Schule in Japan: Spitzenleistungen und hoher Druck

Von
Carolin Kunkel
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28
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November 2023
|
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Schule in Japan: Spitzenleistungen und hoher Druck

Sowohl japanische Schüler:innen als auch Lehrkräfte leiden unter dem enormen Leistungsdruck. (Quelle: Canva)

Beachtliche Erfolge in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften, hohe Maßstäbe bei der Chancengleichheit und merkwürdige Schulvorschriften: Mädchen dürfen unter ihrem Rock zum Beispiel nur weiße Unterwäsche tragen. Japan schneidet laut der aktuellen PISA-Studie 2018 in allen Kompetenzbereichen etwa eine halbe Standardabweichung über dem OECD-Durchschnitt ab und übertrumpft dabei auch Deutschland. Bereits seit dem Jahr 2000 macht das ostasiatische Land mit erfolgreichen Schüler:innen in der Studie auf sich aufmerksam, doch die Erfolge haben ihren Preis: Lehrkräfte arbeiten im Schnitt elf Stunden pro Tag, und die Medien betonen nicht nur die schulischen Triumphe, sondern auch die alarmierend hohen Suizidraten, den enormen Leistungsdruck und strenge Regeln für Schüler:innen, die den Schulalltag bestimmen. Zwischen dem Glanz der Bildungserrungenschaften und den Schattenseiten stellt sich die Frage: Wie hoch ist der Preis für diesen Erfolg? Nachdem bereits Polen, Vietnam, China, Kuba, Kanada und Frankreich auf dem Prüfstand waren, werfen wir in unserer Reihe Bildungssysteme der Welt nun einen Blick auf Japan.

Reformen im japanischen Bildungssystem: Historische Wurzeln und aktuelle Struktur

Japanische Kultur – wie Sushi, Origami, Kawaii, Wabi Sabi und Anime – hat längst weltweiten Anklang gefunden. Über das japanische Bildungssystem ist aber wenig bekannt. Historisch gesehen wurde das Schulsystem von vielen Veränderungen und Neuerungen beeinflusst.

Drei bedeutende Reformen haben dabei das japanische Bildungssystem besonders geprägt: Erstens die Einführung eines einheitlichen staatlichen Systems in der Meiji-Zeit (1868–1912), zweitens die Umstellung auf ein amerikanisches Schulsystem nach dem Zweiten Weltkrieg (1945–1952), und drittens Reformbemühungen seit den 1980er Jahren zur Globalisierung. 

Die Meiji-Reform etablierte ab 1871 eine landesweite einheitliche Volksschulstruktur, während die amerikanische Besatzung später ein neues System mit Grund-, Mittel- und Oberschule nach US-Vorbild einführte. Die Reformen seit den 1980ern reagieren auf Wettbewerbsanforderungen und sind in den Augen von Expert:innen noch immer nicht abgeschlossen. Ziele der Reform sind beispielsweise die Bewältigung der Probleme, die durch die Internationalisierung bzw. Globalisierung entstanden sind, die Anpassung an das Informationszeitalter und die Abschaffung der Uniformität in der Schule sowie die Achtung vor der Würde der Einzelnen. Kontroversen entstanden dabei durch die Übernahme westlicher Modelle und führten zu einem Konflikt zwischen Modernisierung und Bewahrung traditioneller Elemente, wobei die Diskussionen und Anpassungen bis heute anhalten. Anders als in Deutschland, in dem die Bildungsorganisation bei den Bundesländern liegt, ist sie in Japan zentral organisiert und wird vom Ministerium für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie (MEXT) geführt. 

Im Alter von sechs Jahren beginnt der verpflichtende Schulbesuch. Nahezu alle Kinder besuchen zuvor jedoch schon vorschulische Einrichtungen wie Kindergärten (yochien, für 3- bis 6-Jährige), Kindertagesstätten (hoikusho, für die Altersstufen 0 bis 6, oft für berufstätige Eltern) oder Zentren für Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE), die Bildung und verlängerte Öffnungszeiten kombinieren (nintei-kodomo-en, ebenfalls für das Alter 0 bis 6). In der Vorschule ist meist schon der enorme Leistungsdruck spürbar, denn von den Kindern wird erwartet, dass sowohl soziale Fähigkeiten als auch das 50 Schriftzeichen umfassende Silbenalphabet “hiragana” gelernt werden, dessen Kenntnis beim Schulanfang vorausgesetzt wird. Daneben werden bereits in der Vorschule gute Noten erwartet, da die Leistungen darüber entscheiden, welche Schule die Kinder besuchen dürfen.

Jedes neue Schuljahr beginnt im April. Im Alter von sechs Jahren erreichen Kinder das schulpflichtige Alter und besuchen die sechs Jahre dauernde Grundschule (shogakko), in der grundlegende Fähigkeiten gelehrt werden. Die Bedeutung von Gemeinschaft wird im japanischen Schulalltag an verschiedenen Stellen betont. In Grundschulklassen erfolgt eine Aufteilung in Kleingruppen von vier bis sechs Kindern, sogenannte Han. Diese Gruppen essen gemeinsam, sitzen zusammen und tragen gemeinschaftlich die Verantwortung für ihren Lernfortschritt.

Danach besuchen die Kinder im Alter von 12 Jahren verpflichtend eine Sekundarschule (chugakko). Mit 15 Jahren entscheiden sich die meisten Schüler:innen, auf eine Oberschule (kotogakko) zu gehen, die jedoch gute Ergebnisse in den Aufnahmeprüfungen erfordert. 

1998 wurde zusätzlich die Gründung von sechsjährigen Sekundarschulen (chuto-kyoiku-gakko) beschlossen, die Grund- und Sekundarschulbildung kombinieren. Daneben besteht seit dem Jahr 2016 die Möglichkeit, Pflichtschulen (gimu-kyoiku-gakko) zu besuchen, die sich ebenfalls durch die kombinierte Grund- und Sekundarschulbildung auszeichnen. 

Anders als deutsche Kinder haben japanische Kinder längere Unterrichtszeiten, durchschnittlich acht Stunden an 200 Tagen im Jahr. In Deutschland sind es im Vergleich dazu sieben Stunden an 193 Tagen im Jahr. Neben ihren vollen Stundenplänen besuchen viele Schüler:innen Teilzeitkurse am Abend oder in der Freizeit (teiji-sei), Fernkurse (tsushin-sei) oder Kurse an privaten Paukschulen (juku), um sich ausreichend für die Anforderungen an den Universitäten vorzubereiten. Denn nach dem Abschluss der Oberschule müssen Bewerber:innen den zentralen National Center Test für University Admissions ablegen, der durch die hohen Leistungsansprüche eine schwierige Hürde darstellt. 

Belastungen im Schulsystem: Risiken für Schüler:innen und Lehrkräfte 

Der Leistungsdruck fordert jedoch einen hohen Preis. Seit 2014 ist in Japan die häufigste Todesursache unter Jugendlichen der Suizid. Im Jahr 2015 lag die Suizidrate bei japanischen Jugendlichen (15–19 Jahre) bei rund sieben pro 100.000, verglichen mit knapp fünf in Deutschland. Auffällig ist dabei, dass die Zahl der Selbsttötungen immer Anfang April und September nach den Ferien ansteigt. 

Viele Projekte von Nichtregierungsorganisationen wie The Nippon Foundation Suicide Prevention Project versuchen seitdem darauf aufmerksam zu machen. Ziel dieses Projekts ist es, dass alle Personen in Japan, die Suizid in Erwägung ziehen, “umfassende Lebenshilfe” erhalten, indem beispielsweise internetbasierte Kriseninterventionsmodelle zur Verfügung gestellt und Sensibilisierungsarbeit in der Gesellschaft geleistet wird.

Neben der hohen Belastung durch Lernanforderungen verlangen viele Schulen in Japan zudem die Einhaltung strenger Regeln, auch “kosuku” genannt, die das Aussehen und Verhalten der Schüler:innen betreffen. So müssen Mädchen an einigen Schulen weiße Socken tragen, die nur unter die Knie reichen dürfen, oder ihre langen Haare mit einem Zopfgummi zusammenbinden, das nicht höher als die Ohrenkante befestigt werden soll. Ein Junge berichtet gegenüber Deutschlandfunk Kultur, dass sonst Strafen folgen würden. Er selbst habe einmal einen Undercut gehabt, daraufhin musste er sich den Kopf rasieren. 

Der japanische Bildungsminister Yoji Maruyama antwortet auf die Frage nach dem Grund für diese Regeln in Japan: “In der Schule wird ein kollektives Leben geführt, und dafür sind gleiche Regeln für alle notwendig.” Kollektivismus und Gleichheit werden dem Individualismus vorgezogen. 

Vor allem Kleidervorschriften sind in den letzten 30 Jahren strenger geworden, aber nicht ausschließlich. An einigen Schulen wird vorgegeben, wie viele Minuten die Kinder vor Unterrichtsbeginn im Klassenzimmer zu sein haben, dass auf dem Schulweg nicht getrunken und auf dem Schulgelände nicht gerannt werden darf.

Laut Chiki Ogiue, Gründer der NGO “Stop Bullying! Navi”, würden die Vorgaben mit Ansehen und Kontrolle zusammenhängen: „Die Schulregeln verstoßen gegen die Menschenrechte der Kinder. Sie dienen nur dazu, dass die Schule im Bezirk einen guten Eindruck macht und Lehrer Kinder besser kontrollieren können.“ 

Die hohen Anforderungen in und außerhalb der Schule verursachen einen großen Leistungsdruck nicht nur auf die japanischen Schüler:innen, sondern auch auf die Lehrkräfte. Grundsätzlich genießen Lehrer:innen ein hohes Ansehen in der japanischen Gesellschaft. Mit einem Arbeitsalltag, der oft um acht Uhr morgens beginnt und um 21 Uhr abends endet, erhalten jedoch die wenigsten Lehrer:innen Wertschätzung in Form von Freizeit und Erholung. Auch am Wochenende müssen sie Sportclubs leiten oder zusätzliche Förderstunden anbieten. Aufgrund von psychischen Problemen werden jedes Jahr etwa 5000 Lehrkräfte krankgeschrieben. Im Jahr 2017 gab es laut offiziellen Angaben sogar 63 Todesfälle aufgrund von Überarbeitung, im Japanischen “karoshi” genannt. Mehr als 70 Prozent der Mittelschullehrkräfte sind bereits durch den durch “karoshi” bedingten Tod gefährdet, weil viele mehr als 80 Überstunden pro Monat ableisten. 

Der Grundschullehrer Teruyuki Kuniyasu von der Lehrergewerkschaft setzt deshalb klare Grenzen. Mit seinen 30 Jahren Berufserfahrung geht er meistens direkt nach dem Unterricht nach Hause. “​​Ich mache das ganz bewusst, denn jemand muss mal zeigen, dass es auch so geht. Wenn es keiner macht, dann ändert sich auch nichts.”

Auf dem Weg zu Veränderungen: Aktuelle Trends und progressive Schulmodelle in Japan

Dass sich allerdings etwas ändern muss, steht außer Frage. Zu deutlich sprechen die Zahlen der Suizidraten unter Jugendlichen und die gefährliche Belastung der Lehrkräfte. Ein Beispiel für Veränderung stellt die Sakuragaoka-Mittelschule in Tokio dar. An dieser Schule sind zumindest die Kleidungs- und Verhaltensvorschriften abgeschafft. Wo zuvor ein 20-seitiges Regelheft bestimmte, dass Strümpfe weiß und Pullover blau zu sein hatten, tragen Schüler:innen heute Trainingsanzüge oder Blazer mit Rock. Wer müde ist, darf im Unterricht sogar schlafen. Der Schulleiter Takahiko Saigo betont dabei die wissenschaftlichen Vorzüge von Powernaps auf die Konzentrationsfähigkeit. Auf die Frage, warum sich eine Schülerin für diese Schule entschieden habe, antwortet sie: “Ich hatte den Eindruck, dass ich vor lauter Lernen gar keine Zeit mehr für mich hatte und auch nicht besser wurde in der Schule. Meine Mutter hat gemerkt, dass ich immer stiller wurde und hat mich gefragt, was los ist. Sie wollte mich wieder lachen sehen, und deshalb bin ich hierhergekommen.” 

Nach vier vorschriftsfreien Jahren kann der Schulleiter Saigo eine positive Bilanz ziehen: „Die Eltern freuen sich, denn selbst Kinder, die bisher ungern oder gar nicht zur Schule gegangen sind, gehen nun mit großer Freude.“ 

Die Zahl der Schulverweigerer habe abgenommen und die Schule erlebe großen Zulauf. Mittlerweile musste die Schule einen Aufnahmestopp für Kinder aus anderen Vierteln verhängen. Trotz der Erfolge muss sich Saigo eingestehen, dass er die Arbeitszeiten der Lehrkräfte nicht reduzieren konnte. Hierfür müssen grundlegende Reformen her. Zwar entspricht es dem japanischen Ideal von Lehrkräften, sich für ihre Schüler:innen hingebungsvoll aufzuopfern, über die lebenserhaltenden Kapazitäten hinaus sollte das System allerdings die Überarbeitung nicht weiter fördern. Zwar gebe es laut dem Japan-Magazin Sumikai derzeit Bestrebungen, den Druck und Handlungszwang auf Lehrer:innen zu reduzieren, indem 70 Prozent der Kommunalverwaltungen Systeme zur Unterstützung von Schulangelegenheiten eingeführt haben. Diese seien oftmals nicht kompatibel miteinander und dahingehend nicht effektiv genug. Insgeheim erhoffe man sich durch die Verbesserungen, dass wieder mehr junge Studierende den Lehrberuf ergreifen. Seit Jahren kämpfe auch Japan mit dem Lehrkräftemangel, da viele Menschen aufgrund der Arbeitsbelastung keine Lehrkräfte werden wollen.

Die Belastungen im japanischen Bildungssystem rufen nach Veränderungen. Im Dezember 2023 wird die nächste PISA-Studie veröffentlicht. In Bezug auf die Ergebnisse aus Japan ist wieder mit herausragenden Leistungen zu rechnen. Trotz der schulischen Triumphe offenbart die Überbelastung der Lehrkräfte, die Depressions- und Suizidraten unter Jugendlichen und das Leiden der Kinder unter den strengen Schulvorschriften den dringenden Bedarf, das japanische Schulsystem zu reformieren und ein Umdenken in der Gesellschaft anzustoßen, um den Druck auf beide Seiten im Bildungswesen zu reduzieren.

Seid ihr selbst oder eure Mitmenschen von Depressionen oder Suizidgedanken betroffen, könnt ihr bei der Telefonseelsorge Hilfe erhalten. Die Nummern lauten +49 08001110111 und +49 08001110222.

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