Vermeidung statt Diskurs? bpb verschiebt Konferenz zur Erinnerungskultur

Von
Justus Wolters
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5
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November 2023
|
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Die für Dezember geplante Konferenz zur Erinnerungskultur wird vorerst verschoben. (Quelle: Pixabay)

Berlin. Die Entscheidung der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), eine für Dezember geplante Konferenz zur deutschen Erinnerungskultur zu verschieben, stößt auf scharfe Kritik der beteiligten Kurator:innen und Teilnehmer:innen, wie der Berliner Tagesspiegel berichtet.  Die bpb hatte die Verschiebung damit begründet, dass die Verantwortlichen sich derzeit nicht in der Lage sähen, “diese Debatte konstruktiv zu führen und zu moderieren”. Die “fürchterlichen Ereignisse des 7. Oktobers 2023” würden derzeit alles überlagern. Es sei nun eine Zeit der Trauer und Solidarität mit Israel und den Opfern. 

Kuratiert wurde die Veranstaltung von der südafrikanischen Künstlerin Candice Breitz und dem US-amerikanischen Literaturwissenschaftler Michael Rothberg. Die Konferenz sollte zunächst vom 8. bis 10. Dezember unter dem Titel “We still need to talk – Hin zur relationalen Erinnerung” stattfinden. Bei der Veranstaltung wollte die bpb “eine in den Wissenschaften geführte Debatte rund um das Thema Verflechtungsgeschichte, die international und in den letzten Jahren z.T. erbittert geführt wurde, aufgreifen und den Diskursraum für die politische Bildung und die Öffentlichkeit öffnen.” Im Kern geht es dabei um die Debatte, ob die Singularität des Holocausts in Frage gestellt werden darf. Rothberg plädiert für eine “multidirektionale Erinnerung” in einer globalisierten Welt. Hierbei müsse der Holocaust zu anderen Verbrechen in Relation gesetzt und diskutiert werden dürfen. Diese Diskussion hätte nach dem Angriff der Hamas auf Israel und den Ereignissen, die darauf folgten, sicherlich Aufregungs-Potenzial gehabt. Der Austausch zu diesem Thema verläuft aktuell zum Beispiel in sozialen Medien extrem aufgeheizt und emotional.

Die bpb umgehe mit ihrer Entscheidung die Bearbeitung dieser herausfordernden Situation, sagen die Kritiker:innen, die die Entscheidung bedauern. Auch Hanno Hauenstein, ehemaliger Ressortleiter der Berliner Zeitung, sollte an der Konferenz teilnehmen. Er kritisierte die Verschiebung ebenfalls in sozialen Netzwerken. Er sehe darin die Bestätigung, „dass in Deutschland die Kultur des Vermeidens wichtiger ist als der Diskurs.” Die Kuratorin Candice Breitz äußerte sich nach Anfeindungen in sozialen Netzwerken kritisch zum öffentlichen Diskurs rund um alle Themen bezüglich des Krieges im Nahen Osten. Es müsse möglich sein „den palästinensischen Kampf für Grundrechte und Menschenwürde zu unterstützen und gleichzeitig das schreckliche Blutbad vom 7. Oktober und den grausamen Würgegriff der Hamas gegen die Zivilbevölkerung im Gazastreifen unmissverständlich zu verurteilen“.

Die bpb hat die Veranstaltung explizit nicht abgesagt, sondern nur verschoben. Ein neues Datum für die Konferenz ist aktuell noch nicht bekannt.  

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