Die Schule der Zukunft: Zwei Schulbeispiele für nachhaltige Bildung

Von
Viola Hegner
|
23
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June 2023
|
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Im Rahmen unserer Themenwoche haben wir uns ausführlich mit dem Thema Nachhaltigkeit an Schulen beschäftigt und verschiedene Projektideen vorgestellt. Doch Nachhaltigkeit wirklich an der Schule umzusetzen und in den Unterricht einzubinden, ist manchmal gar nicht so einfach wie gedacht. Mittlerweile gibt es einige Organisationen, die Schulen bei dieser Herausforderung unterstützen und nachhaltige Bildung fördern, unter anderem die Deutsche UNESCO-Kommission. Das Gremium  kann darin auf eine Erfolgsbilanz blicken: Deutschlandweit engagieren sich bereits rund 300 Schulen als UNESCO-Projektschulen für Frieden, Weltoffenheit und nachhaltige Entwicklung. Denn Nachhaltigkeit ist nicht nur Naturschutz. Auch die Stärkung internationaler Beziehungen, die Förderung fairer und chancengerechter Bildung und Kultur als Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung sind essentiell auf dem Weg zur Nachhaltigkeit. Die Projektschulen profitieren deshalb auch vom weltweiten Austausch mit den über 11.500 anderen UNESCO-Projektschulen in 182 Ländern.

Um einen Einblick in die konkrete Umsetzung eines nachhaltigen Schulalltags zu geben, möchten wir euch nachfolgend zwei Schulen vorstellen, die ihren Schülern Nachhaltigkeit auch im Rahmen der UNESCO mit innovativen Projekten näher bringen.  

(Quelle: Rudolf Steiner-Schule Nürnberg)

UNESCO-Projekte im Schullalltag: Ein Beispiel aus Nürnberg

Die Waldorfschule Rudolf Steiner-Schule in Nürnberg wurde 1947 gegründet. Sie bietet Schüler:innen von der ersten bis zur dreizehnten Klasse einen Ort zum Lernen und Entfalten. Das Schulangebot umfasst dabei neben dem Realschulabschluss oder Abitur auch mögliche Ausbildungen in der Schreinerei, Schlosserei und Hauswirtschaft, sodass jede:r Schüler:in den idealen Weg für sich finden kann. Als UNESCO-Projektschule setzt sich die Rudolf Steiner-Schule mit vielen Projekten für die verschiedensten Formen von Nachhaltigkeit ein. „Insgesamt möchten wir so die Ideen der UNESCO im Schulleben und der pädagogischen Arbeit umsetzen und vor allem Nachhaltigkeitsziele wie die Förderung des interkulturellen Dialogs, den Erhalt der Natur durch den Schutz und die Wiederherstellung von Ökosystemen, Biodiversität und natürlicher Ressourcen sowie die Förderung kreativer Künste verfolgen” sagt Johanna Wilpert, Lehrerin an der Rudolf Steiner-Schule und Teil des UNESCO-Teams der Schule.

Als Waldorfschule umfasst der Lehrplan der Rudolf Steiner-Schule einige fest verankerte Unterrichtsfächer und Inhalte, welche den Schüler:innen Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwicklung näherbringen. Da wäre zum einen die Bienenepoche in der 2. Klasse und die Ackerbauepoche in der 3. Klasse, durch welche die Jüngsten unter den Schüler:innen im Unterricht selbst erste Erfahrungen mit Naturschutz sammeln können. Das fest im Stundenplan verankerte Fach Gartenbau, in welchem die Schüler:innen theoretische und praktische Kenntnisse rund ums Thema Garten, Pflanzen und Natur erlernen, setzt die Beschäftigung mit Pflanzenschutz auch in der Mittelstufe weiter fort. Unterrichtet wird es im eigenen Schulgarten.

Der Schulgarten der Rudolf Steiner Schule (Quelle: Rudolf Steiner-Schule Nürnberg)

 Zum anderen umfasst der Lehrplan in der 9. Klasse ein Landschaftspflegepraktikum im Klassenverband, in welchem Natur gepflegt und Bäume gepflanzt werden, sowie das Landwirtschaftspraktikum in der 11. Klasse, in welchem jede:r Schüler:in selbst einmal auf einem landwirtschaftlichen Betrieb arbeiten und so ein Gefühl für die Herstellung unserer Nahrung und den Wert der schützenswerten Landwirtschaft bekommen kann.  

Darüber hinaus setzt sich die Schule mit vielen verschiedenen UNESCO-Projekten für eine nachhaltige Bildung ein:

Als Aktion zur Förderung des UNESCO Ziels der Menschenrechte engagiert sich die Schule alljährlich beim Amnesty International Briefmarathon, an welchem die Beteiligten Briefe an Regierungsbotschaften, Gefangene und Angehörige schreiben und so etwas für Menschen in Not und Gefahr bewegen. Die neunten bis zwölften Klassen der Rudolf Steiner-Schule werden am Projekttag mit der Menschenrechtsorganisation Amnesty International sowie der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte bekannt gemacht. Danach haben sie die Möglichkeit, sich mit dem Schreiben von Briefen gemeinsam für die vorgestellten Einzelschicksale einzusetzen. 

Im Januar 2023 besuchten die Schüler:innen des Abiturkurses im Rahmen einer Berlinfahrt außerdem mehrere UNESCO-bezogene Einrichtungen und Veranstaltungen. Sie durften einer Plenarsitzung des Deutschen Bundestages beiwohnen und anschließend ein Gespräch mit einem der Abgeordneten führen. Im Laufe der Exkursion folgten Besuche des Deutschen Historischen Museums, des ehemaligen Stasi-Gefängnisses „Hohenschönhausen“ sowie des „Berliner Ensembles“. Ein Besuch der Mauergedenkstätte rundete den UNESCO-Bildungsaufenthalt schließlich ab. 

Um besonders das UNESCO Ziel des interkulturellen Austausches umzusetzen, initiierte die Französisch-Fachschaft der Schule anlässlich des 60. Jahrestages des Élysée-Vertrags vom 22. Januar 1963 eine Woche der Deutsch-Französischen-Freundschaft. Viele der jüngeren Schüler:innen haben in Kleingruppen oder auch allein Bilder zur Deutsch-Französischen-Freundschaft gemalt. Die älteren Schüler:innen haben sich schriftlich, in Form von Referaten  sowie Gedichten und Texten, Gedanken zu Ähnlichkeiten und Unterschieden der beiden Länder gemacht. ,,Nach dieser bunten und interessanten Woche konnten die Schüler:innen gut nachvollziehen, wie wichtig eine friedliche und respektvolle Beziehung zum Nachbarland ist und wie – trotz einer wechselvollen Vergangenheit –  zwei Länder (wieder) zueinander gefunden haben.“ sagt Wilpert. 

Als weitere Aktion wird, im Rahmen eines “Erholungs- und Begegnungsprojektes“ der Deutschen UNESCO-Kommission, diesen Sommer auch eine Gruppe von zehn ukrainischen Jugendlichen und zwei Lehrer:innen die Schule besuchen. Den Schüler:innen, deren Eltern aufgrund ihrer Arbeit im Bereich der kritischen Infrastruktur das Land nicht verlassen können oder wollen, wird vonseiten der Schule ein Erholungsprogramm angeboten, welches von verschiedenen Lehrkräften und gemeinsam mit zahlreichen Klassen der Schule durchgeführt werden wird. 

Am 26. Juli plant  die Schule außerdem den neu ins Leben gerufenen UNESCO-Projekttag abzuhalten, der ganz im Sinne der Werte und Ziele der UNESCO stehen soll: Frieden, Weltoffenheit und nachhaltige Entwicklung. Den Schüler:innen der Oberstufe stehen verschiedene Workshops zur Auswahl, welche sowohl von Lehrer:innen, als auch externen Dozent:innen angeboten und geleitet werden. Am Ende des Projekttages sollen die Schüler:innen ihre Ergebnisse präsentieren und die Möglichkeit erhalten, sich über ihre unterschiedlichen Workshop-Erfahrungen auszutauschen. Angepasst an die jeweilige Altersstufe, führen auch die Klassenlehrer:innen der Unter- und Mittelstufe im Namen der UNESCO individuell gestaltete Projekte durch.

(Quelle: Heinz Brandt Schule)

Der Weg ist das Ziel: Nachhaltigkeit als Schulfach

Die Heinz-Brandt-Schule ist eine integrierte Sekundarschule in Berlin mit etwa 450 Schüler:innen, welche sich besonders innovativ mit dem Thema Nachhaltigkeit im Unterricht auseinandersetzt. Für ihre neuen Konzepte erhielt die Schule für das Schuljahr 2022/2023 die Nationale Auszeichnung “Bildung für nachhaltige Entwicklung” vom Bundesbildungsministerium  (BMBF) gemeinsam mit der deutschen UNESCO-Kommission im Rahmen des neuen UNESCO-Programms „BNE 2030”. 

„Mit den ersten Demonstrationen der Schüler:innen im Rahmen von Fridays for Future wurde der Drang immer stärker, diesen Schüler:innenthemen auch Freiräume zu geben” sagt Stefan Grzesikowski, Lehrer an der Heinz-Brandt-Schule. Um dies zu erreichen, hat er mit einigen Kolleg:innen das Projekt “Global Goals” ins Leben gerufen, ein Konzept, das Schüler:innen Nachhaltigkeit auf ganz neue Weise begreiflich machen soll. Global Goals ist ein festes Schulfach, in welchem Schüler:innen der Jahrgänge sieben und acht einen halben Tag pro Woche Nachhaltigkeit hautnah erleben und mitgestalten können. Nachhaltigkeitskonzepte werden hier nicht nur erlernt, sondern auch von den Schüler:innen selbst werden Projekte zur Erreichung der selbstgewählten Nachhaltigkeitsziele entworfen, umgesetzt und am Ende der Schulgemeinschaft präsentiert. „Der Projekttag zu den Global Goals setzt nicht nur den inhaltlichen Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit, sondern methodisch auch den Fokus auf die Verantwortungsübernahme durch die Schüler:innen, weil diese den Projekttag maßgeblich mitgestalten” so Grzesikowski.

Als ersten Schritt lernen die Schüler:innen im Fach Global Goals die 17 Nachhaltigen Entwicklungsziele, die Sustainable Development Goals der UN kennen. Die 2015 verabschiedeten Ziele umfassen mehrere Bereiche nachhaltiger Entwicklung, beispielsweise nachhaltiger Konsum und Geschlechtergerechtigkeit. Somit können die Schüler:innen ein Gespür für die globalen Ziele bekommen, aber auch erkennen, dass „diese im eigenen Umfeld heruntergebrochen werden müssen, um eben im Kleinen einen Beitrag zu leisten”, sagt Grzesikowski. So hat beispielsweise eine der Schülergruppen erst zum Ziel "sauberes Wasser” recherchiert, die Relevanz des Themas und die weltweiten Folgen des Problems erkannt und im praktischen Wasserfilter aus einer alten PET-Flasche, Steinen, Kies und Mineralien gebaut. 

Nach der Ausarbeitung werden die Gruppen aufgelöst und es findet ein Austausch unter den Schüler:innen statt. In einer größeren, neu gemischten Schüler:innengruppe wird gemeinsam eines der Ziele ausgewählt, um dies in ein Projekt umzuwandeln. Eine der Gruppen blieb zum Beispiel bei sauberem Wasser, hat sich einen Interviewtermin in einem Berliner Klärwerk organisiert und in einer Dokumentation filmisch dargestellt, wie sauberes Wasser in Berlin hergestellt wird.

 Nicht jedes der Projekte ist jedoch immer erfolgreich. Nicht schlimm, findet Grzesikowski: „Insgesamt geht es auch gar nicht so sehr um das Projekt, sondern um den Prozess, die Schüler:innen sind für ihr Lernen in der Gruppe, für das Ergebnis und die Gruppenteilnehmer:innen selbst verantwortlich, die Lehrer:innen sind eher Lernbegleiter:innen und regen vor allem dazu an, den Lernprozess zu hinterfragen, statt fertige Ergebnisse zu liefern”. 

Und dieses Konzept zeigt Wirkung: die Schüler:innen der Heinz-Brandt-Schule fangen an, sich auch eigeninitiativ für das Thema Nachhaltigkeit engagieren. Um den Schulplatzmangel abzumindern, soll auf der Fläche des Schulgartens ein modularer Ergänzungsbau errichtet werden, welchem laut Grzesikowski mindestens fünf bis sechs alte Bäume zum Opfer fallen werden. Diese stellen für die Schüler:innen jedoch den einzigen grünen Rückzugsort des Schulhofes dar und so organisierten die Schüler:innen gemeinsam mit der Schule einen Aktionstag, um gegen die bürokratischen Entscheidungen vorzugehen. Es wurde ausgerechnet, wie viel CO2 ein Baum bindet und wie wichtig Grünflächen für das Stadtklima sind. Gewappnet mit den Ergebnissen nahmen die Schüler:innen schließlich Kontakt zu Presse und Politik auf. Auch wenn nicht klar ist, wer diesen Kampf gewinnen wird, haben viele Schüler:innen offenbar verstanden, „dass man sich für seine Rechte demokratisch und auch mit legitimen Protest einbringen muss”.

Für Grzesikowski macht es angesichts dieser Ergebnisse deshalb einen großen Unterschied, „ob ich als Schüler:in selbst einen Missstand in meiner Umwelt wahrnehme und diesen bearbeite, mit einer eigenen Projektidee, im selbstgeschaffenen Setting, oder ob im Regelunterricht auch mal am Rande das Stichwort Nachhaltigkeit fällt. Es ist für den Lernprozess, für die Tiefe der Auseinandersetzung wichtig, dass die Schüler:innen für sich selbst die Nachhaltigkeitsthemen als relevant wahrnehmen, um wirklich eine Wirkmacht für das zukünftige Leben der Schüler:innen entfalten zu können”. Zwar gibt es in Berlin die Verpflichtung, nachhaltige Themen im Regelunterricht mitzudenken, doch dieser Ansatz scheint oft nicht ausreichend zu sein. Grzesikowski meint: „Ich denke, die Zukunft des Lernens sollte in der eigenaktiven Auseinandersetzung mit Themen der Zukunft bestehen”. 

Auf die Frage nach konkreten Tipps und Anregungen für andere Schulen und Lehrer:innen, welche sich mit ihren Schülern für Nachhaltigkeit engagieren möchten, antwortet  Grzesikowski wie folgt:  

„Es gibt unzählige Bildungsmaterialen, manche schon direkt auf Schule und Unterricht heruntergebrochen, die es ermöglichen, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen. Für Engagement benötige ich allerdings Ermutigung und Freiräume”. Um ihr innovatives Schulkonzept erklären und weitergeben zu können, ist die Heinz Brandt Schule auch oft zu Gast bei anderen Schulen. „Durch diesen Austausch bekommt man Anregungen zur Umsetzung, vor allem aber auch Mut, Freiräume für Engagementprojekte zu schaffen.“

Morgen wird, als letzter Beitrag unserer Themenwoche, ein Artikel zu Materialien für nachhaltigen Unterricht noch weitere Tipps für die konkrete Umsetzung von Nachhaltigkeit in euren Klassenzimmern liefern. 

Was haltet ihr von den Projekten der vorgestellten Schulen? Kennt ihr noch weitere Schulen, welche sich besonders für Nachhaltigkeit engagieren? Schreibt es in die Kommentare! 

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