Wo das Abitur keine Herkunft hat: Essener Gymnasium steht für gleiche Bildungschancen im Schulsystem

Von
Annika Werner
|
27
.
August 2023
|
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Gleiche Bildungschancen für alle. Ein Gymnasium in Essen geht voran und führt Schüler:innen an ihre Ziele. (Quelle: Pexels)

Das Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,2 in der Tasche. 12 Jahre Schule, um endlich dem Traum von einem Medizinstudium näherzukommen. Doch das ist gar nicht so einfach. Um an deutschen Universitäten Medizin zu studieren, benötigt man in der Regel einen Schnitt von 1,0. Enttäuschend scheint da der Durchschnitt von 1,2 – der nur nicht bei 1,0 ist, weil die Bilder im Kunstunterricht nicht ordentlich und schön genug waren und im Sportunterricht nur Völkerball und Wettlauf stattfanden und die Klassenkamerad:innen einfach schneller waren.

Mit sieben Jahren in ein fremdes Land gekommen, fremde Menschen, fremde Sprache. Trotzdem ein motivierter Gang in die fünfte Klasse einer Gesamtschule – der Traumberuf ist schließlich Tierärzt:in. Dafür werden ein Abitur und ein Studium vorausgesetzt. Nach vielen Anstrengungen und Mühen im Unterricht ein trauriges Gesicht am Ende: Keine Empfehlung zum Abitur – trotz guter Noten.

Dem Schulsystem mangelt es noch immer an Durchlässigkeit

Oftmals beginnt der Bildungsweg schon in der Grundschule und leitet die Schüler:innen meist auf einem festgefahrenen Weg. Die mangelnde Durchlässigkeit und Bildungsgerechtigkeit des deutschen Schul- und Bildungssystems ist immer noch spürbar. Um überhaupt die Möglichkeit zu bekommen, durch das Abitur ein Studium an einer Universität oder einer Hochschule zu erlangen, bedarf es manchmal mehr als gute Noten in der Grund- oder weiterführenden Schule. Zusätzlich spielen noch weitere Faktoren eine Rolle für oder gegen eine Gymnasialempfehlung. Kinder aus zugewanderten Familien, Kinder, die selbst erst seit kurzer Zeit in Deutschland sind oder Kinder, die aus sozial schwächeren Familien kommen – sie alle benötigen mehr Bildungsgerechtigkeit in der Schule. 

Das deutsche Schulportal der Robert Bosch Stiftung nennt zu den Ergebnissen der IGLU-Studie in Bezug auf soziale Herkunft und den Migrationshintergrund folgendes: “Die sozialen und migrationsbedingten Unterschiede bei den Lesekompetenzen sind seit 2001 kaum verändert und fallen im internationalen Vergleich besonders hoch aus. In den letzten 20 Jahren hat sich hier in Hinblick auf die Bildungsgerechtigkeit nichts getan.” 

Über die Bildungsgerechtigkeit an deutschen Schulen berichtete Lehrer-News bereits. Den Artikel könnt ihr hier finden.

Wo das Abitur keine Frage der Herkunft ist

Nach diesem Motto führt das Gymnasium Essen Nord-Ost Schüler:innen an ihr persönliches Ziel: Der bestmögliche Schulabschluss. An die Schule, die mit einem speziellen Förderkonzept arbeitet, kommen circa 90 Prozent der Schüler:innen aus zugewanderten Familien. Das Schulkonzept umfasst unter anderem die individuelle Förderung des Kindes entsprechend seiner Fähigkeiten und Kompetenzen, Förderunterricht, Projekt- und Vertiefungskurse und ein Achtsamkeitstraining, um stressbedingten Problemen vorzubeugen. Außerdem sollen die Schüler:innen durch ein produktives interkulturelles Lernklima von- und miteinander lernen. Durch die Integration von Kindern mit Behinderung und Kindern aus Flüchtlingsfamilie sollen sie ebenfalls ihre sozialen Kompetenzen stärken.

Achtsamkeitstraining stellt für die Schüler:innen eine Besonderheit dar. Stress und Anspannung werden abgebaut (Quelle: Deutsches Schulportal)

“Für uns ist jedes Kind einzigartig. Wir fördern es, indem wir seine individuellen Fähigkeiten und Schwierigkeiten erkennen und seine Kreativität, Kommunikationsfähigkeit und Sozialkompetenz entwickeln. Dazu bieten wir u.a. Arbeitsgemeinschaften mit künstlerisch-musischen, sprachlichen und sportlichen Akzenten an.”, heißt es auf der Homepage des Gymnasiums. Die Schule, die das ”‘Lernen lernen” vermittelt, wurde 2020 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Und das aus einem guten Grund, denn Kinder aus zugewanderten Familien, Kinder aus Familien, in denen die Eltern kein Abitur abgeschlossen haben und Kinder aus einkommensschwachen Familien haben eine beachtlich niedrigere Chance, das Abitur abzuschließen beziehungsweise überhaupt eine Gymnasialempfehlung zu bekommen. Genau dagegen geht die Schule vor. Sie wollen gleiche Bildungschancen für alle.

Die Vielfältigkeit des Gymnasiums Essen Nord-Ost. Es lernen alle Schüler:innen von- und miteinander (Quelle: Gymnasium Essen Nord-Ost)

In einem Interview mit dem deutschen Schulportal der Robert Bosch Stiftung erklärt Schulleiter Udo Brennholt: “Alle Schülerinnen und Schüler, die sich ohne Gymnasialempfehlung bewerben, bekommen das freiwillige Angebot, an einer Sommerschule teilzunehmen, in der sie auf das Gymnasium vorbereitet werden.” Wenn die Schüler:innen in der fünften Klasse ankommen, werde erstmal ein sogenannter ‘Kompetenzen-Check’ absolviert. Zusammen mit weiteren Tests führe er zu einer genauen Diagnose und damit zu einer gezielten Fördermöglichkeit der Kinder, sagt Schulleiter Brennholt. Ein sprachsensibler Unterricht, der durch Erklärung und Vokabellisten den Schüler:innen das Verständnis einer Aufgabe erleichtert, gehöre ebenfalls zum Konzept der Schule. 

Die Bildungsgerechtigkeit und Chancen sind damit für alle Schüler:innen gleich. Udo Brennholt sagt abschließend im Interview: “Benachteiligt sind unsere Schülerinnen und Schüler tatsächlich in der Selbstwirksamkeitserfahrung. Viele kommen aus Familien, die wenig Chancen und Perspektiven haben – und dieses Gefühl überträgt sich. Wir versuchen, den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, dass sie etwas bewirken können, auch indem wir ihnen Verantwortung geben.” 

In diesem YouTube Video könnt ihr euch die Schule noch mal genauer anschauen und mehr über das Konzept und die Schüler:innen lernen. 

Das deutsche Schulsystem ist noch nicht an allen Ecken durchlässig und fair. An vielen Schulen gibt es noch kein spezielles Förderkonzept, um allen Schüler:innen die gleichen Chancen für eine gerechte Bildung zu ermöglichen. Ebenfalls kommt es häufig vor, dass Kinder durch ihre Herkunft oder ihren sozialen Status nicht die Bildungsmöglichkeiten bekommen, die sie verdienen oder ihnen zusteht. Das Gymnasium Essen Nord-Ost geht mit einem guten Beispiel voran, um für eine gerechtere Zukunft der Schüler:innen zu sorgen. 

Was haltet ihr von dem Förderkonzept der Schule? Schreibt uns eure Gedanken dazu gerne in die Kommentare.

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