Pisa-Studie: Deutschland schneidet schlechter ab als jemals zuvor

Pisa-Studie: Deutschland schneidet schlechter ab als jemals zuvor

Die Pisa-Studie 2022 zeigt massive Defizite bei den getesteten 15-Jährigen in Deutschland auf. (Quelle: Pixabay)

Die deutschen Schüler:innen haben bei der Pisa-Studie 2022 schlechter abgeschnitten als je zuvor. Das gilt für alle getesteten Bereiche. Sowohl beim Lesen als auch in Mathe und den Naturwissenschaften erreichten die erfassten 15-jährigen Schüler:innen die niedrigsten Werte, die seit dem Pisa-Start im Jahr 2000 in Deutschland gemessen wurden. Das hat die für die Pisa-Studien verantwortliche Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bei der Veröffentlichung der neuen Studie mitgeteilt. Der Abwärtstrend der Ergebnisse zeigt sich aber nicht nur in Deutschland. International sei laut OECD die durchschnittliche Leistung der Schüler:innen drastisch gesunken. 

Die deutschen Ergebnisse im Detail

In Deutschland stürzten die Ergebnisse der 15-Jährigen im Vergleich zur letzten Erhebung 2019 besonders im Fach Mathematik ab. Die Schüler:innen erreichten einen Wert von 475. Bei der vorherigen Pisa-Studie waren es noch 500 Punkte. Im Bereich Lesen erreichte Deutschland 480 Punkte – 18 Punkte weniger als im Jahr 2019. Und auch bei den Naturwissenschaften sind die Ergebnisse schlechter geworden. Hier kamen die deutschen Schüler:innen auf 492 Punkte. 2019 waren es hier noch 503. 

Alarmierend ist der Umstand, dass der Anteil der besonders Leistungsschwachen nochmals größer geworden ist. Fast jeder dritte 15-Jährige verfügt in mindestens einem der drei Testbereiche über deutliche Defizite. Der Anteil der als besonders leistungsschwach beschriebenen Schüler:innen ist im Fach Mathematik am größten. Dort machen sie in der neuen Studie 30 Prozent aus, beim Lesen 26 Prozent und in den Naturwissenschaften 23 Prozent. 

Deutschland setzt damit einen negativen Trend fort. Nachdem 2001 die Veröffentlichung der Studie zum sogenannten “Pisa-Schock” geführt hatte, konnte Deutschland zunächst seine Ergebnisse etwas verbessern und auf hohem Niveau halten. Seit einigen Pisa-Runden verschlechtern sich die Testergebnisse der deutschen 15-Jährigen allerdings fortlaufend. 

Mögliche Gründe für die negative Entwicklung

Wie nach jeder neu veröffentlichten Pisa-Studie wird nun eine öffentliche Diskussion darüber geführt, warum deutsche Schüler:innen derartige Ergebnisse erzielen. Aus der Studie lassen sich einige Erklärungsansätze ableiten. So gehen die Studien-Autor:innen davon aus, dass die Schulschließungen während der Corona-Pandemie einen negativen Effekt auf das Lernen der Schüler:innen hatten. In Deutschland wurde weniger Distanzunterricht mit Hilfe digitaler Medien abgehalten als im OECD-Durchschnitt. Gleichzeitig zeigt die Studie aber auch keine systematischen Zusammenhänge zwischen der Dauer der Schulschließungen und den Leistungsrückgängen auf. Um die schlechten Ergebnisse im Bereich Mathematik zu erklären, könnte laut der Autor:innen der Zusammenhang zwischen den Kompetenzen der Jugendlichen und dem sozioökonomischen Status der Familien hinzugezogen werden. Dieser Zusammenhang scheint in Deutschland weiterhin stark ausgeprägt. Für die deutsche Bildungspolitik könnten die Ergebnisse als Fingerzeig in Richtung Chancengleichheit gelesen werden. Auch die innere Einstellung der 15-Jährigen hat sich in Bezug auf Mathematik verschlechtert. Im Vergleich zum Jahr 2012 ist die Freude und das Interesse der Jugendlichen an Mathematik gesunken, die Angst vor dem Fach aber gestiegen. 

Der internationale Vergleich

Weltweit haben es nur wenige Staaten geschafft, ihre Leistungen zu verbessern. Herausragend sind dabei die Ergebnisse aus Japan. Hier haben sich die 15-Jährigen sowohl im Bereich Lesen als auch in den Naturwissenschaften verbessern können. Und auch Italien, Irland und Lettland konnten sich zumindest im Bereich Naturwissenschaften einen positiven Trend erarbeiten. Japan steht bei allen drei abgedeckten Leistungsbereichen vorn an der internationalen Spitze. Das japanische Bildungssystem gilt allerdings auch als extrem fordernd, wie ihr in unserem Artikel zu dem Thema nachlesen könnt. 

Auch in anderen Ländern Europas sorgen die schlechten Ergebnisse für Aufregung. So haben sich zum Beispiel die im Bildungsbereich traditionell vorbildhaften Länder Norwegen und Island im Bereich Mathematik genauso stark verschlechtert wie Deutschland. Auch sie büßen in diesem Fach 25 oder mehr Punkte im Vergleich zu 2018 ein.

Kritik an der Pisa-Studie

Die Pisa-Studie gehört international zu den meist beachteten Bildungspublikationen weltweit. Ihre Ergebnisse geben Anlass, um ganze Schulsysteme zu verändern. Trotz ihrer Wirkmacht steht die Pisa-Studie aber gerade wissenschaftlich betrachtet stark in der Kritik. Der Vorwurf: Die Daten der Studien seien nur zum Teil einsehbar, die Arbeitsweisen der Beteiligten nicht transparent und die Fokussierung der Studie zu eindimensional. 

Die Pisa-Studie wird jedes Jahr von der OECD (Organization for Economic Co-operation and Development) entworfen. Sie ist eine internationale Organisation, die sich nach eigenen Angaben der wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Mitgliedsländer verpflichtet fühlt. So wie andere Leistungsvergleichsstudien auch, ist das vorgegebene Ziel der Pisa-Studie, den politischen Entscheidungsträger:innen der Länder Daten für Handlungsstrategien zu geben. Hierin liegt aber auch ein wichtiger Knackpunkt des Problems. Falsche Rückschlüsse können zu unüberlegten Übersprungshandlungen führen, was Auswirkungen auf Bildungssysteme ganzer Länder hat. Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) führt hier ein Beispiel an. Nach den Ergebnissen der Pisa-Studie haben alle Länder, die bei der Studie gut abschneiden, zentrale Abschlussprüfungen. Der Rückschluss, den man daraus ziehen könnte, wäre, dass Deutschland auch zentrale Abschlussprüfungen braucht, um sein Bildungssystem zu verbessern. Hier empfiehlt sich ein genauerer zweiter Blick, denn es gibt Ausnahmen, wie die bpb in ihrem Artikel schildert: “So erzielen finnische Schülerinnen und Schüler hohe Leistungen ohne zentrale Prüfungen, und in Frankreich führen auch zentrale Prüfungen nicht zu überdurchschnittlich hohen Leistungen.”

Verschiedene politische Akteur:innen streben eine enge Beziehung zwischen Forschung und Politik an. Im Bildungszusammenhang wird hier von evidenzbasierter Bildungspolitik gesprochen. Der vielversprechende Ansatz kann aber auch Tücken mit sich bringen. Die Forschung liefert den Politiker:innen nämlich nicht nur die Problemanalysen, sondern auch die passenden Lösungsvorschläge. Dieser Umstand, verbunden mit dem sehr starken medialen Druck, der nach der Veröffentlichung der Pisa-Studien entsteht, führt bei einigen Politiker:innen zu unüberlegten Entscheidungen. Die bpb nennt hier ein weiteres Beispiel: “Obwohl im Jahr 2001 die vorliegende Forschung keine gesicherten Erkenntnisse über gesteigerte Leistungen in Ganztagsschulen vorweisen konnte, wurden mit dem Verweis auf Pisa dennoch viele neue Ganztagsschulen eingerichtet.” Diese Entscheidung kann darauf zurückgeführt werden, dass der mediale Druck auf die Regierung nach dem “Pisa-Schock” 2001 sehr groß war und sich die Politiker:innen gezwungen sahen, etwas zu tun – auch wenn dies nicht wissenschaftlich unterlegt war.

Verschiedene Akteur:innen aus dem Bildungsbereich fordern auch, dass das deutsche Bildungssystem sich freimachen sollte von den Pisa-Studien. Bildungsexperte und Gründer der gemeinnützigen Initiative Zukunft Digitale Bildung, Nicolas Colsman, zeigt dabei einen alternativen Ansatz auf. Demnach solle bei der Leistungsüberprüfung eher auf Dauermonitoring über Echtzeit-Daten aus LernApps gesetzt werden. Die Schüler:innen würden bereits über diese Apps lernen und die Daten wären verfügbar. Sie müssten nur noch konsolidiert werden. Auch aus der Datenschutz-Perspektive wäre dies ein möglicher Weg. Die Informationen wären einfach zu anonymisieren und damit Datenschutzkonform. Dafür müsse jedoch der Lehrermangel entschieden bekämpft und Lehrkräften breite Fortbildungsangebote auf der Höhe der Zeit zur Verfügung gestellt werden, so Colsman.

Die Ergebnisse der neuen Pisa-Studie sind mit Vorsicht zu genießen und trotzdem geben sie Anlass dazu, über Bereiche des Bildungssystems genauer nachzudenken. Im Bereich Digitalisierung sind sich zum Beispiel die Pisa-Studie und Kritiker:innen der Studien praktisch einig. Hier besteht Nachholbedarf. Was haltet ihr von den neuen Ergebnissen der neuen Pisa-Studie? Schreibt es uns gerne in die Kommentare!

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