Marie Curie und der Gender Gap – Internationaler Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft

Von
Armend Kokollari
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11
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February 2023
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Marie Curie und der Gender Gap – Internationaler Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft

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Armend Kokollari

Der Internationale Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft wurde am 22. Dezember 2015 in der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen. Er wird jährlich am 11. Februar begangen und soll an die entscheidende Rolle, die Mädchen und Frauen in Wissenschaft und Technologie spielen, erinnern. In unserem Artikel haben wir uns diesen Tag zu Herzen genommen und möchten über die gesellschaftlichen Entwicklungen hinsichtlich der Gleichstellung von Frauen und Mädchen in der Wissenschaft informieren. Dabei richten wir unseren Blick auf die primären Faktoren, durch die Ungleichheit weiterhin angefacht wird, würdigen jene Forscherinnen aus der Geschichte, die bis heute als Pionierinnen und Vorbilder für junge Mädchen dienen und stellen verschieden Programme und Projekte zur Förderung und Unterstützung von Frauen und Mädchen auf ihrem Weg in die Wissenschaft vor.

Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist ein universelles Menschenrecht. Bei Bildung, Erwerbstätigkeit, Einkommen und sozialer Absicherung im Alter haben Frauen in Deutschland während der vergangenen Jahre gegenüber Männern aufholen können. In einzelnen Bereichen, wie bei den Schulabschlüssen, stehen sie mittlerweile sogar etwas besser da. Dazu haben auch verbesserte gesellschaftliche Rahmenbedingungen beigetragen, beispielsweise der Ausbau öffentlicher Kinderbetreuung oder Geschlechterquoten. Doch auch wenn die Gleichstellung damit vielfach etwas weiter vorangeschritten ist, fällt die durchschnittliche berufliche, wirtschaftliche und soziale Situation von Frauen weiterhin oft schlechter aus als bei Männern. Berechnungen des Statistischen Bundesamts haben ergeben, dass Frauen im Bereich Forschung und Entwicklung (F&E) in Deutschland weiterhin deutlich unterrepräsentiert sind. Ihr Anteil erreichte 2019 nur 28 Prozent. Das war einer der niedrigsten Werte in der EU-27. Besonders niedrig war der Anteil auch in den Niederlanden (28 Prozent) sowie Tschechien und Luxemburg (je 27 Prozent). 

Frauenanteil in der Forschung
Quelle: Eurostat

Es genügt also bereits ein Blick auf das eigene Land oder europäische Nachbarstaaten beziehungsweise allgemein gesagt den sogenannten Globalen Norden, um zu erkennen, dass Gleichstellung in Bildung und Forschung in unserer Gesellschaft faktisch weiterhin entwicklungs- und ausbaufähig ist. Der Begriff des Globalen Nordens bezeichnet die privilegierte Position der Industrienationen, der sogenannten “Ersten Welt”. Demgegenüber steht der Globale Süden mit seinen gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich benachteiligten Entwicklungs- und Schwellenländern, der sogenannten “Zweiten und Dritten Welt”. Insbesondere in Subsahara Afrika ist es um das Recht auf Bildung schlecht bestellt – das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gibt an, dass in der Region trotz weltweiter Fortschritte immer noch 130 Millionen Mädchen dieses Menschenrecht verwehrt ist. Weltweit verfügen rund 750 Millionen Menschen über keine grundlegenden Lese- und Schreibfähigkeiten. Zwei Drittel von ihnen sind Frauen – ein Anteil, der sich in den vergangenen 20 Jahren nur geringfügig verändert hat. 

Akademische Schieflage: Gender Gap an der Uni

Laut UNESCO Science Report lag der Frauenanteil in der Wissenschaft 221 weltweit bei 33,3 Prozent, in Deutschland war er 2019 bei 31 Prozent. Besonders niedrig ist der Frauenanteil in den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. So haben in Baden-Württemberg im Wintersemester 2020/21 erstmals mehr Frauen als Männer ein Studium begonnen, in den MINT-Fächern liegt der Frauenanteil aber nur bei 31 Prozent. Laut dem UNESCO-Weltwissenschaftsbericht 2021 werden nur 28 Prozent der Studiengänge in den Ingenieurwissenschaften und 40 Prozent der Studiengänge in der Informatik von Frauen abgeschlossen. Der Frauenanteil unter allen Professor:innen an den fünfzig größten staatlichen Universitäten in Deutschland hat gezeigt, dass es wenige “frauenfreundliche” Universitäten gibt, also solche, die einen Frauenanteil von über 30 Prozent innerhalb der Professor:innenschaft vorweisen können. Zudem kam der Deutsche Hochschulverband bei einer Umfrage zum Thema Frauen in wissenschaftlichen Führungspositionen aus dem November 2020 zu dem Ergebnis, dass lediglich 18 Prozent der Dekanate von Frauen geführt werden. Insbesondere in der Karrierephase nach der Promotion geht der Prozentsatz an Frauen in Forschung und Lehre sichtbar zurück. Lag der Frauenanteil der bestandenen Promotionen an deutschen Hochschulen laut Statista 2020 bei rund 45 Prozent, liegt der Prozentsatz bei den Habilitationen (ebenfalls 2020) bei 35 Prozent. Der Frauenanteil an Professuren lag auch 2020 noch bei durchschnittlich 25 Prozent.

International anerkannt und nachgewiesen ist, dass die weibliche Perspektive den Forschungsansätzen deutlich mehr Relevanz, Kreativität und Vielfalt verleiht. Die Wissenschaft ist per se eine kollaborative Disziplin. Ein wichtiges Instrument zur Bekämpfung der geschlechtsspezifischen Ungleichheit in den Wissenschaften ist der Abbau der Hindernisse für Mädchen und Frauen im privaten Umfeld sowie im Unterricht und am Arbeitsplatz. Dies erfordert eine Änderung unserer Einstellungen und ein in Frage stellen von Stereotypen; starke Vorbilder spielen eine wichtige Rolle. “Es gibt so viele Vorurteile in der Gesellschaft, wie Männer und Frauen sich verhalten sollten, wie sie ihr Leben gestalten sollten. Diese Vorurteile beeinflussen schon Kinder, bestimmen, welche Fächer sie in der Schule wählen und letztlich auch, welchen Studiengang sie dann später ergreifen”, betont Flora Kunst, Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für die Physik des Lichts. Ihrer Auffassung nach sind gesellschaftliche Stereotype die primären Treiber für die Unausgeglichenheit in der Wissenschaft und den Mangel zum Beispiel im MINT-Bereich. Frauen in der Forschung ziehen andere Frauen wiederum nach und sorgen dafür, dass es Vorbilder gibt, mit denen sich junge Mädchen identifizieren können. Beim ersten Gedanken an berühmte Wissenschaftlerinnen kommen einem vielleicht nur sehr wenige in den Kopf. Doch schärft man diesen Blick, so gibt und gab es schon immer sehr bedeutende Frauen in der Wissenschaft, deren Beiträge und Errungenschaften an diesem Tag ebenfalls ins Zentrum gerückt werden sollen – zu den wohl bekanntesten Beispielen zählen: 

  1. Marie Curie entdeckte gemeinsam mit ihrem Mann die Radioaktivität. 1911 wurde sie als erste Frau in den Naturwissenschaften mit einem Nobelpreis ausgezeichnet.
  2. Rosalind Franklin bestätigte 1952 die Theorie zur DNA-Struktur. Den Ruhm für ihre Entdeckung ernteten allerdings zwei Männer: Die Molekularbiologen Francis Crick und James Watson erhielten für die Entdeckung der DNA-Doppelhelix den Nobelpreis für Medizin, nachdem sie Rosalinds Forschungsergebnisse gestohlen hatten.
  3. 1945 programmierte Grace Hopper den Harvard Computer “Mark 1” und entwickelte 1952 den ersten funktionierenden Compiler, der geschriebene Sprache in die Computerkodierung „0“ und „1“ übersetzte. Damit vereinfachte die Informatikerin Programmiersprachen und machte Computer für ein immer größeres Publikum nutzbar. Mit ihrem wertvollen Beitrag zur Entwicklung von Computern hat sie früh bewiesen, dass Frauen für den wissenschaftlichen Fortschritt unverzichtbar sind. Wir finden deshalb, dass viel mehr Frauen (und im Zweifel auch Männer) sich das Zitat von Grace Hopper zu Herzen nehmen sollten: “If in doubt – do it!”, also: “Im Zweifel – tu es!”.

Insbesondere vor dem Fall Franklins zeigt sich, dass auch Männer immens wichtig sind, um mehr Frauen in die Wissenschaft zu bringen. Kunst kenne “einige Männer in der Wissenschaft, die viel Energie und Mühe darin investieren, für mehr Frauen in der Forschung zu kämpfen, und das finde ich sehr inspirierend” – Vorbildfunktionen und Rahmenbedingungen für eine Gleichstellung von Kindesalter auf müsse demnach gesamtgesellschaftlich identifiziert und angegangen werden.

Fördern statt (Über-)Fordern

Auf gesellschaftlicher und politischer Ebene nehmen sich verschiedene Förderprogramme und -projekte zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft zum Ziel, die Umsetzung struktureller Gleichstellungsmaßnahmen innerhalb von Forschung und Wissenschaft sowie die Etablierung von Coachings, Workshops und Netzwerkangeboten voranzubringen und zu gewährleisten. Es gibt eine breite Auswahl an fächerübergreifenden bundesweiten Förderprogrammen, welche sich mit den wesentlichen Schwerpunkten Information, Beratung, Gleichstellung und Chancengerechtigkeit im Hinblick auf die Schaffung besserer Rahmenbedingungen für eine Karriere von Frauen in der Wissenschaft engagieren:

Mit dem Professorinnenprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) will die Regierung einen Anreiz für den wissenschaftlichen Betrieb schaffen, gleichstellungsfördernde Maßnahmen umzusetzen. Die Kontaktstelle „Frauen in der EU-Forschung“ (FiF) ist ein Angebot des Referats für Chancengerechtigkeit in Bildung und Forschung des BMBF. Sie bietet Wissenschaftlerinnen Informationen und Beratung rund um die EU-Forschungsrahmenprogramme an. Dazu werden neben Beratungen auch Workshops und Vorträge angeboten. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bietet unter anderem Wissenschaftlerinnen verschiedene Maßnahmen zur Erlangung von Chancengleichheit. Diese bestehen zum Beispiel aus Stipendien oder Sachbeihilfen, die dabei unterstützen sollen, akademische Arbeitsrahmenbedingungen familienfreundlicher zu gestalten und somit mehr weibliche Wissenschaftlerinnen in Forschung und Lehre zu bringen. Der Deutsche Akademikerinnenbund e.V. ist ein Verein, der es sich zum Ziel gesetzt hat, Frauen in der Wissenschaft zu fördern, zu vernetzen und mithilfe von Mentoring-Programmen in ihrer wissenschaftlichen Karriere zu begleiten und zu beraten. Die Kommission zur Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen (KFN) der Freien Universität Berlin begleitet landes- und bundesweit Förderprogramme. Durch die Partnerschaft der Deutschen UNESCO-Kommission und L’Oréal Deutschland mit der Christiane Nüsslein-Volhard-Stiftung werden jährlich drei Förderungen von jeweils 20.000 Euro zur Förderung exzellenter Doktorandinnen und Postdoktorandinnen mit Kindern vergeben.

Ein Blick auf die Geschichte der Frauen in der Wissenschaft zeigt, dass immer mehr Ressourcen abgerufen werden, um eine größere Partizipation der Frauen in der Wissenschaft herbeizuführen. Einen wesentlichen Beitrag hierzu leisten Forschung und Medien, indem sie uns eindringlich vor Augen führen, welche Erfolge in der Gleichstellung von Frauen und Mädchen bisher erzielt werden konnten. Als Kontrast zeichnen sie auf, wie groß die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern eigentlich noch sind und wie sehr das alles mit Chancengerechtigkeit, Stereotypen und den regionalen Unterschieden im Bildungszugang zusammenhängt. Internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen, die uns verdeutlichen, dass weniger Frauen und Mädchen auch gleichzeitig mehr ungenutzte Potenziale bedeuten – denn jedes Mädchen, dass sich für Forschung und Wissenschaft begeistert, sollte vor dem Gedanken, einen sinnstiftenden Beitrag für die Gesellschaft wie Marie Curie oder Rosalind Franklin zu leisten, nicht zurückschrecken. Mut machen zudem die zahlreichen Förderprogramme, welche zukünftige oder bereits angehende Forscherinnen auf ihren vielversprechenden Karrierewegen unterstützen und als Berater, Netzwerker und Medium mehr Zugänge in die Wissenschaft generieren.

Wer sind eure Wissenschafts-Heldinnen und macht ihr euch selbst für Frauen und Mädchen in der Wissenschaft stark? Wir freuen uns über Kommentare und Anregungen!

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