“Schulkultur muss sich ändern”: Ina Bagdenand zum Umgang mit Traumata im Klassenzimmer

Von
Jenny Hedermann
|
19
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January 2024
|
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“Schulkultur muss sich ändern”: Ina Bagdenand zum Umgang mit Traumata im Klassenzimmer

Der Umgang mit traumatisierten Schüler:innen sollte stets empathisch sein. (Quelle: pixabay)

Im Schulkontext stehen Lehrer:innen vor immer mehr Herausforderungen: Kriege, Naturkatastrophen und traumatisierende Erfahrungen prägen sowohl Schüler:innen als auch Lehrer:innen. Um eine sichere Lernumgebung zu schaffen, ist es wichtig, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Im Rahmen unserer Themenwoche Bildung in Krieg und Krise haben wir mit Ina Bagdenand gesprochen, die von ihren Erfahrungen und Einschätzungen als Lernbegleiterin berichtet. Nach einem Bachelor in Erziehungs- und Geschichtswissenschaften konnte sie auch viele Erfahrungen in dem berufsbezogenen Master in Beratungswissenschaften sammeln, in welchem sie sich auf die Begleitung von Bildungseinrichtungen spezialisierte. Zahlreiche Kenntnisse erlangte sie auch im Regionalzentrum für demokratische Kultur und in der Ausbildung von Lehrkräften. 

Lehrer News: Wie gehen Sie damit um, wenn Sie feststellen, dass ein:e Schüler:in möglicherweise traumatisiert ist?

Bagdenand: Wenn ich das Gefühl habe, dass es jemandem mit einem Thema nicht gut geht, versuche ich, mit der Person ins Gespräch zu kommen. Das beschäftigt mich zunehmend, besonders da wir auch in den Medien mit Trigger-Meldungen konfrontiert sind. Da ich unter anderem viel mit der Thematik Diskriminierung zu tun habe, habe ich darüber nachgedacht, vorab darauf hinzuweisen, dass es eine Möglichkeit gibt, bei Bedarf persönlich mit mir zu sprechen. Das wäre eine erster Schritt – ein Gespräch anbieten.

Ina Bagdenand (Quelle: privat)

Lehrer News: Der Unterricht und die Schule sind ein großer Bestandteil des Lebens der Schüler:innen. Welche Möglichkeiten gibt es, den Unterricht an die Bedürfnisse von geflüchteten/traumatisierten Schüler:innen anzupassen?

Bagdenand: Ich würde diesen Raum sogar noch weiter öffnen und sagen, dass sich die Schule noch stärker den Gegebenheiten der Schüler:innen anpassen müsste. Meiner Meinung nach ist das aktuelle Schulsystem zu starr und gibt vielen Schüler:innen nicht genug Möglichkeiten, ihren Raum zum Lernen zu finden. Sobald wir aber eine Öffnung innerhalb der Schule haben und uns mit Individualität beschäftigen, müssen wir auch die Biografien der Menschen in unserem Umfeld berücksichtigen. Die gesamte Struktur müsste dafür aber grundlegend anders sein. Jeder Mensch hat seine Biografie und diese sollte ihren Platz bekommen.

Lehrer News:  Welche Fächer oder Themen eignen sich besonders, um einen sicheren Lernraum zu schaffen und welche Herausforderungen sehen Sie in diesem Zusammenhang?

Bagdenand: Alle! Ich würde da kein Fach ausschließen. Die Herausforderung besteht darin, dass ich keine Annahmen darüber machen kann, was traumatisierend sein könnte oder was eine traumatisierte Person ansprechen könnte. Ich stelle mich damit schon wieder eine Stufe höher, weil ich das ja gar nicht beurteilen kann. Es liegt immer beim Individuum selbst. Und es können Situationen sein, die für mich erstmal ein bisschen komisch wirken: Nehmen wir mal ein Beispiel: Ich frage mich: „Wieso ist das denn jetzt so doof für die Person? Das verstehe ich gar nicht.“ Aber ich muss nicht verstehen, warum es so ist, sondern Raum für die Person schaffen und respektieren, dass es für sie schwierig ist, unabhängig vom Fach.

Lehrer News: Geflüchtete und/oder traumatisierte Schüler:innen haben häufig verschiedene kulturelle Hintergründe. Wie können diese Unterschiede den Lernprozess beeinflussen und wie können Lehrer:innen darauf eingehen?

Bagdenand: Ich würde dazu tendieren, das gar nicht so voneinander zu trennen, da jeder Mensch seinen eigenen kulturellen Hintergrund hat. Ich könnte auch das Nord-Süd/Ost-West-Gefälle in Deutschland nehmen – auch hier gibt es bereits Unterschiede. Wenn ich nun den Fokus auf einen kulturellen Unterschied außerhalb von Deutschland richte, habe ich das Gefühl, dass ich wiederum dazu neige, in gewisser Weise zu kategorisieren: Was aus Deutschland kommt, wird als normal betrachtet, während das Andere als nicht normal erscheint. Es ist wichtig, sich auf die individuellen Bedarfe in einer Klasse einzustellen, unabhängig davon, ob sie aus verschiedenen Kulturen innerhalb oder außerhalb Deutschlands stammen. Kulturelle Unterschiede existieren überall, und ich muss immer darauf achten, welche Bedarfe die Schüler:innen haben und was sie mitbringen, sodass ich vorab gar nicht sagen könnte, was ich wie machen würde. Das kommt immer auf die Situation an. 

Lehrer News: Oft ist es schwer zu erkennen, was Schüler:innen gerade durchmachen und erlebt haben. Wie erkennen Sie individuelle Bedürfnisse Ihrer Schüler:innen?

Bagdenand: Das hat viel mit einem sorgfältigen Beobachten und Wahrnehmen zu tun – dann auch wiederum mit einem sensiblen Umgang des Ansprechens. Aber dieses Ansprechen sollte immer von meiner persönlichen Wahrnehmung ausgehen. Zum Beispiel: "Ich habe das Gefühl“ oder „Ich spüre, dass es dir nicht so gut geht, aber vielleicht irre ich mich auch." Es ist wichtig, einfühlsam vorzugehen und sich selbst als Ausgangspunkt zu nehmen.

Lehrer News: Neben der Schule ist auch das persönliche Umfeld der geflüchteten Schüler:innen maßgeblich. Wie beziehen Sie die Eltern oder Erziehungsberechtigten in den Bildungsprozess mit ein?

Bagdenand: Klar, gehört das Umfeld dazu, aber auch da gilt, dass ich immer sensibel damit umgehen muss. Wenn ich eine:n Jugendliche:n anspreche, frage ich die Person, inwieweit es für sie in Ordnung ist, und beziehe sie mit ein. Bei jüngeren Kindern ist es ein anderer Modus: Hier ist es schwieriger, die Entscheidung dem Kind zu überlassen, ob man mit der Familie in Kontakt tritt oder nicht. Hier würde ich mir Unterstützung von Fachexpert:innen holen, die sich bereits lange mit solchen Themen auseinandersetzen und da sicherlich auch wichtige Erfahrungen gesammelt haben.

Lehrer News: Es gibt viele verschiedene Herangehensweisen, um traumatisierten Schüler:innen zu begegnen. Welche pädagogischen Ansätze würden Sie empfehlen, um diese Schüler:innen in den Unterricht zu integrieren und ihre individuellen Bedürfnisse zu berücksichtigen?

Bagdenand: Das ist ein bisschen schwierig. Pädagogische Konzepte sind wichtig und man kann in unterschiedlichen Einrichtungen mit verschiedenen Konzepten arbeiten, aber ich denke, dass es letztendlich auf meine Haltung, Werte und Einstellung zum Thema ankommt. Das setzt natürlich voraus, dass ich mich mit politischen und gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetze und dazu eine Haltung entwickle. Deshalb kann ich das nicht auf ein spezielles Konzept übertragen. Außerdem muss ich in der Lage sein, zu reflektieren. Das bedeutet auch, dass ich nicht immer alles „richtig“ mache,  sondern auch reflektiere, wenn ich das Gefühl habe, dass im Unterricht etwas vielleicht nicht passend war. Ich würde nicht sagen, dass es da ein spezielles Konzept gibt. Es hängt von meiner Sensibilität, Reflexionsfähigkeit und Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen ab. Es gibt keine spezifische Lösung, sondern es ist situativ und erfordert ständige Reflexion.

Lehrer News: Traumatisierende Erfahrungen von Schüler:innen können auch für Lehrkräfte ein belastendes Thema sein. Wie können Lehrer:innen, die sich mit diesen Themen konfrontiert sehen, selbst damit umgehen? 

Bagdenand: Die Schulkultur müsste sich stark ändern, weil ich es wichtig finde, dass  pädagogische Fachkräfte regelmäßig Supervision, auch Einzelsupervision, erhalten sollten. Es ist wichtig, dass ein solches Kulturverständnis im Schulalltag präsent ist. Ich finde  es auch sehr wichtig, dass die pädagogischen Fachkräfte sich untereinander austauschen können. Aber leider gibt es dafür überhaupt kein Zeitfenster: Die Lehrpläne und die Abschlüsse, die erreicht werden müssen, das ist alles so eng gestrickt und so voll. Leider ist durch dieses begrenzte Zeitfenster und die Fülle an Lehrstoff für dieses Innehalten, in Austausch gehen und reflektieren oft keine Zeit. 

Lehrer News: Und welche Unterstützung können sie dabei von Schulen oder anderen Organisationen erhalten? 

Bagdenand: Fortbildungen sind eine Option, aber auch dafür brauche ich Zeit.  Ich muss mir überlegen, wie ich das Wissen integrieren und mit in die Schule bringen kann. Verbände und staatliche Institutionen bieten viel an, aber es bedarf einer intensiven Aktivität seitens der Lehrpersonen. Ein Netzwerk von Institutionen um die Schulen, wie es in den skandinavischen Ländern der Fall ist, unterstützt durch Verbände und staatliche Institutionen, könnte hier einen positiven Beitrag leisten. 

Der Umgang mit traumatisierten und/oder geflüchteten Schüler:innen ist ein herausforderndes Thema. Wie man sensibel damit umgehen könnte, hat uns Ina Bagdenand im Interview erklärt. Dennoch gibt es viel Handlungsbedarf, insbesondere in den Strukturen der Schulen, die oftmals nicht genug Zeit einräumen, um den Schüler:innen gerecht zu begegnen. Habt ihr bereits Erfahrungen in diesem Bereich gemacht? 

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