Unlesbar: Das Leben als Analphabet

Gepostet von
Ida Hinze
|
13
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September 2022
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Unlesbar: Das Leben als Analphabet

Am 8. September ist Weltalphabetisierungstag. In Deutschland kann fast jede achte Person kurze zusammenhängende Texte nicht richtig lesen und verstehen. Es ist unumstritten, dass damit drastische Einschränkungen im Alltag einhergehen. Doch wie genau bewältigen  Betroffene diese Hindernisse? Und wie gerieten sie in die Schriftsprachlosigkeit? 

Vorurteile und Tabuisierung

Wieso kann nicht jede:r lesen und schreiben? Wer da jetzt erstmal an Vorurteile wie Dummheit und Faulheit denkt, liegt völlig falsch. Was viele noch überraschen könnte, ist, dass die meisten Analphabeten einen Schulabschluss erreicht haben und über die Hälfte arbeiten geht. Sie sind allerdings oft im Niedriglohnsektor tätig und ihr Einkommen ist im Schnitt niedrig. Mehr als die Hälfte der Betroffenen sind deutsche Muttersprachler.

Da wir herkömmliche Vorurteile gegenüber Analphabeten ausschließen können, kommen wir nun zu den wahren Hintergründen für Defizite im Lesen und Schreiben.

Die Gründe für Analphabetismus sind so individuell wie die vielen Menschen selbst. Häufig wird das familiäre oder soziale Umfeld als Grund angegeben. Familie ist der erste Zugang zu  Bildung und auch der schulische Erfolg wird dadurch bedingt, belegen  PISA-Studien. Fehlt es hier an Bezugspersonen, die das Erlernen der Grundbildung in Schreiben und Lesen ermutigen, kann dies Analphabetismus begünstigen.

Eine Tendenz zu einer Lese-Rechtschreibschwäche wie beispielsweise Legasthenie, die nicht aufgearbeitet wird, kann ebenso Defizite befeuern. Zudem kann auch eine unbemerkte Sehschwäche dazu führen, dass Buchstaben und Schrift nicht richtig erlernt oder gar wieder verlernt werden können.

Persönliche Erfahrungen wie große Fehlzeiten in der Grundschule durch Krankheit oder gesellschaftliche Probleme wie die Corona-Pandemie oder Krieg und Flucht lassen die Grundbildung von Lese-und Schreibfertigkeiten in die zweite Reihe treten. Diese Versäumnisse später aufzuarbeiten fällt schwer, weil man dann zur Zielscheibe von oben genannten Vorurteilen wird.

Analphabeten sind in der Mitte der Gesellschaft und trotzdem in Medien und in der Gesellschaft kaum sichtbar. Dieser Tabuisierung soll mit unserer Themenwoche entgegengewirkt werden.

Das Leben als Analphabet in der Gesellschaft

Analphabeten wenden aus Angst vor Verachtung und Erniedrigung oft Vermeidungsstrategien an, um ihre Schwäche zu verheimlichen. Beispielsweise werden Notlügen wie „Ich habe meine Brille vergessen“ erfunden, um der Situation zu entrinnen. Einige Betroffene erzählen von ihrem Einfallsreichtum oder auch umfangreichen Gedächtnisleistungen. Diese Fähigkeiten zeugen von Kreativität und Intelligenz und sind wiederum Indizien dafür, dass keineswegs Dummheit und Faulheit dahinterstecken. 

In der Schule kompensieren Analphabeten durch Abschreiben, Delegieren von Lese-und Schreibaufgaben oder lenken ab, indem sie den Klassenclown spielen.

Im Beruf bauen sie Fähigkeiten ohne Lese- und Schreibnotwendigkeit aus und finden sich häufiger als Hilfsarbeiter:in auf dem Bau  sowie als Koch:in, Maler:in und Lkw-Fahrer:in. Im Wandel der Zeit spielt der Faktor Digitalisierung und auch der Wandel des Arbeitsmarktes eine enorme Rolle. Von 2010 bis 2018 ist der Anteil der beschäftigten Analphabeten über 5 Prozent gestiegen bei gleichzeitig steigenden Ansprüchen an die Lesekompetenz auf dem digitalen Arbeitsmarkt.

Die Pandemie stellt weniger Literarisierte vor neue Herausforderungen. Corona Maßnahmen wurden und werden häufig in Form von Zeitungen oder beschriebenen Schildern an der Tür kommuniziert. Somit nicht greifbar für Betroffene von Analphabetismus, der nun auch mit einem Gesundheitsrisiko verbunden ist. Wie soll man auch Maßnahmen befolgen, wenn sie einem nicht verständlich kommuniziert werden?

Der Leidensdruck

Warum suchen sich Analphabeten nicht einfach Hilfe? Wenn das so einfach wäre! Wenn man sich nicht in Schrift ausdrücken kann, fällt schon die Internetsuche oder der Straßenname des Hilfsangebotes schwer.

Betroffene werden von Selbstzweifeln geplagt, obwohl die oben beschriebenen Auslöser selten eigenes Versagen sind. Sie trauen sich nicht, sich jemandem anzuvertrauen, weil die eigene Scham im Weg steht. Und ohne die nötige Sensibilisierung werden Analphabeten immer noch von ihrem Umfeld verurteilt. Die gesellschaftliche Enttabuisierung ist notwendig, damit gering Literarisierte offen darüber sprechen können und die Unterstützung bekommen, die sie brauchen. 

Manche Analphabeten weihen auch einen Nahestehenden ein und bitten diese um Hilfe. Dadurch ist der erste Schritt gemacht, da nun die Bezugsperson helfen kann, Hilfsangebote zu suchen und beim Lernen unterstützt.

Was kann helfen?

Für Kinder ist es wichtig, dass ein Vorbild für Lesen und Schreiben präsent ist. Das nächtliche Ritual des Vorlesens kann hierbei eine positive Erfahrung mit Literatur sein und das Interesse wecken. Die Grundbildung von Schreiben und Lesen ist essentiell, um spätere Unkenntnisse zu vermeiden.

Die Digitalisierung hängt Analphabeten ab, wenn der digitale Raum nicht angepasst wird. Auf Internetseiten von Hilfsprogrammen gibt es oft die Möglichkeit einfach formulierte, kurze Texte zu lesen und sich Texte vorlesen zu lassen oder auch Videos anzuschauen, dadurch wird der Inhalt für ein größeres Publikum erfassbar.

Einige (ehemals) Betroffene wünschen sich Alternativen zum Lesen durch Bild, Ton oder Video auch von beispielsweise Behörden, um den Alltag besser meistern zu können. Neue Medienformen wie Podcasts sind hier eine große Hilfe.

Schlussendlich kann man festhalten, dass neue Faktoren wie die Digitalisierung und die Pandemie auf die Alphabetisierung Einfluss nehmen und wir am besten helfen können, indem wir das Stigma um Analphabetismus auflösen.

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