“Bildungsmärchen”: Wie ein Podcast Bildungsmythen widerlegt

Im Podcast “Bildungsmärchen” hinterfragt das Team der Uni Kassel bekannte Bildungsmythen und widerlegt sie wissenschaftlich. (Quelle: Bildungsmärchen)

Rund um die Themen Lernen, Lehren und Bildungssysteme schwirren seit jeher eine Menge Mythen. In der Ausbildung und auch später im Klassenzimmer sind Lehrkräfte immer wieder mit vermeintlich allgemeingültigen Lehr- und Lernansätzen konfrontiert. Viele solcher Mythen werden wissenschaftlich untersucht und teilweise auch widerlegt, doch die Ergebnisse erreichen längst nicht alle Lehrkräfte. Der Podcast “Bildungsmärchen” versucht das zu ändern. Julia Götzfried ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Schul- und Unterrichtsforschung an der Uni Kassel und Teil des Podcast-Teams. Lehrer News hat mit ihr über die Ziele und Vorgehensweise bei dem Projekt und natürlich auch über einige Bildungsmythen gesprochen. 

Lehrer News: Frau Götzfried, ein Podcast über Bildungsmythen klingt erstmal recht abstrakt. Können Sie uns zu Beginn direkt mal ein Beispiel geben, mit was für einer Art von Mythen Sie sich dabei auseinandersetzen?

Götzfried: Da können wir ein Beispiel nehmen, das sich schon sehr lange und extrem hartnäckig hält. Das sind die sogenannten Lerntypen. Viele haben bestimmt schon mal davon gehört, dass es angeblich auditive, visuelle oder haptische Lerntypen geben soll. Und viele Menschen glauben, dass man nur den eigenen Lerntypen beim Lernen berücksichtigen muss, um wirklich erfolgreich lernen zu können – dem ist aber leider nicht so. Kurz und knapp kann man sagen, dass es keine Lerntypen gibt. Und dass sie dementsprechend auch nicht den Lernerfolg beeinflussen. Selbst Lerntypentests sind noch immer recht weit verbreitet. Sie werden zum Beispiel von Lehrkräften mit der guten Absicht angewendet, danach besser auf die Lernbedürfnisse ihrer Schüler:innen eingehen zu können. Hier besteht aber das Risiko, auch Potenzial kaputt zu machen. Haben die Schüler:innen erst einmal ihren vermeintlichen Lerntypen herausgefunden, werden andere Lernstrategien vielleicht nicht mehr trainiert und stark vernachlässigt. 

Zunächst ist es erstmal richtig, dass Lernende unterschiedliche Sinneskanäle beim Lernen bevorzugen. Diese Präferenz hängt aber nicht zwangsläufig mit dem tatsächlichen Lernerfolg zusammen. Mittlerweile gibt es diverse empirische Studien dazu, die die Existenz der Lerntypen stark in Frage stellen. Lernprozesse sind deutlich komplexer, als dass man sie einzig über die Art der Sinneswahrnehmung beschreiben, geschweige denn ihren Erfolg daraus ableiten könnte. Wer sich noch genauer für die Widerlegung der Lerntypen interessiert, kann dazu mehr in unserer dazugehörigen Folge hören. 

Lehrer News: Es ist noch nicht selbstverständlich, dass aus der Hochschulwissenschaft heraus ein Podcast produziert wird. Wie ist die Idee dafür entstanden?

Götzfried: Die Idee dafür gibt es schon länger. Wir wollten Forschung und Wissenschaft in die Praxis bringen und sie stärker miteinander verzahnen. Ich selbst habe mich während meines Masterstudiums für empirische Bildungsforschung an der Uni Kassel sehr für die Konzeptwechselforschung interessiert. In diesem Bereich wird sich im Kern angeschaut, wie fehlerhafte Überzeugungen hin zu korrekten Überzeugungen verändert werden können. Forschungsergebnisse aus dem Bereich zeigen, dass falsche Glaubenssätze besonders dann aufgelöst werden können, wenn man sie einmal gezielt aufgreift und mithilfe von Wissenschaft und Forschung widerlegt. Bisher wurde dies häufig in Textform gemacht und wir haben gedacht, dass die Form des Podcasts sich aber auch sehr gut dafür eignen würde. Dazu haben wir einige Studien und Experimente durchgeführt und konnten herausfinden, dass auch Podcasts sehr gut geeignet sind, um falsche Überzeugungen bei Lehramtsstudierenden aufzulösen. Und Schritt für Schritt ist dann das Projekt Podcast in der Lehrer:innen-Bildung entstanden, welches von der Stiftung “Innovation in der Hochschullehre” gefördert wird. Und innerhalb des Projekts ist dann die Podcast-Reihe “Bildungsmärchen” entstanden. 

Lehrer News: Rund um Bildungsmythen gibt es ja schon ein breites Angebot, welches sich auch mit diesen befasst und sie widerlegt. Warum braucht es Ihren Podcast noch zusätzlich?

Götzfried: Weil Podcasts einfach ein super zugängliches Medium sind, um Wissen zu vermitteln. Das Ganze läuft auf zwanglose, verständliche, aber auch informative Weise. Mit unserem Projekt wollen wir auch dazu beitragen, dass Podcasts stärker in der Lehrer:innen-Ausbildung stattfinden. Es gibt unglaublich viele verschiedene Bildungsmythen und es ist sehr wichtig, diese Bildungsmythen aufzugreifen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es sie gibt. Wir möchten damit Lehrkräfte auch an die Hand nehmen, damit Bildungsmythen nicht immer wieder ihren Weg in die Praxis finden. 

Lehrer News: Wie sieht das größere Ziel hinter dem Podcast aus?

Götzfried: Das deckt sich noch immer mit unserer Anfangsidee hinter dem Projekt. Wir möchten Wissenschaft und Forschung stärker in die Praxis bringen. Für Lehrkräfte kann es sehr herausfordernd sein, Bildungsmythen als solche zu identifizieren. Indem wir mit unserem Podcast aufklären, möchten wir zu einer qualitativ höherwertigen Lehrkräfte-Ausbildung beitragen. Wir möchten ein Bewusstsein für Bildungsmythen schaffen, damit solche im besten Fall schon während des Lehramtsstudium aufgegriffen und widerlegt werden können. 

Lehrer News: Wie kann man sich die Arbeit hinter dem Podcast vorstellen?

Götzfried: Das variiert natürlich für jede Folge ein bisschen. Ich bin der Host des Podcasts. Das heißt, ich lese mich vorab schon in die Studienlage zum jeweiligen Bildungsmythos ein. Erstelle Fahrpläne mit Fragen für die unterschiedlichen Interview-Partner*innen. Vieles ergibt sich aber auch in den Gesprächen selbst. Ich mache den Podcast aber nicht alleine, da steht ein Team dahinter. Dazu gehören auch Lea Nemeth, Dr. Victoria Bleck und Prof. Dr. Frank Lipowskyi. Und das Projekt ist angesiedelt im Fachgebiet der empirischen Schul- und Unterrichtsforschung der Uni Kassel. 

Lehrer News: Können Sie uns noch ein weiteres Beispiel für die Lernmythen nennen, mit denen Sie sich beschäftigen?

Götzfried: In drei Folgen haben wir uns mit “wünschenswerten Erschwernissen” beim Lernen beschäftigt. Das klingt für viele vielleicht erstmal paradox, wenn man Lernen erschweren will. Aber “wünschenswerte Erschwernisse” sind Lernstrategien, die das Lernen erstmal herausfordernder und mühsamer machen, aber tatsächlich das langfristige Lernen fördern. Wir gehen in den Podcast-Folgen den Fragen nach, warum das Lernen nicht immer so leicht wie möglich gestaltet werden sollte. Und warum solche Herausforderungen und Erschwernisse durchaus auch lernförderlich sein können. Und dabei schauen wir uns drei gut erforschte Lernstrategien an. 

Lehrer News: Ist es möglich mit dem Team hinter dem Podcast Kontakt aufzunehmen und Anregungen zu geben für weitere mögliche Bildungsmythen?

Götzfried: Unbedingt, das ist uns auch sehr wichtig. Hörer:innen haben auf unserer Website und auf Spotify die Möglichkeit, uns Feedback zu geben oder Themenwünsche zu schreiben. Man kann uns auch per Mail erreichen unter bildungsmärchen@uni-kassel.de.

Lehrer News: Wie soll es mit dem Podcast-Projekt noch weitergehen?

Götzfried: Wir haben mittlerweile eine coole Community aufgebaut, die soll natürlich gerne noch weiter wachsen. Und es gibt noch wahnsinnig viele weitere Bildungsmythen. Also die Themen werden uns so schnell nicht ausgehen. Und wir freuen uns schon, im nächsten Jahr neue Interviews mit Expert:innen zu vielfältigen Bildungsmythen zu führen. Also es wird auf jeden Fall noch einige weitere Folgen geben. 

Lehrer News: Vielen Dank für das Gespräch!

Der Podcast “Bildungsmärchen” ist auf der dazugehörigen Webseite der Uni Kassel und auf Spotify zu finden. Welche Bildungsmythen sind euch schon begegnet? Schreibt es uns gerne in die Kommentare. 

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