Von den KMK-Standards zu neuen Forderungen – Die Lehrerausbildung im Laufe der Zeit (Teil 2)

Gepostet von
Leon Noel Gärtner
|
30
.
March 2023
|
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Von den KMK-Standards zu neuen Forderungen – Die Lehrerausbildung im Laufe der Zeit (Teil 2)

Der Beruf einer Lehrkraft hat auch in Deutschland eine wechselvolle Geschichte. Im ersten Teil unserer Serie sind wir auf die historische Entwicklung der Lehrerausbildung eingegangen, aber wie steht es um das Thema  im Deutschland des Jahrs 2023? Die Bedürfnisse und Forderungen an das Bildungssystem haben sich seit der Zeit der deutschen Wiedervereinigung stetig weiterentwickelt. Neue, in allen Bundesländern anerkannte Richtlinien für die Ausbildung von Lehrkräften wurden 2004 durch die Kultusministerkonferenz in dem Beschluss “Standards für die Lehrerbildung: Bildungswissenschaften” festgelegt. Diese Standards sind seit dem Ausbildungsjahr 2005/2006 implementiert und wurden dreimal ergänzt. Zum ersten Mal 2014, um den Unterricht inklusiver zu gestalten, 2019 mit neuen Standards in Bezug auf digitale Erweiterungen und zuletzt 2022 um Kompetenzen in Prävention und Umgang mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, wie beispielsweise Antisemitismus zu stärken. Lehrkräfte werden heute definiert als Fachleute für das Lehren und Lernen, mit enger Verbindung zur Erziehung, dem Ausüben von Beurteilungs- und Beratungsaufgaben und dem Einverständnis, die eigenen Kompetenzen weiterzuentwickeln. Diese Kompetenzen sind in vier verschiedene Bereiche unterteilt und werden in 11 verschiedenen Aspekten definiert.

Kompetenzbereich Unterrichten:

  • Lehrkräfte planen Unterricht unter Berücksichtigung unterschiedlicher Lernvoraussetzungen und Entwicklungsprozesse fach- und sachgerecht und führen ihn sachlich und fachlich korrekt durch.
  • Lehrkräfte unterstützen durch die Gestaltung von Lernsituationen das Lernen von Schülerinnen und Schülern. Sie motivieren und befähigen die Schüler:innen, Zusammenhänge herzustellen und Gelerntes zu nutzen.
  • Lehrkräfte fördern die Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler zum selbstbestimmten Lernen und Arbeiten.

Kompetenzbereichen Erziehen:

  • Lehrkräfte kennen die sozialen, kulturellen und technologischen Lebensbedingungen, etwaige Benachteiligungen, Beeinträchtigungen und Barrieren von und für Schülerinnen und Schülern und nehmen im Rahmen der Schule Einfluss auf deren individuelle Entwicklung.
  • Lehrkräfte vermitteln Werte und Normen, eine Haltung der Wertschätzung und Anerkennung von Diversität und unterstützen selbstbestimmtes und reflektiertes Urteilen und Handeln von Schülerinnen und Schülern.
  • Lehrkräfte finden alters- und entwicklungspsychologisch adäquate Lösungsansätze für Schwierigkeiten und Konflikte in Schule und Unterricht und tragen zu einem wertschätzenden Umgang bei.

Kompetenzbereich Beurteilen:

  • Lehrkräfte diagnostizieren Lernvoraussetzungen und Lernprozesse von Schülerinnen und Schülern; sie fördern Schülerinnen und Schüler gezielt und beraten Lernende und deren Eltern.
  • Lehrkräfte erfassen die Leistungsentwicklung von Schülerinnen und Schülern und beurteilen Lernprozesse und Leistungen auf der Grundlage transparenter Beurteilungsmaßstäbe.

Kompetenzbereich Innovieren:

  • Lehrkräfte verstehen ihren Beruf als ständige Lernaufgabe und entwickeln ihre Kompetenzen weiter. 
  • Lehrkräfte beteiligen sich an der Schul- und Unterrichtsentwicklung.

Des Weiteren ist die Ausbildung selbst in zwei Phasen unterteilt, die universitäre Ausbildung und der Vorbereitungsdienst. Fort- und Weiterbildung wird als dritte Phase definiert. Doch obwohl diese bindenden Richtlinien existieren, ist die Ausbildung nicht immer gleich. Durch den Föderalismus sind auch die Ausbildungswege in den verschiedenen Bundesländern unterschiedlich. Das Referendariat nach dem Studium, welches den Vorbereitungsdienst beinhaltet, ist der verbindende Punkt. Im Referendariat, das abhängig von den Bundesländern innerhalb eines bestimmten Zeitraumes nach dem Abschluss erfolgen muss, kommt es zu den ersten richtigen Berufserfahrungen und wird oft als “Praxisschock” empfunden. Erst sobald dieses erfolgreich absolviert ist, ist die Ausbildung zur Lehrkraft beendet.

Problem und Zukunft

Doch ist unser System der Lehrerausbildung noch zeitgemäß? Hierzu mehren sich inzwischen immer mehr kritische Stimmen. Bob Blume, Lehrer und Bildungsinfluencer, fasst ein Kernproblem des Systems in einem Satz zusammen: “Der Weg ist steinig.” Was bedeutet das?

Die Ausbildung für den Bachelor dauert drei Jahre, darauf folgen drei weitere Jahre für den Master und danach folgt ein eineinhalbjähriges Referendariat. Bei diesem wird die angehende Lehrkraft darauf geprüft, ob sie die Kompetenzen hat, die im bisherigen Studium keine Rolle spielten – nämlich vor einer Klasse im Rahmen der Prüfungsnormen zu unterrichten. “Das Studium selbst hat wenig mit dem Job zu tun und wenn der Job selbst ausprobiert wird, ist es nicht der Zweck, die verschiedenen Facetten zu erforschen, sondern zu einem bestimmten Zeitpunkt so zu unterrichten, wie es die Fachleiter:innen wollen." " Wenn das scheitert, wird man keine Lehrkraft”, so Blume. 

In einem Jahrzehnt, so kritisierte Blume, werden angehende Lehrkräfte auf einen Job vorbereitet, auf eine Art und Weise, die selbst nichts mit dem Job zu tun hat. Weiterhin bemängelt er, dass nach Jahren des Trainings die angehenden Lehrkräfte nur in einem Moment auf einen Bruchteil geprüft werden und es dann möglicherweise doch nicht schaffen.

Quelle: danieljung.io

Daniel Jung, (Online)-Lehrer und Matheexperte, beschäftigt sich ebenfalls mit den Problemen des Bildungssystems und wie die Zukunft aussehen könnte. Dabei ging er zuletzt insbesondere auf den Zukunftstrend der künstlichen Intelligenz ein, der bislang noch kaum Berücksichtigung in der Ausbildung fand. „Ich weiß das ist ein sehr schwieriges Thema und dass muss man mit Vorsicht genießen, aber wenn wir in zehn Jahren 60 Prozent Jobs haben die noch keiner kennt, die noch erst erfunden werden, da ist für mich einfach ein großer Ansatz dass man lernt zu lernen.“ Schulen und Universitäten sind in dieser Hinsicht laut Jung noch  “sehr am Anfang”. Laut ihm ist die Künstliche Intelligenz etwas, dass es zu verstehen und weiterzugeben gilt. Lehrer:innen, Professor:innen und auch Schüler:innen sollten sich mit dem Begriff beschäftigen und welche Auswirkungen er noch haben könnte um nicht abgehängt zu werden. Eine Integration von KI in die Vorbereitungen zum Lehramt könnte dabei von nutzen sein.    

Aladin El-Mafaalani, Soziologe und Inhaber des Lehrstuhls für Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft an der Universität Osnabrück, vertritt die These, dass das deutsche Lern- und Ausbildungssystem auch im internationalen Maßstab zufriedenstellend funktioniere. Auch wenn die Ausbildunglänge dauert und pädagogische Anteile kürzer sind, sieht er das Hauptproblem bei mangelnder Fortbildung: “Wir haben kein systematisches Fortbildungssystem”, kritisiert El-Mafaalani. Dabei gebe es heutzutage neue technologische Möglichkeiten zur Vorbereitung wie (Online-)Seminare. Hier scheint noch ungenutztes Potenzial zu ruhen.

Damit wären zwei der vier Hauptkompetenzbereiche bereits in Gefahr, die des Innovieren und des Erziehen, mit pädagogischen und Fortbildungsmöglichkeiten in nicht ausreichenden Mengen.

Forderungen zu einer Reform der Lehrerausbildung sind schon seit geraumer Zeit laut geworden und ein Mangel an Reaktionen ist womöglich auch ein Grund für den prävalenten Lehrkräftemangel in vielen Bundesländern. Im Kontext des jüngsten Bildungsgipfels bleibt abzuwarten, wann und ob sich daran etwas ändert. Mögliche Ansatzpunkte liegen allerdings in dem Fördern von Seminaren, Integrierung von Künstlicher Intelligenz sowie einem besseren verschmelzen zwischen Studium und Referendariat.

Was denkt Ihr von der Entwicklung der heutigen Lehrkraftausbildung? Gibt es etwas, dass ihr euch im Studium an Veränderungen gewünscht hättet? Lasst uns gerne einen Kommentar da! 

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