Unterricht ohne Fehler? Unmöglich! Strategien für eine gesunde Fehlerkultur im Klassenzimmer

Von
Vitali Borissov
|
24
.
August 2022
|
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Fehler sind aus dem Unterrichtsalltag kaum wegzudenken. Sie sind ein essenzieller Bestandteil des Lernprozesses und elementar für die Aneignung von Wissen. Schüler:innen und Lehrer:innen sollten sich dessen bewusst sein und Fehler daher keineswegs scheuen. Anhand von Fehlern erhalten Lernende und Lehrende einerseits Auskunft über (ausbleibende) Lernfortschritte und andererseits steckt in ihnen unheimliches Lernpotential. Besonders in Bezug auf Lehrkräfte gilt daher die veraltete Sichtweise, Fehler um jeden Preis zu vermeiden, aussterben zu lassen. Dies könne in der Schülerschaft positive Entwicklungsprozesse verhindern, welche bei der korrekten Aufarbeitung angeregt würden. 

Ein Team um Prof. Jürgen Seyfried thematisiert in einer aktuellen Publikation den förderlichen Umgang mit Fehlern im Unterricht und gibt Rahmenbedingungen vor, die vonnöten sind, um ein positives Fehlerklima zu schaffen. Im Folgenden soll zunächst  ein Blick auf die offensichtlichen Vorzüge einer Fehlerermutigungsdidaktik im Vergleich zu einer Fehlervermeidungsdidaktik geworfen werden. 

Was ist überhaupt ein Fehler?

Ein Fehler stellt eine unerwünschte Abweichung von einem Handlungsziel dar. Es setzt voraus, dass das gewünschte (normative) Richtige nicht erreicht werden konnte, obwohl sämtliche Informationen zur korrekten Vorgehensweise vorlagen. Ergo ist diese Abweichung vermeidbar. Des Weiteren setzt der Fehler voraus, dass er von der beurteilenden Person (meist einer Lehrkraft) als fehlerhaft angesehen wird. Hervorzuheben ist die Reaktion, welche auf einen Fehler folgt. Auf der Ebene der Schüler:innen kann diese affektiv-motivational und/oder handlungsbezogen ausfallen. Solche Misserfolge können Lernende rasch demotivieren und Gefühle wie Scham oder eine negative Selbstbewertung zur Folge haben. Konträr dazu kann die Überwindung eines Fehlers positive Emotionen wie Stolz hervorrufen. 

Wie lernt man aus Fehlern? 

Fehler bieten eine informative Rückmeldung über Wissenslücken oder Missverständnisse und haben daher ein hohes Potenzial, als Lernanlass zu dienen. Dieses Potenzial müsse ausgeschöpft werden, indem die Lehrkraft hilfreiche Rahmenbedingungen schafft und die nötigen Maßnahmen ergreift, erklärt Prof. Jürgen Seyfried. Hierfür ist das Äußern von qualitativ hochwertigem und adaptivem Feedback die Kernkompetenz. Denn es handelt sich nicht einzig und allein um die kognitive Ebene der Richtigstellung, sondern auch, auf affektiv-motivationaler Ebene, um die Aufrechterhaltung von Lernfreude und Lernmotivation. Schüler:innen könnten nämlich anstelle von der Analyse des Fehlers und der Initiierung von Lernprozessen mit dem Ignorieren des Fehlers reagieren und folglich dessen Lernpotenzial nicht nutzen. Um dies zu verhindern, muss die generelle Anerkennung und Wertschätzung von Anstrengung und Engagement (unabhängig von der Korrektheit von Antworten) gefördert werden. Herrscht hingegen ein dem Lernen hinderliches Fehlerklima, hoffen Schüler:innen häufig nicht mit schwierigen Aufgaben betraut zu werden oder zeigen aus Angst vor Fehlschlägen kaum Eigeninitiative. 

Was macht ein positives Fehlerklima aus? 

Im Vornherein ist wichtig, die Lernsituation nicht mit einer Leistungssituation gleichzustellen. Fehler müssen erlaubt sein und keine ernsthaften Konsequenzen nach sich ziehen. Ansonsten neigen Lernende dazu, Fehler zu vermeiden und Wissenslücken zu vertuschen. Diese Bewertungsirrelevanz muss offen kommuniziert werden (z.B. im Hinblick auf Mitarbeitsnoten). 

Selbstverständlich geht dies einher mit der Abwesenheit negativer Reaktionen der Lehrkraft auf Fehler. Stattdessen gilt es, Schüler:innen auch in Fehlersituationen zu ermutigen, um ihre Lernmotivation aufrechtzuerhalten. Selbst das Trösten kann negative Auswirkungen auf die Schulklasse haben. Hiermit geht ebenfalls einher, dass negative Reaktionen der Mitschüler:innen unverzüglich unterbunden werden. 

Ebenfalls von größter Bedeutung ist selbsterklärend auch die Analyse von und die Kommunikation über Fehler. Ihren wahrgenommenen Bedrohungsgehalt gilt es niedrig zu halten, indem eine lernförderliche Kommunikation über öffentlich gemachte Fehler stattfindet. Fehlerverursachende erhalten die nötige Zuwendung und werden unterstützt, wodurch auch ihnen bestenfalls das Lernpotential von Fehlern vor Augen geführt wird. Letztlich sollte demnach ein Umfeld geschaffen werden, in welchem sich die Lernenden auch trauen, herausfordernde Aufgaben anzunehmen und somit das Risiko eingehen, Fehler zu machen. 

Eine Fehlerermutigungsdidaktik erhöht die mündliche Beteiligung der Schüler:innen sichtlich

Professioneller Umgang mit Fehlern im Unterricht 

Voraussetzungen für den professionellen Umgang mit Fehlern sind Fachwissen, adäquate Handlungsstrategien und eine fehlerfreundliche Sichtweise. 

Hinsichtlich des Fachwissens lässt sich festhalten, dass bei Lehrkräften ein fundiertes inhaltsbezogenes sowie fachdidaktisches Wissen über mögliche mit diesem Inhalt verbundene (typische) Fehler und Fehlkonzepte vorhanden ist. Das adaptive Feedback, welches im nächsten Schritt angesetzt wird, belehrt Schüler:innen nicht bloß über den Mangel an Korrektheit, sondern bietet weiterführende Informationen oder Erklärungen. 

Abschließend ist ganz prinzipiell die Abwesenheit einer Fehlervermeidungsdidaktik vonnöten. Diese wissenschaftlich nicht gestützte Sichtweise sieht Fehler als etwas an, was es zu vermeiden gilt, da sie u.a. den Unterrichtsfluss stören. Dies kann schnell dazu führen, dass Fehler unter den Teppich gekehrt werden und Lernende fragend zurückbleiben. Konträr dazu geht eine Fehlerermutigungsdidaktik mit einem konstruktiven Fehlermanagement bzw. positiven Fehlerklima (Fehler als Lernchance) einher sowie einer erhöhten Fehlertoleranz der Lehrkraft. 

Es lässt sich demnach festhalten: Fehler gilt es als Lernchance aufzufassen. Im Umgang mit ihnen ist essentiell, dass man sich der psychologischen Auswirkungen einer Fehlersituation auf Lernende bewusst ist. Ein entlarvter Fehler allein kann bei Schüler:innen bereits nachhaltig die Motivation mindern. Bei einem positiven Fehlerklima werden jedoch Engagement und Mut belohnt, Fehler nicht stiefmütterlich behandelt und das führt dazu, dass sich Lernende trauen,  aktiv am Unterricht teilzuhaben – ganz ohne Angst vor Fehlern und ihren Folgen. 

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