Wie hängen Analphabetismus und Flucht zusammen

Von
Julia Wessner
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12
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September 2022
|
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Analphabetismus ist ein oft unterschätztes Problem in Deutschland. Doch 6,2 Millionen  Menschen müssen hierzulande täglich mit dieser Einschränkung leben. Ein Teil davon sind jene Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen nach Deutschland geflüchtet sind. Oft kommen sie aus Ländern, in denen seit Jahrzehnten Krieg herrscht und die Mittel fehlen, damit Bildung die oberste Priorität hat. Böswillige Gerüchte, dass Flüchtlinge fast alle Analphabeten seien, sind längst widerlegt und hatten nie eine plausible Argumentationsbasis. 

Warum Analphabetismus heute noch existiert

Neben einigen älteren Menschen sind auch viele Schülerinnen und Schüler von Analphabetismus betroffen. Bei einer PISA-Studie Ende 2019 kam heraus, dass jeder fünfte Fünfzehnjährige in Deutschland nicht sinnverstehend lesen kann und sich damit fast auf dem Niveau eines funktionalen Analphabeten befindet. Laut dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes Heinz-Peter Meidinger sind die Gründe dafür vielfältig. Zum einen lesen Jugendliche in ihrer Freizeit heute deutlich weniger als es früher der Fall war. Zum anderen wird in immer mehr Elternhäusern von Kindern mit Migrationshintergrund kein Deutsch gesprochen, wodurch die Kinder die Sprache nicht richtig lernen. Zu dieser Entwicklung kam 2020 dann die COVID-19-Pandemie. Dadurch hatten viele dieser Schülerinnen und Schüler kaum Kontakt zu Menschen außerhalb ihrer Familie und demnach oft gar keine Möglichkeit Deutsch zu sprechen. 

Alphabetisierung unter Geflüchteten

Auch unter den Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind, befinden sich Analphabeten. 

Teilweise sind geflüchtete Menschen lediglich nicht mit dem lateinischen Alphabet vertraut, teilweise können sie auf keiner Sprache lesen oder schreiben. Einer Umfrage unter 4.500 Geflüchteten aus dem Jahr 2016 ergab, dass unter den Befragten 34 Prozent lateinisch alphabetisiert waren und 51 Prozent zwar alphabetisiert waren, allerdings in einem nicht-lateinischen Schriftsystem. In keinem Schriftsystem alphabetisiert waren 15 Prozent der Befragten. Für sie ist es demnach auch am schwierigsten Deutsch zu lernen, was sich als ein Problem bei dem Prozess der Integration herausstellen kann. 

Weniger als 20 Prozent der nicht-alphabetisierten Geflüchteten haben bis Ende 2016 einen Integrationskurs besucht. Bei der in einem anderen Schriftsystem alphabetisierten Gruppe lag diese Zahl bei 33 Prozent, bei den bereits lateinisch alphabetisierten bei 39 Prozent. Es wird also klar, dass es Analphabeten erheblich schwerer haben, sich zu integrieren und angebotene Hilfen, teilweise aus Scham und Versagensängsten, selten genutzt werden.

Lösungsansätze zur Alphabetisierung

Gerüchte wie zum Beispiel, dass die meisten syrische Flüchtlinge Analphabeten und/oder kaum ausgebildet seien, stimmen nicht. 

Die Analphabetenrate lag in Syrien im Jahr 2011 bei 15 Prozent, bei den 15-25-Jährigen sogar nur bei 3,5 Prozent. Die Menschen, die aus ihrem Land flüchten, kommen oft aus unterschiedlichen sozialen Schichten. Bei einer Studie aus dem Jahr 2016 kam heraus, dass es in Bezug auf den vor der Flucht erreichten Bildungsgrad kein einheitliches Bild gibt. Während es zwar geflüchtete Menschen gibt, die entweder gar keine Schule oder lediglich eine Grundschule besucht haben, besitzen im Gegensatz dazu auch viele Flüchtlinge eine gute bis sehr gute Schulbildung. Außerdem kommt es beim Thema Analphabetismus und Flucht  sehr auf das Herkunftsland an. In Ländern wie zum Beispiel Afghanistan, wo schon seit sehr langer Zeit Krieg herrscht, haben Bildungssysteme kaum eine Chance zu bestehen. 

Eine der vielversprechendsten Möglichkeiten, um den geflüchteten Menschen das Lesen und Schreiben auf Deutsch beizubringen, sind sogenannte Alphabetisierungskurse. Sie werden zum Beispiel von BEF-Alpha (Bildungsjahr für erwachsene Geflüchtete) angeboten sowie vom BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge). Dort lernen die Teilnehmer in maximal 1.300 Unterrichtsstunden zu je 45 Minuten lesen und schreiben in der deutschen sowie in der lateinischen Sprache . Die Gruppen werden für effizientere Lernerfolge mit maximal 16 Leuten relativ klein gehalten. 

Abschließend lässt sich also sagen, dass einige Gerüchte zum Thema Analphabeten und Geflüchteten falsch sind. Die Flüchtlinge haben alle eine unterschiedliche Vergangenheit und auch unterschiedliche Bildungswege. Für jene von ihnen, die Analphabeten sind oder lediglich nicht die deutsche Sprache beherrschen, gibt es geeignete Angebote, die allerdings in großen Teilen ignoriert werden . Ihre Sichtbarkeit und Attraktivität gilt es zu steigern, um dem funktionalen Analphabetismus von erwerbstätigen Geflüchteten entgegenzuwirken und weitere Integrationsprozesse anzuregen.

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