lehrkräfte in der Beschäftigung an sozialen Bildungseinrichtungen versiert. Fortbildungen oder Studiengänge erhöhen dabei die Wahrscheinlichkeit, dem Anforderungsprofil des jeweiligen sozialen Berufsfeldes passgenau zu entsprechen. Folgende Stellen könnten für eine erfahrene Lehrkraft attraktiv sein: 

Gemeinnützige Organisationen und Stiftungsarbeit 

In Verbänden mitzuwirken, wählen viele Lehrkräfte auch als Nebenbeschäftigung zu ihrer schulischen Arbeit. Projektmanagement für Bildungskampagnen wird gern in die Hände von Referent:innen gegeben, die bereits über Erfahrungen im Bildungssektor verfügen und gute Unterstützung bei Interessenvertretung leisten, sowie Ansprechpartner:innen in Kultur- und Bildungsfragen sind. Dabei geht es um die aktive Mitgestaltung außerschulischer Dienstleistungen, die das Bildungssystem sinnstiftend voranbringen. 

Lektor:in oder Autor:in für Lehrmittel

Lehrmittelfirmen und Schulbuchverlage schreiben bewusst Stellen für Lehrkräfte aus, um ihre Zielgruppe als Arbeitnehmer:innen in ihren Unternehmen zu beschäftigen. Je nach fachlicher und didaktischer Ausbildung wird man Experte für bestimmte Inhalte und Autor:in von Texten und Materialpaketen. Auf diesem Gebiet können Lehrkräfte sich kreativ ausleben und Zusatzqualifikationen im Instructional Design erwerben, wodurch sich ihnen ein Zugang zu neuen Bildungsinstrumenten wie E-Learning-Technologien und Multimedia-Tools erschließt.

Vollständiger Branchenwechsel

In verschiedenen Teilen der Berufswelt ist das Know-how der Lehrtätigkeit von Vorteil. Der Weg in neue Branchen kann allerdings auch mit Umwegen verbunden sein – Ausbildungen sind dann als Türöffner für berufliche Neuorientierungen zu sehen. Mögliche Berufsbilder, an die mit dem Wissen um Bildung angeknüpft werden kann, sind beispielsweise:

Aussteigen oder bleiben

Vor dieser Lebensentscheidung stehen nicht nur Lehrkräfte. In Anbetracht des lebenslangen Lernens ist dies ein gesunder Anzeiger dafür, sich auch mit anderen Handlungen beschäftigen zu wollen und sich ein forderndes Umfeld wünscht. Abwechslung vom Lehrerberuf muss deshalb nicht gleich den Ausstieg bedeuten. Wer unsicher ist, kann statt dem Berufswechsel auch ein Sabbatical vorziehen, in dem man sich gedanklich mit seinem Lebenskonzept auseinandersetzen kann, um näher an die Idee einer nächsten Aufgabe ranzurücken. 

Du hängst ab und an dem Gedanken nach, eine berufliche Veränderung zu schaffen? Bob Blume, ehemals Lehrer, nun Blogger und Autor, berichtet von seinem Ausstieg aus dem Lehrberuf und wie er im Hier und Jetzt angekommen ist. Heute berät er Unternehmen zu Personalentwicklung und betrieblichem Lernen. Hier kommst du zu seinem Artikel.

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