Mehr Hybridunterricht: Wie ein hochbegabter Sechstklässler das Schulsystem reformieren will

Düsseldorf. Die Corona-Pandemie hat für zahlreiche Herausforderungen und Umstellungen gesorgt, besonders für den Schulbereich, wie schon vielfältig berichtet wurde. Eine Thematik, die besonders oft besprochen wurde und über die bis heute diskutiert wird, ist die Art des Unterrichts: Sollte es trotz der hohen Infektionszahlen und Lockdowns Präsenzunterricht geben? Sollten alle Schüler:innen die Möglichkeit haben, von zu Hause Online zu lernen? 

Die Notfallsituation sorgte für einige innovative Bildungsideen, auch wenn Homeschooling und Hybridunterricht nun wieder größtenteils eingestellt sind. Die Idee ist allerdings immer noch da und ein hochbegabter Schüler wurde davon inspiriert, ein Konzept zu entwickeln, durch welches das Schulsystem grundlegend geändert werden soll.  

Jonathan Heinrich Bork ist erst elf Jahre alt und besucht die  6. Klasse eines Gymnasiums in Nordrhein-Westfalen. Mit einem IQ von 145 ist Jonathan hochbegabt, doch abgesehen davon ist er laut eigener Aussage nicht anders als seine Mitschüler:innen. So hat er in einer Stellungnahme an den Ausschuss für Schule und Bildung geschrieben:  “Allerdings bin ich (wie vermutlich auch viele andere) abgesehen von meinen schulischen Fähigkeiten ein vollkommen normaler Mensch, der deshalb auch hauptsächlich mit größtenteils normalen Leuten zu tun hat und sich in diesem Umfeld wohlfühlt.” Von anderen unterscheidet ihn jedoch, dass er sich bereits in jungen Jahren Gedanken um die Zukunft des Bildungssystems macht.

Seine vollständige Stellungnahme lässt sich hier komplett lesen. Im Kern meint Jonathan, dass ein hybrides Unterrichtsmodell die Zukunft der Bildung ist. Um jedem Kind optimales Lernen zu ermöglichen, bedarf es etwas anderes als täglich stundenlang alle Schüler:innen in ein und dasselbe System zu pressen. Er geht darauf ein, dass er auch ohne Präsenzunterricht Kontakt zu Mitschüler:innen pflegen und Freundschaften aufrechterhalten konnte: “Ich bin das beste Beispiel dafür, dass man Höchstleistung in einer Regelschule bringen, Freunde haben kann und das ohne, dass ich mehrere Stunden am Tag in langen Unterrichtsstunden mit X Wiederholungen Zeit absitzen zu muss.” Auch merkt Jonathan an, dass ein Wechsel auf eine Eliteschule nicht sein Grundproblem lösen würde.

Stattdessen hat Jonathan drei Forderungen für eine neue Art des Hybridunterrichts:

Damit soll denjenigen, die zu Hause besser lernen können, die Gelegenheit geboten werden, tiefer in die Materie einzudringen, und Schüler:innen, die mehr Hilfe benötigen, können in Präsenz mehr Aufmerksamkeit von der Lehrkraft bekommen. Dem Kind selbst ist es erlaubt, den eigenen Schulalltag nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. Homeschooling wäre auch nicht verpflichtend, wie es bei der Pandemie der Fall war. Sonstige Gefahren von Schulabsentismus wären somit vorgebeugt.

Wie kommt er auf die Idee? Jonathan empfand die Pandemie etwas anders als einige andere Schüler:innen, die durch die Umstellung Wissenslücken bekamen. “Während der Pandemie war das Homeschooling für mich eine wirkliche Erlösung, weil ich effizienter arbeiten konnte. Ich hatte in der Corona-Zeit einen Notenschnitt von 1,1. Als wir dann zum normalen Unterricht zurückgekehrt sind, war das für mich ein großes Problem. Es gab für mich einfach nicht den Sinn wieder hinzugehen, wenn ich doch von zu Hause so gut arbeiten konnte. Und das ging ja nicht nur mir so.” meint Jonathan in einem Interview mit RND

Jonathan ist in seinem Anliegen nicht allein. Der Schüler berichtet, dass sich nach seiner schriftlichen Stellungnahme im Landtag viele Elternverbände, Stiftungen, aber auch Professoren und Bildungsexperten bei ihm gemeldet haben. Ebenfalls interessiert sind Familien mit Kindern, die ADHS oder Autismus besitzen oder auch Opfer von Mobbing sind und aus diesen Gründen den kompletten Schulalltag nicht schaffen. Bei einem Bildungsfestival in Berlin konnte der Elfjährige 8000 Zuschauer:innen für sein Thema gewinnen. 

Jonathan glaubt fest daran, dass seine Idee Mehrwert hat, aber auch in anderen Belangen wie Finanzierung und dem Lehrkräftemangel: “[...] meine Idee kostet nicht viel Geld, ist letzten Endes nicht schwer umzusetzen und bringt trotzdem viele Vorteile mit sich. Zum Thema Lehrkräftemangel hat zum Beispiel auch die Ständige wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz hybriden Unterricht vorgeschlagen.”

Auch zum Thema Inklusion spricht sich Jonathan aus und bemängelt den Aspekt des gegenwärtigen Bildungssystems, Kinder in ein und dasselbe Muster zu zwängen. “Das deutsche Schulsystem ist wie ein Puzzle und die Kinder sind die Puzzleteile. Und diese Kinder, diese Puzzleteile, werden in dieses Puzzle hineingepresst – egal ob sie da hineinpassen oder nicht. Der hybride Unterricht wäre eine wirkliche Inklusion, weil jedes Puzzleteil besser passen würde. Denn so kann jedes Kind lernen, wie es für am besten ist.”

Wann und ob Jonathans Idee in Nordrhein-Westfalen integriert wird, bleibt abzuwarten. Dennoch ist eine Sache für den Hochbegabten und die Politik selbst klar: so wie es jetzt ist, egal ob wegen des Mangels an Lehrkräften oder dem Wohlbefinden der Schüler:innen, kann es nicht bleiben. 

Wie denkt ihr über mehr Hybridunterricht? Schreibt es uns in die Kommentare!

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