“The Holdovers”: Der schönste Lehrerfilm seit “Club der toten Dichter”?

Von
Justus Wolters
|
17
.
February 2024
|
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Ein Ausblick aus dem Lehrfilm "The Holdovers"

Der Lehrer, der Schüler und die Köchin verbringen zusammen eine Weihnachtszeit, auf die so eigentlich keiner Lust hatte. (Quelle: Universal Pictures Germany)

Der Film “The Holdovers” ist mit vielen Vorschusslorbeeren in die deutschen Kinos gestartet. Von Kritiker:innen gelobt, auf Filmfestivals gefeiert und sogar in gleich fünf Kategorien für einen Oscar nominiert — sogar als “bester Film”. Der NDR schreibt vom “schönsten Lehrerfilm seit Club der toten Dichter”. Doch das große positive Echo in sozialen Netzwerken nach seinem Start in den deutschen Kinos ist ausgeblieben. Ist der Film vielleicht nur etwas für Kino-Liebhaber:innen, aber nicht für die breite Masse?

Disclaimer: Der Autor dieser Rezension ist kein ausgewiesener Filmexperte, sondern ein normaler Kinozuschauer und hat den Film mit der deutschen Synchronisation gesehen. 

Der grantige Lehrer und der unangepasste Schüler

Paul Hunham (Paul Giamatti) arbeitet seit Jahrzehnten an der Privatschule Barton als Geschichtslehrer. Er gilt dort als so etwas wie eine verhasste Institution. Das liegt vor allem an seiner strengen und zum Teil herablassenden Art, an der diverse Schüler der Jungenschule verzweifeln. Hunham ist ein Einzelgänger – an der Schule und auch im Privaten. Dies kompensiert er mit einem übermäßigen Hang zum Alkohol. Auch der Barton-Schulleiter kann den grantigen Lehrer nicht leiden und verdonnert ihn dazu, über die Weihnachtsferien die Jungen zu beaufsichtigen, die aus verschiedenen Gründen nicht zu ihren Eltern heimfahren können. Die Gruppe der Zurückgelassenen reduziert sich aber schnell und übrig bleiben zuletzt Lehrer Hunham, der aufmüpfige Schüler Angus Tully (Dominic Sessa), der sehr unter der Trennung seiner Eltern und dem Desinteresse seiner Mutter leidet, und die Köchin Mary Lamb (Da’Vine Joy Randolph), die um ihren im Krieg gefallen Sohn trauert. 

Der Film zeigt liebevoll, welche Päckchen die drei einzelnen Charaktere zu schleppen haben. Im Verlauf des Films nähern sie sich weiter an und bringen zusammen einen für alle heilsamen Weg hinter sich. Der Verlauf der Story ist nicht unheimlich originell, aber sie nimmt die Zuschauer:innen unaufgeregt an die Hand. 

Schnitt und Bild sind überragend

In den ersten Minuten des Filmes muss man sich tatsächlich kurz fragen, ob dieser Film nicht ein Original aus den 1970er oder 80er-Jahren ist. Regisseur Alexander Payne und sein Team haben es geschafft, eine perfekte Illusion eines “alten Streifens” zu erschaffen. Die leicht körnigen Aufnahmen, die unkonventionelle Art des Schnitts und natürlich inhaltliche Elemente, wie Kulisse und  Kleidung der Schauspieler:innen führen dazu, dass man sich dem Schein eines alten Klassikers hingeben kann. Die Oscar-Nominierung für “den besten Schnitt” ist absolut verdient.

Starke Schauspieler:innen ohne große Spannung

“The Holdovers” ist ein Film, der im Kleinen überzeugen kann. Kleine Gesten, starkes Mimikspiel und auch der Humor wird dezent eingesetzt, um in den richtigen Situationen die Szenen aufzulockern. Schauspiel-Urgestein Paul Giamatti ist die Rolle des grantigen und frustrierten Lehrers auf den Leib geschneidert. Man lernt ihn bereits in den ersten Minuten des Filmes innig zu hassen. Diese bewusst verspielte Sympathie erobert er sich nach und nach zurück, weil Giamatti die innere Zerrissenheit des Lehrers ganz wunderbar greifbar machen kann. Da’Vine Joy Randolph ist als die trauernde Köchin das Herz der Geschichte. Ihrer Figur hat das Schicksal übel mitgespielt, sie trägt den Kopf aber als Chefin in der Schulküche weiterhin erhoben. Ihre weichen Momente, ihre herzlichen Einwürfe in den Dialogen mit den anderen beiden Einzelgängern geben dem Film Innigkeit. Man mag sie im Filmverlauf ganz häufig fest in den Arm nehmen und gleichzeitig den eigenen Kopf an ihre starke Schulter anlehnen. Da’Vine Joy Randolph hat es geschafft, den aufgeschriebenen Facettenreichtum ihrer Rolle fühlbar zu machen. Und zuletzt liefert Dominic Sessa als verzweifelter Schüler Angus Tully ein starkes Filmdebüt. An einigen Stellen irritiert Sessa mit einer übertriebenen Darstellung, manchmal wirkt sein Spiel ungewöhnlich, aber es fügt sich im Ganzen trotzdem passend in die Figur des Angus Tully ein. Bei all dieser überzeugenden schauspielerischen Leistung bleibt nur ein Problem. Dem Film fehlt der Zug, die Spannung. Man möchte so sehr mit den stark interpretierten Figuren mitfühlen und sie auf ihrem Weg begleiten, doch ihre Reise ist so langsam wie die Entwicklung der Figuren. Somit packt einen der Film nie so ganz, sondern bleibt trotz einiger emotionaler Momente in gewisser Weise auf Distanz zu den Zuschauenden. Diese Umgangsweise mit der Dramaturgie des Films hätte die Möglichkeit, einen möglichst realistischen Eindruck der Interaktionen zu vermitteln. Aber auch das funktioniert nicht so richtig, weil die Dialoge mitunter verkopft wirken.

Lehrer Hunham ist der verkörperte Lehrkräfte-Frust

So stark die Antipathie für Lehrer Hunham auch zu Beginn des Filmes ist, so geht es doch recht schnell, dass man Verständnis für seine Handlungen entwickelt. Hunham ist mit Idealen in den Lehrkraft-Beruf gestartet und ist an der Realität gescheitert. In seinem eng gesteckten Rahmen kann er noch immer nach seinen Prinzipien unterrichten, doch das System vermag er nicht zu ändern. Diese frustrierende Situation können sicherlich viele Lehrkräfte nachfühlen. Den Kampf gegen Windmühlen, das Rennen gegen Mauern – exakt dieses Gefühl der Machtlosigkeit und der daraus resultierenden Resignation vermittelt “The Holdovers” sehr gut. Was der Film vielleicht sogar besser umsetzt, als der Lehrerfilm-Klassiker “Club der toten Dichter” und andere Filme mit einem ähnlichen Setting – er romantisiert nicht. Hunham wird nicht zum Liebling der Schule, gewinnt nicht die Herzen aller Schüler:innen für sich und kann das System auch nicht ändern, sondern sich nur mit ihm arrangieren oder mit ihm brechen. Es ist ein schönes Gefühl, hier keine verklärte Version der Realität serviert zu bekommen, sondern eine Geschichte zu erleben, die sich in dieser Hinsicht glaubhaft anfühlt. 

Ein “netter” Film mit dem Zeug zum Weihnachtsklassiker

Unverständlicherweise ist “The Holdovers” nicht zur Weihnachtszeit in den Kinos angelaufen, obwohl sowohl die Story als auch das Gefühl des Films super in diese Zeit gepasst hätten. Der Film hat aber das Zeug, sich zu einem Weihnachtsklassiker auf den Streamingplattformen zu entwickeln. Eine Beobachtung, die der Autor dieses Textes bei seinem Filmbesuch gemacht hat, fasst die abschließende Bewertung des Films recht gut zusammen. Eine Frau stand nach dem Film aus ihrem Kinosessel auf, streckte sich und sagte: “Endlich mal wieder so ein ganz netter Film.” So wie es diese Frau auch erlebt hat, lässt es sich bei “The Holdovers” gut entspannen, man kann sich in die wirklich gut gemachte Atmosphäre des Film einlassen, ohne dabei nervlich oder gedanklich besonders gefordert zu werden. Wer so ein Filmerlebnis, ohne das ganz große Drama, den überzogenen Witz oder die extreme Action sucht, der findet in “The Holdovers” viel “Nettes”.

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