Zwischen internationalem Erfolg und immensem Leistungsdruck: Die Zweischneidigkeit des chinesischen Bildungssystems

Von
Clara Picha
|
13
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November 2023
|
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Zwischen internationalem Erfolg und immensem Leistungsdruck: Die Zweischneidigkeit des chinesischen Bildungssystems

Chinesisch gehört in China während der gesamten Schullaufbahn zu den Hauptfächern. (Quelle: Canva

Die Volksrepublik China schnitt in der jüngsten PISA-Studie (2018) in allen drei Kategorien am besten ab. Die getesteten Schüler:innen aus den Provinzen Zhejiang und Jiangsu sowie den Städten Shanghai und Peking belegten den ersten Platz in den Disziplinen Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften. Am stärksten dominierte das viertgrößte Land der Welt im Fach Mathematik, wo es mit 591 Punkten fast 70 Punkte vor dem zweitstärksten Land Estland lag. Zum Vergleich haben deutsche Schüler:innen 500 Punkte erreicht, am schwächsten schnitt Kolumbien mit 391 Punkten ab. Doch was macht das chinesische Bildungssystem im internationalen Vergleich so erfolgreich?

In diesem Artikel stellen wir euch das Bildungssystem der Volksrepublik China vor und zeigen euch, wie es diese glänzenden PISA-Ergebnisse ermöglicht. Dabei fragen wir uns aber auch, welche Schwächen das System aufweist und ob die Erfolge im internationalen Vergleich diese rechtfertigen können. Wenn ihr euch weiter für Bildungssysteme der Welt interessiert, schaut doch bei unseren Artikeln zu den Systemen Vietnams, Polens und der USA vorbei. 

Die Geschichte des chinesischen Bildungssystems: Von Konfuzianismus zu internationalen Einflüssen

Die ältesten Informationen zur Bildung in China stammen aus der Zhou-Dynastie (1046-256 v. Chr.), wo die Zhou-Herrscher junge männliche Adlige dazu ausbildeten, ihnen zu dienen. In der Han-Dynastie (206 v. Chr. - 220 n. Chr.) konnten dann auch nicht-adelige Männer eine Bildung im Rahmen privater Familienschulen in Anspruch nehmen, wo sie konfuzianisch geprägte Inhalte erlernten. Im Jahr 606, während der Sui-Dynastie (581-618), wurden Bildungsinhalte mit der Einführung einer Beamtenprüfung (keju) erstmals von einer Staatsmacht festgelegt und das Bildungssystem institutionalisiert. Die Beamtenprüfung umfasste die fünf Klassiker des konfuzianischen Kanon, die Absolventen wörtlich zitieren mussten, um die Prüfung zu bestehen. 

Nach der Niederlage im ersten Opiumkrieg (1839-1842) wurde China von der britischen Besatzungsmacht gezwungen, die Einfuhr von ausländischer Ware und Personen und die christliche Missionierung zu dulden. So kamen westliche Missionar:innen nach China, die vor allem auf die Bildung von Frauen und Mädchen erheblichen Einfluss nahmen. Die britische Missionarin Mary Ann Aldersey gründete 1844 im östlichen Ningbo die erste chinesiche Mädchenschule, woraufhin in ganz China Mädchenschulen eröffnet wurden. Mädchen durften erst ab 1907 an den gleichen Schulen wie Jungen unterrichtet werden – allerdings in gesonderten Klassen. 

Während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts besuchten viele Chines:innen erfolgreiche Bildungseinrichtungen in Japan, sodass das japanische Bildungssystems als Vorbild für zahlreiche Bildungsreformen in China diente. Beispielsweise wurden 1904 nach japanischem Vorbild neben den konfuzianischen Klassikern auch Mathematik, Sport und Naturwissenschaften in die chinesische Bildung integriert und ein dreistufiges System, bestehend aus Primarstufe, Sekundarstufe und Hochschule, eingeführt. Weitere internationale Einflüsse – diesmal aus den USA – erhielt das chinesische System in der 1912 ausgerufenen Republik China. Die Regierung führte erstmals eine Schulpflicht ein und erlaubte das gemeinsame Unterrichten von Jungen und Mädchen. Zusätzlich wurde der konfuzianische Kanon im Curriculum durch naturwissenschaftliche Fächer komplett abgelöst. Als 1949 die Volksrepublik China gegründet wurde, ließ sich die neue Regierung auch in Bildungsangelegenheiten von der Sowjetunion inspirieren. Sowjetische Unterrichtsmaterialien wurden übersetzt und übernommen und das Fächerangebot an chinesischen Schulen an das sowjetische Vorbild angepasst. 

Am 8. August 1966 wurde auf der 11. Vollversammlung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) das Ziel gefestigt, das Bildungssystem im Sinne der Ideologie von Präsident Mao Zedong zu reformieren. Im Zuge der sogenannten Kulturrevolution in den Folgejahren wurde der Lehrplan auf nur ein paar Fächer reduziert und Mao’s Buch “Worte des Vorsitzenden Tsetung” als Lektüre vorgeschrieben. Diese Einschränkung des Bildungsangebots und damit einhergehend der Bildungschancen endete erst 1976 mit dem Tod Maos. 

1980 bis heute: Das moderne kommunistische Bildungssystem Chinas

Das heutige Bildungssystem in der Volksrepublik China fand seinen Ursprung in den 1980er Jahren, wo die Regierung unter Deng Xiaoping vermehrt Geld in das Bildungssystem investierte und 1985 der “Beschluss über die Reform des Bildungswesens” veröffentlicht wurde. Das System hat seitdem zahlreiche weitere Reformen durchlaufen. Beispielsweise wurden in den 1990er Jahren die Befugnisse des Ministeriums für Bildung reduziert, um die Autonomierechte der Provinzen zu wahren. Heute werden die Rahmenbedingungen für das chinesische Bildungssystem vom Bildungsministerium in Peking gesetzt, allerdings können die Provinzen eigenständige Entscheidungen bezüglich Finanzen, Personal und Inhalt der Bildung treffen. 

Im Juli 2021 wies das Ministerium für Bildung an, dass die Ideologie von Xi Jinping in die Lehrpläne aufgenommen werden soll. Das Lernen, die Verbreitung und das Erforschen der Ideologie des Präsidenten sollten nunmehr in allen Bildungsstufen an erster Stelle stehen. Internationale Quellen haben die Neuerungen als Ideologisierung des Bildungswesens und einen Einschnitt in die akademische Freiheit bezeichnet. Kommunistische Ideen werden chinesischen Kindern aber auch schon vor Eintritt in das Schulsystem vermittelt. Im kostenpflichtigen Kindergarten, den Kinder zwischen drei und sechs Jahren besuchen können, lernen sie neben Zahlen, Sprache und Disziplin auch ihre Rolle in der kommunistischen Gesellschaft Chinas. Es werden die “Fünf Lieben” vermittelt: Liebe zum Vaterland, zur Partei, zur Arbeit, zu öffentlichem Eigentum und zum Lernen. 

Mit sechs Jahren kommen Kinder in die Grundschule (xiaoxue), die kostenlos ist, da sie der Schulpflicht unterliegt. Hier werden sie sechs Jahre lang in Chinesisch, Mathematik, Naturwissenschaften, einer Fremdsprache, Moralerziehung, Musik und Sport unterrichtet. Im ersten Jahr tritt die gesamte Klasse der kommunistischen Kinderorganisation “Junge Pioniere” bei; so wird kommunistisches Gedankengut auch in der Freizeit der Kinder gefestigt. 

Mit zwölf beginnen Schüler:innen ohne Übertrittsprüfung mit der Mittelschule. Diese ist unterteilt in die Untere Mittelschule (chuzhong) und die Obere Mittelschule (gaozhong), die jeweils drei Jahre lang sind. Es kommt das Hauptfach Computertechnik hinzu. Die Untere Mittelschule endet mit einer Prüfung, die die Eignung für die Obere Mittelschule feststellt. Hier haben Schüler:innen die Wahl zwischen dem berufsbildenden, dem allgemeinbildenden und dem hochschulvorbereitenden Zweig – allerdings sind ihre Möglichkeiten durch ihre Abschlussnote bedingt. Wer die Prüfung nicht besteht, wechselt an eine Berufsschule. 

Mit Beendigung der Unteren Mittelschule endet auch die neunjährige Schulpflicht und die Oberstufe, die mit 15 Jahren beginnt, ist somit kostenpflichtig. Die naturwissenschaftliche Bildung wird hier in die eigenständigen Fächer Physik, Chemie und Biologie aufgeteilt. Schüler:innen schließen diesen Schulabschnitt mit dem Gaokao ab, das mit dem Abitur vergleichbar ist. Es werden die Fächer Chinesisch, Mathematik, Geistes- oder Naturwissenschaften und Fremdsprachen abgefragt. Schüler:innen, die bestehen, können sich anschließend zum Studium an Hochschulen und Universitäten bewerben – je höher der erreichte Punktestand, desto renommierter die Auswahl an Universitäten. 

Die Schattenseite von PISA: Leistungsdruck und harte Arbeit

Doch ein Blick hinter die herausragenden PISA-Ergebnisse, die aus diesem System hervorgehen, enthüllt eine düstere Schattenseite des chinesischen Bildungssystems. Bildung wird als Antreiber der chinesischen Wirtschaft gesehen; durch qualitativ hochwertige Bildung und eine fast perfekte Schulzugangsquote soll das Bildungssystem aus Schüler:innen motivierte und qualifizierte Arbeits- und Führungskräfte machen, die die chinesische Wirtschaft ankurbeln. Diese Sichtweise zusammen mit den massiven Konkurrenzkämpfen um die wenigen begehrten Plätzen an guten weiterführenden Bildungseinrichtungen, führt zu einem erheblichen Leistungsdruck auf den Schultern chinesischer Schüler:innen – und das schon ab einem jungen Alter. Schließlich brauchen sie gute Noten, um den hochschulvorbereitenden Zweig der Oberstufe absolvieren zu können, der wiederum für den Zutritt zu einer guten Universität oder Hochschule mit Erfolg abgeschnitten werden muss – so werden schon in den letzten Jahren der Unterstufe überragende Leistungen gefordert, damit Schüler:innen auf eine gute Hochschule gehen können. 

Um diesem Leistungsdruck gerecht zu werden, halten sich Schüler:innen jeden Wochentag mindestens eine Stunde vor und ein bis zwei Stunden nach dem regulären neunstündigen Unterricht auf dem Schulgelände auf, um selbstständig zu lernen. In der Mittagspause erhalten die besten zehn Prozent der Schülerschaft zusätzlich vertiefenden Unterricht und nach Ende des Schultages um 16:30 folgen neben der Erledigung von Hausaufgaben oft Förder- und Nachhilfeunterricht. Viele Kinder besuchen diesen auch am Wochenende. 

Das Ministerium für Bildung hat zwar in letzten Jahren versucht, den Leistungsdruck im chinesischen Schulsystem abzubauen, beispielsweise durch die Abschaffung von Hausaufgaben und Prüfungen in den ersten Jahren der Grundschule, doch diese Reformen stoßen oft auf empörte Eltern, die dadurch eine Senkung des Leistungsniveaus ihrer Kinder befürchten. 

Soziale, ethnische und regionale Ungleichheiten

Obwohl wir es in diesem Artikel bisher gemacht haben, ist es eigentlich unmöglich, pauschale Aussagen über das Bildungssystem Chinas zu machen, denn die Qualität, der Aufbau und der Inhalt der Bildung hängt sehr stark von der finanziellen Lage, dem ethnischen Hintergrund und dem Wohnort eines Schülers oder einer Schülerin ab. Aus diesem Grund werden auch die PISA-Ergebnisse, die nur in vier wirtschaftlich sehr entwickelten Regionen erhoben werden, oft kritisch gesehen

Kinder aus ärmeren Familien gehen zum Beispiel meist nicht in den Kindergarten und wer genug Geld hat, kann mit dem Besuch einer privaten Mittelschule oder Hochschule sogar ohne Absolvieren der Gaokao einen guten Hochschulabschluss erlangen. Der Erfolg eines Kindes bei Prüfungen und Abschlüssen hängt aufgrund der zahlreichen teuren Privatstunden, die die meisten Kinder besuchen, stark von der finanziellen Situation der Eltern ab. Auch Mitglieder der 55 registrierten ethnischen Minderheiten, die in China leben und dort 10% der Gesamtbevölkerung ausmachen, werden vom chinesischen Bildungssystem teilweise benachteiligt. Trotz Maßnahmen, wie der Einführung von Mehrsprachenunterricht und niedrigeren Punkteschwellen für die Zulassung zu weiterführenden Schulen, sind Schüler:innen, die einer ethnischen Minderheit angehören, immer noch sehr unterproportional an Hochschulen vertreten. 

Die größten Ungleichheiten des chinesischen Bildungssystems liegen allerdings im Stadt-Land-Gefälle. So beschränkt sich der Unterricht an vielen ländlichen Grundschulen auf Mathematik und Chinesisch, während in der Stadt sieben verschiedene Fachrichtungen gelehrt werden. Ländliche Schulen sind auch meist schlechter mit Material und Personal ausgestattet: Es fehlen Computer, Sportplätze und Bücher, Lehrer:innen haben oft nur eine Ausbildung zur Aushilfslehrkraft absolviert. Besonders vom Bildungssystem zurückgelassen werden die ca. 14 Millionen schulpflichtigen Kinder von Wanderarbeiter:innen. Wenn sie mit ihren Eltern vom Land in die Städte ziehen, wird ihnen oft der Zugang zur qualitativ hochwertigeren städtischen Bildung verweigert, da sie keinen Wohnsitz in der Region nachweisen können. 

Allerdings gibt es Hoffnung bezüglich dieser Ungleichheiten. Haben im Jahr 2001 nur gut eine Millionen Menschen einen Hochschulabschluss erhalten, lag diese Zahl 2010 bereits bei 5,7 Millionen und im Herbst dieses Jahres haben 11,5 Millionen Absolventen einen Hochschulabschluss erhalten. Auch in Relation zum Bevölkerungswachstum ist die Anzahl der Hochschulabsolventen überproportional gestiegen; die Gesamtbevölkerung Chinas ist nach neuesten Statistiken von 2022 seit 2001 um 11 Prozent gewachsen, während die Anzahl der Hochschulabsolventen sich im selben Zeitraum mehr als verzehnfachte. Die überproportionale Zunahme  in den letzten zwanzig Jahren lässt auf eine breitere Verteilung der Hochschulabschlüsse in verschiedensten Gesellschaftsgruppen und Regionen schließen. 

Abschließend kann man sagen, dass die guten Noten, mit denen China in der PISA-Studie punktet, einen hohen Preis haben. Schüler:innen unterliegen starkem Leistungsdruck und harten Konkurrenzkämpfen, die nicht nur im Klassenzimmer, sondern auch außerhalb der Schule nicht selten große Teile der Freizeit in Anspruch nehmen. Lange Zeit wurden auch Schüler:innen, die aus ärmeren Familien kommen, einer ethnischen Minderheit angehören oder auf dem Land leben, vom chinesischen Bildungssystem vernachlässigt. Doch hier scheint sich in den letzten Jahren viel Positives getan zu haben, damit das System dem konfuzianischen Ideal des fairen und gleichen Zugangs zu Bildung, auf dem es aufgebaut wurde, wieder gerecht wird. Dennoch bleibt die Frage: Können sich andere Länder vom chinesischen Bildungssystem – mit all seinen Erfolgen und Schwächen – wirklich was abschauen, um im internationalen Vergleich besser abzuschneiden? 

Was meint ihr? Schreibt es uns gerne in die Kommentare.

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