Stigma und Stereotype: Wie können “Brennpunktschulen” gelöscht werden?

Von
Annika Werner
|
18
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October 2023
|
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“Brennpunktschulen” im Blick: Zwischen Herausforderungen, Stigmatisierung und Chancen. (Quelle: Pexels)

Unterricht an einer brennenden Schule? Niemand außer Personen in feuerfesten Anzügen, mit Helm und Atemschutzmaske sollten in einem brennenden Gebäude sein. Dennoch stoßen wir im Alltag häufig auf den Begriff “Brennpunkt” und das nicht im Kontext von dem Schnittpunkt einer optischen Achse oder ab wann eine Flüssigkeit zu brennen beginnt. Gemeint sind Städte, Bezirke und Schulen – sogenannte “soziale Brennpunkte” und “Brennpunktschulen”. Was bedeutet es für Schüler:innen und Lehrkräfte an “Brennpunktschulen” zu lernen und zu unterrichten? Was sind überhaupt “Brennpunktschulen”? Wo die Schwierigkeiten und Möglichkeiten liegen und was unternommen werden muss, damit die Chance auf Bildungsgerechtigkeit erhöht wird, stellen wir euch in diesem Artikel vor.

Das Stigma “Brennpunktschule”

“Brennpunktschulen” oder “Problemschulen” – Begriffe, die schon im Vorhinein ein Gefühl der  Hoffnungslosigkeit vermitteln. Der Begriff “Brennpunktschule” hat zwar keine einheitliche Definition, lässt sich aber von dem Begriff “sozialer Brennpunkt” ableiten: ein Gebiet oder ein Viertel, in dem besonders viele sozial benachteiligte Menschen leben. Es geht also auf der einen Seite darum, dass sich die Schule in einem sozial schwachen Bezirk befindet und zum anderen, dass die Schüler:innen, die diese Schule besuchen, auch häufig aus sozial benachteiligten Familien stammen. 

Das Problem dabei: Das Attribut “Brennpunktschule” wird zum Stigma. Viele Menschen schrecken allein schon vor dem Begriff zurück, der mit vielen Stereotypen assoziiert ist: Lehrkräfte treffen auf Herausforderungen wie Gewalt, Armut und Migration. Sie unterrichten Schüler:innen, die vielleicht gerade erst in Deutschland angekommen sind und die Sprache noch nicht sprechen. Was also muss passieren, damit nicht nur Aufmerksamkeit auf die Probleme gerichtet wird, sondern auch Lösungen angeboten werden? Damit die Schulen ausreichend Förderung, Aufmerksamkeit und Ressourcen erhalten, müssen sie nicht zwangsweise nach etwas benannt werden, wo es allen Anschein nach brennt. Umschreibungen wie “strukturell benachteiligte Schule", "Schulen in schwieriger Lage” oder “Schulen mit erhöhtem Förderbedarf” verbessern das Stigma nur bedingt. Einige Bundesländer setzen bereits auf Begriffe, ohne einen abwertenden Stempel. Von Index-Schulen oder Bonus-Programmschulen wird mittlerweile in Hamburg und Berlin gesprochen – eine gute Lösung um die Relevanz und die Aufmerksamkeit der Schule zu erhöhen, ohne die Schule oder – schlimmer – die Schüler:innen zu stigmatisieren. 

Herausforderung auf dem Weg zur Bildungsgerechtigkeit: Lehrkräftemangel verschärft die Situationen noch weiter

Die Chance auf Bildungsgerechtigkeit ist an “Brennpunktschulen” nicht immer gegeben – und das hat viele Gründe: der Lehrkräftemangel, zu wenig qualifiziertes Fachpersonal wie Schulsozialarbeiter:innen und Pädagog:innen, zu wenig finanzielle Förderung durch den Bund und die Länder und zu wenig Zeit, um den Schüler:innen die Aufmerksamkeit und Förderung zu geben, die sie benötigen.

In einem Interview mit der Bundeszentrale für politische Bildung erzählt Bahar Aslan, Lehrerin an einer “Brennpunktschule”, dass sich Lehramtsanwärter:innen häufig für andere Schulen entscheiden würden und dass bestimmte Schulen für Lehrkräfte deutlich attraktiver wären als eben die “Brennpunktschulen”. Auf die Frage, warum das so wäre, beschreibt Bahar Aslan, dass es eine große Herausforderung sei, "eine Struktur reinzubringen und eine Lernatmosphäre zu schaffen” und dass sich manche Lehramtsanwärter:innen nicht vorstellen könnten, an dieser Schule zu unterrichten. Dabei sei die Förderung durch geschultes Personal gerade an den “Brennpunktschulen” extrem wichtig. Für Bahar Aslan gibt es einen konkreten Lösungsvorschlag: Eine angemessene soziale Bildungspolitik, welche auch Familien unterstützt und dafür sorgt, dass Schulen entsprechend besser ausgestattet werden, damit auch die Attraktivität für die Lehrkräfte wieder steigt. 

In einem Beitrag des ZDF erzählt der Schulleiter der Grundschule Kurt-Schumacher-Straße, Thorsten Seiß, dass der Lehrkräftemangel und die fehlende Bereitschaft an den Schulen zu unterrichten ein Problem sei, er aber alle Lehrkräfte und Anwärter:innen auffordern möchte diesen Job anzunehmen. Es sei eine tolle Arbeit, vor allem weil man Erfolge sehe und das Gefühl habe, etwas zu bewegen. 

Was muss sich ändern, um “Brennpunktschulen” zu löschen?

Bund und Länder möchten den Bildungserfolg der Schüler:innen nicht mehr von der sozialen Herkunft abhängig machen, sondern die Chance auf Bildungsgerechtigkeit ermöglichen. Mit dem Startchancen-Programm des BMBF werden ab kommenden Schuljahr 900 Schulen in Nordrhein-Westfalen finanziell unterstützt. Insgesamt sollen mit dem Programm circa 4000 Schulen deutschlandweit zu “Startchancen-Schulen” werden, um so mehr Platz und Möglichkeiten für Bildungsgerechtigkeit zu schaffen. 

Die Schule sollte ein positiver Ort mit einer angenehmen Lernatmosphäre sein – der Meinung ist auch Bahar Aslan. Kinder, die von Anfang an damit konfrontiert werden, auf eine sogenannte “Brennpunktschule” zu gehen, verlieren häufig schon die Hoffnung, noch bevor sie sich überhaupt voll entfaltet, denn wer möchte schon auf eine Schule gehen, an der es brennt? Mit einer offenen Einstellung und Worten wie "Hier seid ihr willkommen, wir nehmen euch hier an, egal woher ihr kommt, egal wie ihr seid", möchte Bahar Aslan den Schüler:innen einen positiven Bezug zu der Schule vermitteln. Die Schüler:innen benötigen angemessene Unterstützung beim Lernen und sie benötigen Zeit, um Beziehungen zu der Institution und zu den Lehrkräften aufzubauen. 

Aber auch Lehrkräfte können nicht allein das Feuer an einer brennenden Schule löschen. Dass der Bildungserfolg der Schüler:innen nur von der Arbeit der Lehrkräfte abhängen soll, ist eine Mammutaufgabe, die praktisch alleine nicht zu bewerkstelligen ist. Die Schulleitung, zusätzliches Fachpersonal aus dem sozialen und pädagogischen Bereich und eine hinreichende Unterstützung durch die Bildungspolitik können die Lehrkräfte unterstützen und entlasten. Sich nur auf die Förderung der Schule und der Schüler:innen zu konzentrieren und die Gesundheit der Lehrkräfte außer Acht zu lassen, wäre genauso als würde man tonnenweise Lebensmittel für den Supermarkt bestellen, aber am Ende ist niemand da, der die Waren verräumt, die Kasse bedient und für Ordnung sorgt. 

Was ist eure Meinung zu den sogenannten “Brennpunktschulen”? Wie kann das Feuer gelöscht werden und welche weiteren Maßnahmen sind erforderlich, damit am Ende das Feuer nicht wieder ausbricht? Wir lesen gerne eure Antworten dazu!

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