Lehrermangel in Berlin: Quereinstieg als Lösung?

Gepostet von
Julia Wessner
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November 2022
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Lehrermangel in Berlin: Quereinstieg als Lösung?

Das Problem des Lehrermangels ist in Deutschland altbekannt. Lehrer:innen und Schüler:innen leiden seit Jahren darunter und niemand scheint das Problem in den Griff zu bekommen. Lehrermangel heißt aber nicht gleich Lehrermangel, die Situation ist in unterschiedlichen Schulformen und von Bundesland zu Bundesland verschieden. Deshalb schauen wir uns in einer Serie nacheinander die aktuelle Situation in den Bundesländern an. Heute starten wir mit Berlin. 

Warum gibt es einen Lehrermangel?

Die Lage ist nicht überall gleich dramatisch, im Osten Deutschlands ist die Situation zum Beispiel deutlich angespannter als im Westen des Landes. An Gymnasien ist der Lehrermangel oft kaum zu sehen, es herrscht teilweise sogar ein Überangebot an Lehrer:innen und an Grund-und Berufsschulen ist man verzweifelt.

Ein Grund für den aktuellen Lehrermangel ist laut Klaus Klemm, pensionierter Professor für Bildungsforschung und Bildungswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen, dass die zuständigen Ministerien lange Zeit mit sinkenden Schülerzahlen gerechnet haben und daher die Ausbildungskapazitäten zu stark zurückgefahren hätten. Neben Kindern von Zugewanderten und Geflüchteten ist in den letzten Jahren die Geburtenrate in Deutschland  aber so deutlich gestiegen, dass diese Prognosen nicht mehr stimmen. In Berlin gibt es  dieses Jahr 37.000 Erstklässler, so viele wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr.  Dazu kommt, dass sehr viele Lehrer:innen in der Zeit bis in die Achtziger Jahre eingestellt wurden, um die Kinder aus dem “Babyboom” der Nachkriegsjahre zu unterrichten. Diese Lehrkräfte gehen jetzt oder sind bereits alle in Rente. Zudem werden Lehrkräfte regelmäßig freigestellt und können deshalb nicht immer unterrichten. Unter anderem bilden sie als Seminarleiter:innen angehende Lehrer:innen aus, oder besuchen Fort- oder Weiterbildungen. In Berlin werden Lehrkräfte alleine dafür für 7.000 beziehungsweise  4.300 Stunden pro Schuljahr freigestellt. 

Was wird dagegen getan?

Eine Lösung für das Problem des Lehrermangels sind die sogenannten Quereinsteiger. Wer ein Fach-, aber kein Lehramtsstudium abgeschlossen hat, kann in fast allen Bundesländern Zusatzqualifikationen erwerben und dadurch als Quereinsteiger an einer Schule lehren. Ein Beispiel für eine solche Laufbahn wäre ein Absolvent der Archäologie, der nun an einer Schule Geschichte lehrt. Dieses Verfahren ist allerdings nicht unumstritten. 2019 redete der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, im Bezug auf Quereinsteiger und deren fehlende Ausbildung, von einem “Verbrechen an den Kindern”. 

Die Anzahl der Quereinsteiger an Berliner Schulen hat mittlerweile ein gewaltiges Ausmaß erreicht. Zum Beginn des Schuljahres 2018/2019 konnte das Bundesland zwar alle offenen Stellen besetzen, allerdings hatten nur 1047 von 2700 neu eingestellten Lehrer:innen ein abgeschlossenes Lehramtsstudium, das sind lediglich 39 Prozent. 

Auch im Schuljahr 2019/2020 waren fast zwei Drittel der 2734 neu eingestellten Lehrer:innen Quer- oder Seiteneinsteiger. Zu Beginn des Schuljahres 2022/2023 hat sich die Situation noch einmal verschärft, 875 Vollzeitstellen waren an den Berliner Schulen zum Schulstart noch offen, zudem arbeiten etwa ein Drittel der beschäftigten Lehrer:innen nur in Teilzeit. Unter den neu besetzten Lehrer:innen waren 455 Quereinsteiger. 

Infolgedessen wurden in  Willkommensklassen auch Masterstudenten, Pensionäre, einstige Vertretungslehrkräfte und WIllkommenslehrkräfte eingesetzt.

SPD-Bildungsexperte Marcel Hopp forderte bereits Kürzungen bei der Stundentafel, diese legt fest, wie viele Stunden in welchem Fach unterrichtet werden. Schon im Juni forderte der Landeselternausschuss, Stundenpläne einzukürzen und nicht besetzbare Stellen umzuwandeln, damit zum Beispiel auch Theaterpädagogen an einer Schule beschäftigt werden könnten. Berlins Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) plant zudem, Lehre:innen gezielter nach Bedarf  zu verteilen. So soll verhindert werden, dass Schulen in manchen Stadtteilen zu viel Personal haben und andere – zum Beispiel in sozialen Brennpunkten – extremen Personalmangel haben.

 

Der Lehrermangel in Berlin ist also ein echtes Problem, das schon seit mehreren Jahren existiert. Unter den Folgen leiden sowohl Schüler:innen als auch Lehrer:innen. Aktuelle Lösungsansätze sind Umverteilungen und Kürzungen, zum Beispiel bei der Stundentafel sowie die Wiedereinstellung von Pensionären. Eine wichtige Maßnahme ist zudem die vermehrte Verpflichtung von Quereinsteigern. Eine andere Idee wäre, langfristig mehr Fachkräfte einzustellen, welche die nicht-pädagogische Arbeiten übernehmen. So sollen Lehrkräfte von administrativen Aufgaben entlastet werden. Die meisten solcher Ideen scheinen aber nicht optimal und werden häufig kritisiert. Laut Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, gibt es kurzfristig keine Lösungen, nur Notmaßnahmen. Die Suche nach echten Lösungen für das Problem Lehrermangel geht also weiter. 

Wie nehmt ihr die Situation in Berlin wahr? Welche Lösungsvorschläge habt ihr? Schreibt es gerne in die Kommentare. 

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