Analphabetismus – Was genau ist das eigentlich?

Analphabetismus – Was genau ist das eigentlich?

Blut und Wasser schwitzen, wenn in der Schule ein Diktat ansteht, sich vom Kellner Speisen vorschlagen lassen, da man die Karte nicht lesen kann – Alltag für Menschen mit Analphabetismus. Obwohl diese Einschränkung laut dem Bundesministerium für Bildung und Forschung rund 12 Prozent der erwerbstätigen Erwachsenen in Deutschland betrifft, findet das Thema hierzulande nur wenig Beachtung. Dadurch trauen sich viele Menschen nicht um Hilfe zu bitten und versuchen umständlich die Schwäche auszugleichen. Mit unserer Themenwoche zur Alphabetisierung wollen wir euch für Inhalte rund um Probleme mit Lesen und Schreiben sensibilisieren und erste Schritte zur Enttabuisierung des Analphabetismus gehen.

Analphabetismus – Verschiedene Formen 

Wie genau wird Analphabetismus eigentlich definiert? Zunächst erfolgt die Unterscheidung in primären und sekundären Analphabetismus. Ein Analphabet der primären Form hat das Lesen und Schreiben nie gelernt, ein sekundärer hingegen wieder verlernt. Darüber hinaus gibt es den funktionalen Analphabetismus. Hierbei wird Analphabetismus konkret von der umgebenden Gesellschaft abhängig gemacht. Unter funktionalem Analphabetismus leidet jemand, der mit seinen Schrift- und Sprachkompetenzen nicht die gesellschaftlichen Mindestanforderungen erfüllt. Dies hemmt die individuelle Entfaltung und die Fähigkeit, gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden.

Ursachen 

Je höher die Armut eines Landes, desto höher die Analphabetisierungsrate. Es spielen dabei viele Faktoren eine Rolle. Im Mittelpunkt steht die Bildungsmöglichkeit. Manche Kinder und Jugendliche müssen ihren Familien beim Geld verdienen helfen und arbeiten gehen – da bleibt keine oder nur wenig Zeit für einenden Schulbesuch. Häufig ist die Kinderrate in wirtschaftlich schwachen Ländern deutlich höher als in Europa. Dadurch ergeben sich hohe Schulkosten, welche oft nicht für alle Kinder aufgebracht werden können. Dazu gibt es in vielen Ländern kein ausreichendes Angebot von qualitativ hochwertiger, günstiger und zugänglicher Bildung. Wie es um die Alphabetisierung im globalen Kontext steht, erfahrt ihr in einem anderen Artikel unserer Themenwoche. 

Individuelle und soziale Faktoren

Es gibt einige Faktoren, die begünstigen, dass funktionaler Analphabetismus in einem wirtschaftlich stabilen Land entsteht. Hierzu zählen individuelle Faktoren, wie eine lange Krankheit in der Kindheit oder Förderbedarf, der nicht frühzeitig erkannt wurde. Das bedingen meist die familiären Verhältnisse. Wenn das Elternhaus überfordert ist oder kein Interesse an dem Kind zeigt, wird der Förderbedarf schnell übersehen. Hierbei muss auch das Schulsystem Verantwortung übernehmen. Häufig herrscht jedoch Personal- und Zeitmangel, daher ist eine Einzelförderung in der Realität nur bedingt möglich. Dazu kommt, dass viele Lehrer:innen nicht wissen, wie sie mit der Situation richtig umgehen können. Manche Lehrkräfte halten es für besser, dem Kind durch Augen zudrücken, den Jahresabschluss zu ermöglichen, statt es durch Fördermaßnahmen aus seinem Klassenverband zu reißen. Gut gemeint, aber fatal für die Zukunft des Heranwachsenden. Es kommt auch vor, dass Probleme beim Schreiben und Lesen von Lehrkräften nicht ernst genommen werden oder kompensierendes Verhalten als Störung empfunden wird. Bei Problemen in der Schule entsteht meist ein Kreislauf aus Angst und Scham in Verbindung mit der Lernsituation. Das kann eine Furcht gegenüber Sprachunterricht erzeugen und die spätere Hilfesuche deutlich erschweren. Besonders bei Kindern aus migrierten Familien in erster Generation herrscht oft kein stabiles Sprachumfeld zuhause. Die gesellschaftlich geforderte Sprache kann zuhause nicht oder nur eingeschränkt gefördert werden. Das hemmt das Lernen von Schreiben und Lesen zusätzlich und kann in Kombination mit anderen Ursachen Analphabetismus begünstigen. Gerade bei Flüchtlingsbewegungen kann das zum Problem werden. Bleibt an der Themenwoche dran und lest dazu unseren Artikel zum Thema: Alphabetisierung und Flucht.

Verschiedene Stufen des Analphabetismus – die Alpha-Levels

Es gibt vier Alpha Levels, mit Hilfe welcher analeine Einstufung des Analphabetisierungsgrades versucht wird:

Alpha-Level 1 – Die betroffenen Personen können Buchstaben erkennen und schreiben, jedoch nicht einzelne Wörter lesen oder deren Sinn erkennen. Es gibt 0,3 Mio. Erwachsene in Deutschland mit Alpha-Level 1.

Alpha-Level 2 – Einzelne Wörter sind les- und schreibbar,  jedoch keine Sätze. Es gibt 1,7 Mio. betroffene Erwachsene in Deutschland.

Alpha-Level 3 – Die betroffenen Personen können einzelne Sätze lesen und schreiben. Doch auch schon kurze Texte können nicht als Ganzes gefasst werden. 4,2 Mio. Erwachsene in Deutschland sind betroffen.

Alpha-Level 4 – Texte können einigermaßen verstanden und auch geschrieben werden, jedoch nur mit vielen Fehlern. Davon sind 10,6 Mio. Erwachsene in Deutschland betroffen.

Umgang in der Schule 

Bei Problemen mit Lesen und Schreiben ist ein Analphabetismus nicht die einzige Möglichkeit. Es gibt mehrere, sich ähnlich äußernde Einschränkungen, die unterschieden werden müssen. Abzuklären ist, ob eine Lese-Rechtschreib-Schwäche vorliegt oder eine Legasthenie. Heranwachsende, die von solchen Störungen betroffen sind, benötigen nämlich eine andere Förderung als ‘angehende’ Analphabeten. Analphabetismus resultiert aus äußeren Umständen und ist bei rechtzeitigem Erkennen ausgleichbar.

In der Schule gilt es deswegen einem Analphabetismus vorzubeugen und rechtzeitig die passenden Förderungsmittel anzubieten. Hierbei muss fast immer auf Hilfe von außen zurückgegriffen werden, da an deutschen Schulen ein Lehrkräftemangel herrscht. Es gibt deutschlandweit verschiedene Stellen, die eine Lese- und Schreibförderung anbieten. 

Analphabetismus – ein vielschichtiges Problem

Analphabetismus tritt in verschiedenen Formen und Stufen auf. Es ist ein Problem mit vielschichtigen Ursachen, welches auch von unserer Gesellschaft – zum Beispiel durch unzureichende Förderung – begünstigt wird. Obwohl ein Zehntel aller Erwachsenen in Deutschland betroffen sind, ist das Problem in der Öffentlichkeit kaum präsent. Die Redaktion von Lehrer News möchte durch die Themenwoche zur Alphabetisierung auf dieses globale Problem aufmerksam machen! 

Hattet ihr schonmal das Gefühl, dass an eurer Schule durch zu wenig Fördermöglichkeiten Kinder untergegangen sind? Falls ihr diese oder ähnliche Erfahrungen gemacht habt, lasst gerne einen Kommentar da. 

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