Buchstäblich Probleme: Der Stand der Alphabetisierung in Deutschland

Mit einem guten Buch in der Hand daheim auf der Couch sitzen? Für Analphabeten unvorstellbar. Oft wird Analphabetismus als Problem der Bevölkerung von Entwicklungsländern abgeschrieben, doch auch für einen Industriestaat wie Deutschland, in dem die Schulpflicht herrscht, ist es keineswegs bloß eine Ausnahmeerscheinung. Im Rahmen unserer Themenwoche rund um den Weltalphabetisierungstag wollen wir in diesem Artikel den Stand des Analphabetismus in Deutschland hervorheben sowie auf eine Vielzahl von Förderangeboten verweisen. 

Wenn Worte zu Feinden werden

Ob eine Speisekarte im Restaurant, ein Stimmzettel im Wahlbüro, Dinge des alltäglichen Lebens wie Bedienungsanleitungen, Produktverpackungen, Beipackzettel, Behördenschreiben, Formulare oder Verträge: all das stellt Analphabeten vor scheinbar unlösbare Herausforderungen. Jeder Tag wird wahrlich ein Spießrutenlauf. Neben dem Problem, den Buchstabensalat zu entwirren, kommt hinzu, dass die meisten Betroffenen sich davor fürchten, von Vorgesetzten oder dem sozialen Umfeld als Analphabet erkannt zu werden. Sie verwenden jede Menge Kraft und Kreativität darauf, ihr Defizit zu verbergen. Häufig sind Notlügen wie “Ich habe meine Lesebrille vergessen” das präferierte Mittel. Doch manche fügen sich ernste Selbstverletzungen zu (oder spielen diese vor). Gebrochene Finger oder Verbrennungen sind nicht selten der letzte Ausweg von Analphabeten, um beispielsweise einem Schreibauftrag aus dem Weg zu gehen. Um jeden Preis vermeiden sie jegliche Situation, in denen sie mit der Schriftsprache konfrontiert werden. 

Wie viele Analphabeten gibt es in Deutschland? 

6,2 Millionen Erwachsene können in Deutschland nicht richtig auf Deutsch lesen und schreiben (Stand: 2018). Ein Lichtblick: Die Vorgängerstudie aus dem Jahr 2011 beziffert diesen Wert noch auf 7,5 Millionen. Grund für die Fortschritte bei der Alphabetisierung Deutschlands sind die Enttabuisierung des Themas durch Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung sowie geeignete Selbstlernangebote und Anlaufstellen für Betroffene und ihr besorgtes Umfeld. Trotz alledem verfügen selbst im Jahr 2018 noch 7,3 Prozent aller Erwachsenen mit Deutsch als erster Sprache nur über geringe Lese- und Schreibfähigkeiten. Innerhalb der Gruppe der Analphabeten hat fast die Hälfte einen Migrationshintergrund und eine andere Sprache als Deutsch zuerst gelernt. 
Mehr als die Hälfte der Betroffenen geht zudem einer geregelten Erwerbstätigkeit nach. Zusätzlich sind Analphabeten meist Geringverdiener. Jeder Zweite ist finanziell nicht in der Lage, eine Woche Urlaub außerhalb der eigenen Wohnung zu machen. Erwachsene mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen finden Arbeitsplätze meist in Helferjobs wie beispielsweise in der Nahrungsmittelzubereitung, der Baubranche oder als Reinigungskraft. Jedoch gehen auch solche Berufe zunehmend mit Papierkram und Schriftsprachkompetenzen einher. 
Hinsichtlich des Schulabschlusses lässt sich festhalten, dass vier von fünf funktionalen Analphabeten einen Schulabschluss haben. Davon jeder Fünfte die Mittlere Reife und sogar jeder Achte das Abitur. Wie kann es da sein, dass bei Weitem nicht jeder richtig lesen und schreiben kann? 

Wie kommt es zu Analphabetismus in Deutschland? 

Grundsätzlich sind häufiger Menschen betroffen, deren Eltern einen geringen Bildungsstand haben und/oder in Berufen tätig sind, die möglichst schriftfern sind – was sich auch auf den Haushalt auswirkt: Keine Bücher, Zeitungen oder Zeitschriften zuhause, Lesen und Schreiben haben niemals einen hohen Stellenwert eingenommen. Auch eine traumatische oder verwahrloste Kindheit kann dazu führen. Außerdem sind auch Menschen betroffen, die Deutsch als Fremdsprache sprechen sowie Kinder mit Migrationshintergrund. Jedes deutsche Kind unterliegt zwar einer neunjährigen Schulpflicht, doch obwohl ein großer Teil der Kinder auch das jährliche Klassenziel erreicht, kommt es vor, dass sich (teils unbemerkt) erhebliche Defizite im Bereich der Lese- und Schreibkompetenz entwickeln. Einige Kinder brechen auch die Schule ab. Viele Analphabeten in Kindesbeinen werden womöglich niemals eine Ausbildung anfangen. Sie können selbsterklärend schlechter lesen und schreiben, aber haben hierdurch auch Probleme beim Arbeiten mit Computern. In einer immer stärker digitalisierten Welt ist dies aber unerlässlich, da auch in vermeintlichen Einfacharbeitsplätzen zunehmend Computerkenntnisse gefordert werden. Die zunehmende Digitalisierung verstärkt somit das Problem und macht Analphabeten umso mehr zu Außenseitern.
Aufgrund von Heimunterricht und den fehlenden finanziellen Möglichkeiten mancher Familien kontinuierlich einen Computer zur Verfügung zu stellen, ist bereits ein genereller Lernrückstand bei vielen Schüler:innen zu beobachten. Dies kann der Nährboden sein für eine nächste Welle von funktionalen Analphabeten, die dieses schwere Los durch die Folgen von COVID-19 mit sich tragen müssen, wenn nicht rechtzeitig der Anschluss gefunden wird. Der Zusammenhang und die Problematik dieser Situation wird sich noch in Zukunft zeigen. Erst hinterher werden die Analphabeten kaum überwindbare Hürden und Stigmatisierung erfahren müssen. Jetzt können die betroffenen Kinder (selbst) die Folgen noch nicht ansatzweise erahnen. 

Welche Förderprogramme gibt es für Alphabetisierung? 

Glücklicherweise ist die Lage heutzutage alles andere als aussichtslos, was dahingehend auch Hoffnungen für die Zukunft macht. Das Bundesbildungsministerium hatte 2016 die Dekade der Alphabetisierung ins Leben gerufen (AlphaDekade 2016-2026), um die Lese- und Schreibkompetenz (vor allem) von Erwachsenen zu steigern. Gefördert werden insbesondere Projekte, die Beschäftigte mit Alphabetisierungs- und Grundbildungsbedarf am Arbeitsplatz unterstützen. Hierzu werden wir als Teil unserer Alphabetisierungswoche einen weiteren Artikel posten. 

Unter anderem wird auch die Studie "LEO 2018 - Leben mit geringer Literalität” unterstützt, auf welcher die Zahlenwerte basieren, mit denen im (Regierungs-)Diskurs argumentiert wird. Hierbei zu bemängeln: von einer Gruppe von knapp 8000 Befragten wurde auf die Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik geschlossen. Trotzdem ist nicht von der Hand zu weisen, welch ein großes Problemgebiet Analphabetismus darstellt und wie viel Handlungsbedarf noch immer herrscht. Vor allem in Bezug auf die Rahmenbedingungen der Erwachsenenbildung muss das Kursangebot flächendeckend ausgebaut und allgemein breiter aufgestellt werden. Außerdem sollten Grundbildungskurse für Teilnehmende kostenfrei sein, fordert der Bundesverband für Alphabetisierung und Grundbildung e.V. Da Analphabeten oft Geringverdiener sind, ist dies dringend notwendig. Unter ihrer Telefonnummer erreicht man kostenlos das Expertenteam des ALFA-Telefons, welches über Lernangebote und Selbsthilfegruppen in der Region informieren kann sowie Ansprechpersonen vermittelt. Des Weiteren bietet beinahe jede Volkshochschule wöchentliche Grundbildungskurse an, allerdings gibt es keine spezifische Didaktik für Alphabetisierungsangebote, weil sie noch nicht genug erforscht wurden, wodurch oft widersprüchliche Herangehensweisen in den Kursen zu beobachten sind. 

Das Bildungsministerium für Bildung und Forschung bietet mit seiner Kampagne “Lesen & Schreiben. Mein Schlüssel zur Welt” digitale sowie analoge Lern- und Beratungsangebote an. Lerninteressierte können sich auch über eine Vorlesefunktion zu allen verfügbaren Informationen freuen. 

Ein weiteres Projekt: “MENTOR - Die Leselernhelfer e. V.” vom Bundesverband will seit 2019 die Leseförderung gezielt mit Apps und Internetseiten vorantreiben. Um digitale Medien in die Lesestunden zu integrieren, bietet der Bundesverband Kriterien zur Auswahl von digitalen Medien zum Lesenlernen sowie Material zum Aufbau und zur Vorbereitung einer Lesestunde mit digitalen Medien. Unter dem Dach des Bundesverbandes sind außerdem mehr als 13.000 ehrenamtliche Lesementoren hauptsächlich in den Schulen unterwegs, um insgesamt 16.600 Schüler zu fördern. Die ersten Ergebnisse: Die Kinder verlieren durch den digitalen Ansatz keineswegs die Lust an “echten” Büchern. Die hierin vorgestellten Ansätze bieten ebenfalls großen Spielraum für eine Anwendung in der Erwachsenenbildung. 

Alles in allem zeigen die neuesten Ergebnisse einen positiven Trend bei der Alphabetisierung von Erwachsenen auf. Allerdings braucht es eine neue Zahlenbasis, von welcher aus weitergearbeitet werden könne. Problematisch kann die Auswirkung der COVID-19-Pandemie auf einige Schuljahrgänge sein, wenn in den nächsten Jahren der Lernrückstand nicht aufgeholt wird. Denn die Kinder von heute mit wenig Lese- und Schreibkompetenz sind oft die Analphabeten von morgen. Daher soll der Fokus nicht ausschließlich auf der Alphabetisierung von Erwachsenen liegen, sondern es müssen auch deutlich mehr Leseangebote für jüngere Menschen offeriert werden, damit präventiv ein Hinabrutschen in einen Analphabetismus verhindert werden kann.

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