Die kommenden Themen der Bildung: Was wird 2024 wichtig?

Von
Stefan Düll
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December 2023
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Die kommenden Themen der Bildung: Was wird 2024 wichtig?

Lehrkräftegewinnung, Digitalausstattung, Sondervermögen: Der Präsident des deutschen Lehrerverbandes, Stefan Düll, setzt im Gastbeitrag auf Lehrer News die Bildungsthemen seines Verbands für das kommende Jahr (Bildquelle: Andreas Gebert/bpv)

Das Jahr 2023 nähert sich seinem Ende. Ein turbulentes Jahr, auch für die Bildung, bei der viele Hausaufgaben unerledigt bleiben. Grund genug für uns bei Lehrer News einen Blick auf das kommende Jahr zu werfen: Was wird 2024 in der Bildung wichtig? Welche Themen sind gesetzt, was muss sich bewegen? Wir lassen die Verbände und Akteure selbst zu Wort kommen. Den Anfang dieser Reihe macht der Präsident des deutschen Lehrerverbandes, Stefan Düll:

Schulische Bildung und Erziehung sind wichtige Voraussetzungen für ein selbstverantwortetes Leben mit kultureller Teilhabe. In Kitas und Schulen werden die Grundlagen für unsere freiheitliche demokratische Gesellschaft gelegt. Doch gerade im Bereich der Bildung blicken wir auf eine lange andauernde Mangelsituation – personell und materiell. Der Forschungs- und Innovationsstandort Deutschland wird damit ebenso gefährdet wie der soziale Zusammenhalt.

Die Ergebnisse der IQB-Leistungsstandards und der OECD-PISA-Vergleichsstudie zeigen die Baustellen auf allen Ebenen des Schulwesens auf:  

Sprachförderung: Wir brauchen verpflichtende Sprachstandstests in den Kindertagesstätten, ggfs. verbunden mit verpflichtenden Vorschuljahren sowie gezielter Sprachförderung im gesamten Bildungsverlauf für eine gelingende Bildungsbiographie. Bevor an den Grundschulen Englisch gelernt wird, müssen Kinder die deutsche Sprache beherrschen.

Schülerschaft: Sie wird immer noch heterogener. Das gilt für alle Schulformen, von der Grundschule über die weiterführenden Schulen bis zum beruflichen Schulwesen. Fehlende oder mangelnde Deutschkenntnisse, Leserechtschreibstörung, AD(H)S, Körperbehinderung, Autismus, Schulverweigerung, Respektlosigkeit begegnen einem in Klassen, die zudem vielfach zu groß sind. Förderschulen als besondere Inklusionsoption sind notwendig.  

Zumutung: Die jungen Menschen können mehr leisten als wir ihnen vielfach zutrauen oder abverlangen. Schon am zweiten Tag des Grundschulbesuchs alleine dorthin gehen, ist eine machbare Zumutung, die zugleich Alltagskompetenz schult. Wir Älteren müssen Vorbild sein. Weniger Anspruchsdenken, dafür Verzichtsfähigkeit und Frustrationstoleranz sowie Akzeptanz des allgemeinen Lebensschicksals.  

Lehrkräfte: Sie wollen diagnostizieren und individuell fördern. Dafür benötigen sie Entlastung durch flankierendes Personal in den Bereichen pädagogische Assistenz, Schulpsychologie, Jugend-/Sozialarbeit und (IT-)Administration. Technische Lösungen müssen den Datenschutz vereinfachen, Lizenzen für KI-Anwendungen die Unterrichts- und Prüfungsvorbereitung. Dann steht das Kerngeschäft wieder im Mittelpunkt: Unterricht, Projekte, Fahrten.

Lehrkräftegewinnung: In Zeiten hoher Bewerberzahlen wurde nur das Minimum an Lehrkräften eingestellt. Lehrernachwuchs lässt sich durch gesellschaftliche Wertschätzung gewinnen. Auch die Einstellung von qualifizierten Quer- und Seiteneinsteigenden ist sinnvoll. Sie müssen auf gemeinsamen hohen Qualitätsstandards der Länder fachliche Kenntnisse sowie die didaktischen und pädagogischen Werkzeuge haben, die es für wirksame Vermittlung und eine lange und gesunde Berufstätigkeit braucht.

Schulgebäude: Schulen müssen allseits attraktive Arbeitsorte sein. Laut KfW beläuft sich der Sanierungsstau auf 50 Milliarden Euro. Gebäude, die halbwegs in Schuss sind, bilden vielfach überholte pädagogische Bedürfnisse ab. Neben Flächen für ergänzende Lernformen braucht es nachhaltige und sparsame Lüftungs-, Heizungs- und Kühlsysteme, die ganzjährig die Konzentrationsfähigkeit fördern.  

Digitalausstattung: Kontinuierliche Erneuerung von Hard- und Software ebenso wie die Finanzierung von IT-Administratoren schaffen die notwendige digitale Infrastruktur. Eine durchschnittliche Schule hat den Geräte- und Softwarebedarf eines mittleren Unternehmens. Das ist nicht von Lehrkräften in einigen wenigen Anerkennungsstunden zu leisten. Der Bund muss den Digitalpakt Schule 2.0 liefern für die nahtlose Anschlussfinanzierung der IT-Ausstattung.  

Digitale Bildung: Die Welt ist zunehmend von digitalen Anwendungen und Vorstellungen geprägt. In den Schulen muss die (selbst)kritische Anwendung geschult und fächerübergreifende Medienbildung betrieben werden. Der Informatikunterricht lehrt die hinter den Apps und KI-Systemen stehenden Prinzipien und Algorithmen. Kinder haben aber auch ein Recht auf eine analoge Kindheit, ohne permanentes Wischen und zappeliges Warten auf irgendwelche Antworten. Digitale Geräte ermöglichen ein anderes Lernen, aber nicht per se ein schnelleres oder leichteres Lernen.

Gesellschaft: Oft werden Schulfächer oder fächerübergreifende Aufträge neu gefordert. Lehrkräfte vermitteln schon jetzt neben Fachinhalten auch Medienbildung, demokratische Grundwerte und Sozialverhalten. Sie stellen sich auch bereitwillig den vielen gesellschaftlichen Fragen, die ihre Klassen bewegen. Lehrkräfte diskutieren, informieren, klären auf. Häufig sind sie die ersten Ansprechpersonen bei persönlichen Problemen – in der Schule, in der Familie oder im Freundeskreis. Sie widmen sich Inklusion und Integration. Für zusätzliche Aufgaben wird flankierendes Personal benötigt. Ansonsten werden die Lehrkräfte im Spagat Fachunterricht und zusätzliche Aufgaben zerrieben, was viele in die Teilzeit flüchten lässt.  

Eltern: Schulen und Lehrkräfte können nicht alles auffangen. Für eine gelungene Bildungsbiographie ist eine Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern und Schule wichtig. Kinder und Jugendliche sollten Grundlagen des sozialen Verhaltens mitbringen, der Emotionsregulation, des Belohnungsaufschubs, eine ausreichende Aufmerksamkeitsspanne, bestimmte motorische Fähigkeiten. Hierauf können Lehrkräfte und Gesellschaft, auch Institutionen wie Sportvereine, Musikschulen, Jugendclubs, religiöse Gemeinschaften nach dem Prinzip „Fördern und Fordern“ aufbauen. - Eltern müssen hier in die Pflicht genommen werden. Zuwanderer müssen rasch Deutsch lernen. Allgemein gilt, gemeinsames Lesen und Rechnen sollten selbstverständlich sein ebenso wie das Erklären von alltäglichen Verrichtungen und Vorgängen, möglichst auf Deutsch. Informelles Lernen in der Familie und in familiengestützter Freizeit ist wichtig.

Berufung Lehrkraft: Es bereitet Freude, junge Menschen ihren Anlagen gemäß zu fördern, sie zu erziehen, sie zu bilden, ihnen Wissen, Werte und Haltung zu vermitteln auf ihrem Weg hin zu emanzipierten Erwachsenen, die ihren Platz in Familie, Beruf und Gesellschaft finden. Damit die Lehrkräfte dieser erfüllenden Berufung mit voller Kraft nachgehen können und nicht im Burn-Out landen, braucht es die Unterstützung und Wertschätzung der Gesellschaft und die Investitionen auf allen politischen Ebenen.

Sondervermögen: Für die nächsten zehn Jahre braucht es 200 Mrd. Euro zu gleichen Teilen von Bund und den Ländern. 50 Mrd. Sanierung, 10 Mrd. Digitalpakt 2.0, 130 Mrd. neues Lehr- und flankierendes Personal. Für Schulneubau verblieben dann noch 9 Mrd.

Zum Autor: Stefan Düll ist seit Juni 2023 Präsident des deutschen Lehrerverbands. Geboren wurde er 1964 in Mindelheim. Er hat die Fächer Deutsch, Englisch und Geschichte für das Lehramt an Gymnasien an der LMU München, der George-Washington-University, Washington, D.C., und der Universität Augsburg studiert. Ehemals Stipendiat der Hanns-Seidel-Stiftung und der Fulbright-Kommission. Stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes DPhV, Mitglied im Hauptvorstand des Bayerischen Philologenverbandes bpv, Mitglied im dbb-Bundeshauptvorstand, Mitglied im Hauptausschuss des Bayerischen Beamtenbundes BBB; Schulleiter und Seminarvorstand am Justus-von-Liebig-Gymnasium Neusäß, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft höherer Dienst AhD.

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